Spac-Börsengang mit Anlaufproblem Der haarscharfe Börsenstart des Tesla-Nachahmers Lucid

Mehr Reichweite, bessere Beschleunigung als das Model S: Mit der Elektro-Limousine „Air“ will das US-Unternehmen Lucid Tesla angreifen. Nun hat das Unternehmen 4,4 Milliarden Dollar an der Börse eingesammelt. Der Spac-Börsengang wäre allerdings fast gescheitert.
An der New Yorker Börse angekommen: Mit seiner Luxus-Elektrolimousine Air orientiert sich Lucid Air klar an Teslas Geschäftsmodell - der Börsengang ist nun geglückt

An der New Yorker Börse angekommen: Mit seiner Luxus-Elektrolimousine Air orientiert sich Lucid Air klar an Teslas Geschäftsmodell - der Börsengang ist nun geglückt

Foto: ANDREW KELLY / REUTERS

Rund 800 Kilometer Reichweite und 1080 PS in der Top-Version, ein riesiges Panorama-Glasdach und reichlich Platz im Inneren: Keine Frage, das bis zu 170.000 Dollar teure, "Air" genannte Erstlingsmodell von Lucid Motors macht außen und innen einiges her. Verantwortlich für den Air ist der ehemalige Chefingenieur von Teslas Model S, Peter Rawlinson. Der gebürtige Brite überwarf sich mit Tesla-Chef Elon Musk, heuerte 2013 als Technik-Chef beim Lucid-Vorläufer Atieva an und stieg 2019 zum Lucid-Motors-CEO auf.

Seit acht Jahren arbeitet Rawlinson daran, seinem alten Arbeitgeber in die Parade zu fahren. Lucid hält sich in vielem genau ans Vorbild Tesla, startet etwa mit einem teuren Oberklasse-Fahrzeug und einem besonders spurtstarken Antrieb. Leicht fiel den Kaliforniern der Weg vom Konzeptauto zum Serienfahrzeug dennoch nicht. Lucid kämpfte mehrfach mit Finanzproblemen, hatte auch deshalb große Mühen beim Kauf und Aufbau seiner Fabrik, musste den Marktstart des Air mehrfach nach hinten verschieben. Einfacher wurde es für Lucid erst, als der saudi-arabische Staatsfonds mit einer Milliarde Dollar bei dem kalifornischen Start-up einstieg.

Noch gibt es den Air nur als Konzeptfahrzeug, die Auslieferung der ersten Serienfahrzeuge soll in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 erfolgen. Für den Ausbau seiner Produktion hat Lucid nun eine Menge Kapital zur Verfügung: Seit Montag wird der Autobauer als Lucid Group an der New Yorker Börse Nasdaq gehandelt. 4,4 Milliarden Dollar bringe der Börsengang ein, gab Lucid dazu bekannt. Gleich zu Börsenstart kletterte die Aktie der Lucid-Gruppe um knapp 7 Prozent an und ging schließlich mit einem Plus von rund 10 Prozent aus dem Handel.

Schwarmanleger erschwerten Lucid-IPO

Erfolgt ist der IPO durch die Verschmelzung mit der Börsenhülle Churchill Capital Corp IV. Es ist ein weiteres Zeichen dafür, wie stark sich das Wettrennen um die Zukunft des Autos an die Wall Street verlagert . Über 11.000 bezahlte Reservierungen für den Lucid Air habe man bereits, hieß es dazu in einer Presseaussendung – samt einem "exzellenten Führungsteam". Neben Rawlinson ist auch der ehemalige Mercedes-Finanzvorstand Frank Lindenberg (58) im Verwaltungsrat von Lucid vertreten.

Große Namen also für den großen Aufschlag. Allerdings: Reibungslos lief der Spac-Börsengang nicht. Vergangenen Donnerstag sollten die Anteilseigner des Börsenvehikels Churchill eigentlich die Fusion mit Lucid durchwinken. Im ersten Versuch misslang dies: Es gab zu wenig Stimmen, Lucid verlängerte deshalb die Frist bis Freitag und verschob den Börsengang auf Montag.

An der mangelnden Unterstützung der wählenden Anteilseigner lag es laut Medienberichten nicht – sondern eher daran, dass zu wenig Anteilseigner Stimmen abgaben. Im Vorfeld hatten zahlreiche Privatinvestoren, die der Wallstreetbets-und Reddit-Crowd-Bewegung nahe stehen, Churchill-Anteile erworben.

Rawlinson und der Chef der Spac-Börsenhülle Churchill, Wall-Street-Investor Michael Klein, mussten deshalb in einem Call am Donnerstag quasi um Stimmen betteln. Es gelang ihnen letztlich, die notwendige Stimmenmehrheit der Anteilseigner zusammenzubekommen. Doch die ganze Sache war ziemlich knapp. Das zeigte "Stolpersteine für Spacs", die eine große Zahl an Amateurinvestoren anziehen, meinte die "Financial Times" süffisant .

Immerhin sei Lucid aber jener via Spac börsennotierte potenzielle Tesla-Widersacher, dessen Serienfertigung tatsächlich kurz bevorstehe, urteilt das "Wall Street Journal".  Mit dem Air will Lucid den derzeit effizientesten Elektro-Antriebsstrang auf den Markt bringen: Lucids E-Motoren sollen um knapp 20 Prozent weniger Kilowattstunden je 100 Kilometer verbrauchen als Teslas aktuelle Technik.

Lucids großer Konkurrent kommt aus Stuttgart

Allzu große Finanzprobleme hat Lucid vorerst nicht mehr – die Blaupause Tesla hält aber auch für Lucid einige Warnungen bereit. So brauchte Tesla Jahre, um als ernstzunehmender Autohersteller wahrgenommen zu werden. Zum Marktstart von Teslas Model 3 gab es massive Anlauf- und Qualitätsprobleme.

Lucid hat also noch einiges vor sich, bevor es mit Fug und Recht als Tesla-Konkurrent bezeichnet werden kann. Immerhin hat Lucid jenen Deutschen unter Vertrag, der Teslas Model 3 einst aus der "Produktionshölle" retten sollte: Den ehemaligen Audi-Mann Peter Hochholdinger (59), der nun Lucids Werk in der Wüste von Arizona mit aufbaut.

Rawlinson bekommt aber gleich zum Air-Marktstart einen harten Konkurrenten aus der traditionellen Autoindustrie: Denn Ende 2021 wird auch Daimlers Elektrolimousine Mercedes EQS in den USA auf den Markt kommen. Hervorstechendstes Merkmal des schwäbischen Luxusgleiters neben der Innenraum-Opulenz ist sein besonders effizienter Antrieb – der eine Norm-Reichweite von 770 Kilometern ermöglicht.

Nicht nur Lucid sägt also an einem der wichtigsten Tesla-Versprechen, nämlich dem effizientesten Antrieb am Markt.

wed
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