Lost in Neuland Die verzweifelte Suche der Autobauer nach Mobilitätsmodellen

Mobilität in Metropolen: Die Autobauer suchen händeringend nach zukunftsweisenden Geschäftsmodellen

Mobilität in Metropolen: Die Autobauer suchen händeringend nach zukunftsweisenden Geschäftsmodellen

Foto: Tobias Kleinschmidt/ dpa

Die Nachricht lief vielerorts unter ferner liefen: Das französische Mitfahrportal BlaBlaCar übernimmt den Wettbewerber Carpooling, in Deutschland bekannt unter Mitfahrgelegenheit.de. Was zunächst wie eine der vielen Start-up-Meldungen klingt, ist auf den zweiten Blick viel mehr: Es ist ein weiterer Beleg dafür, wie schwer sich die deutschen Autobauer mit der Erschließung neuer Geschäftsmodelle tun.

Denn Carpooling war eine der Plattformen, auf die der deutsche Autobauer Daimler  Hoffnungen gesetzt hatte. Nun streicht Daimler die Segel. Und schlägt seine Minderheitsbeteiligung wieder los. Es hätte nichts gebracht, sich in der Konkurrenz zu den Franzosen aufzureiben, heißt es bei Daimler zu Begründung. "Zwei Plattformen, die sich gegenseitig bekämpfen, hätten auf Dauer keinen Sinn gemacht."

Dass das klassische Geschäftsmodell, das BMW  , Audi  und Volkswagen  über Jahrzehnte erfolgreich betrieben und immer noch betreiben, ergänzt werden muss, um auch in Metropolen zukunftsfähig zu bleiben, darüber herrscht bei den Autobauern Einigkeit.

"Wir können nicht das, was die Industrie in der Vergangenheit gemacht hat, in den großen Metropolen der Welt genauso weiter machen. Das wird nicht funktionieren. Wir müssen mit neuen Lösungen kommen", brachte es BMW-Vorstand Ian Robertson in einemInterview mit manager magazin auf den Punkt.

Zukunftsfähige Konzepte für die Städte dringend gesucht

Doch wie das tatsächlich gelingen kann, daran arbeiten die Konzerne noch. Und sie tun sich offensichtlich schwer damit.

So hat die Daimler Mobilitäts-Tochter Moovel angekündigt "das Amazon der Mobilität" werden zu wollen. Und hat im Zuge der erweiterten Mobilitätstrategie im vergangenen Jahr beispielsweise die einst als revolutionär gefeierte Taxi-App Mytaxi übernommen.

Zuletzt ist es um das Start-up aber still geworden. Der mit Milliarden aufgepumpte US-Konzern Uber steht - wenn auch nicht mit unbedingt positiven Schlagzeilen - viel stärker im Licht der Öffentlichkeit.

Und nun steigt Daimler auch noch bei Carpooling aus. Die Werbetrommel für die eigene Plattform Moovel, auf der Kunden sich mit dem für sie günstigsten Mobilitätsanbieter verbinden lassen können und bei der Daimler auf Einkünfte durch Vermittlungsprovisionen setzt, rührt der Autobauer indes nur sehr verhalten.

Zwar sponserte der Automobilkonzern vereinzelte Konzerte, um bei der relevanten Zielgruppe einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen. Doch flächendeckende Werbung war bislang Fehlanzeige.

Auch BMW will sich nicht festlegen

In der breiten Öffentlichkeit bleibt die Marke Moovel damit relativ unbekannt. Anders als das Daimler/Europcar Carsharing-Venture Car2Go, das mittlerweile in mehr als acht Ländern mehr als eine Million Kunden nutzen und die an mehreren Standorten bereits profitabel ist.

Am Ziel, mit Moovel das "Amazon der Mobilität" aufbauen zu wollen, halte man fest, erklärte ein Sprecher der Daimler-Mobilitätstochter. Da könne man auf "volle Rückendeckung des Vorstands" setzen.

Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte sich für die Entwicklung neuer Mobilitäts-Geschäftsmodelle stark gemacht. "Wenn wir dieses Angebot nicht haben, dann werden es andere machen", lautete seine Argumentation.

"Wenn wir es nicht machen, dann machen es die anderen"

Auch die anderen Autobauer tun sich mit der Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle im Mobilitätssektor noch schwer. So betreibt BMW  zwar zusammen mit Sixt bereits seit 2011 den stationsunabhängigen Carsharer DriveNow, der neben Deutschland mittlerweile auch in London, San Francisco und Wien vertreten ist. Und ist damit in Deutschland seit 2014 auch profitabel.

Doch eine klare Strategie in Sachen neuer Mobilitätsmodelle ist bei BMW Fehlanzeige. "Wir gehen das Ganze sehr flexibel an", heißt es dazu im BMW-Vorstand. "Was vielleicht vor einem Jahr vollkommen logisch erschien, ist dies vielleicht im nächsten Jahr nicht mehr. Flexibel sein ist aktuell strategisch entscheidend", sagte BMW-Vertriebsvorstand Ian Robertson kürzlich manager magazin.

Auch der Autobauer Volkswagen experimentiert mit neuen Mobilitätsmodellen - wenn auch deutlich verhaltener und weniger öffentlichkeitswirksam als seine Wettbewerber.

Volkswagen experimentiert in China

So sammelt Volkswagen in Hannover ganz klein erste Erfahrungen mit dem noch ziemlich konventionellen Carsharer Quicar, bei dem Kunden anders als bei car2Go und Drive now noch an fixe Abhol und Abgebe-Stationen gebunden sind.

Zudem haben die Wolfsburger zusammen mit einem niederländischen Partner 2013 den Carsharer Greenwheels übernommen.

Und stehen offenbar kurz davor, in China ihr 2014 gestartetes Corporate-Carsharing-Pilotprojekt VRent weiter auszurollen, bei dem Mitarbeiter eines Gebäudekomplexes Zugriff auf einen gemeinsamen Fuhrpark haben. Ein Modell, mit dem der Autobauer auch von dem in China massiv beschränkten Zugang zu Zulassungen profitieren könnte.

Auch Audi testet - punktuell

Und auch die Tochter Audi mischt mit bei der Suche nach der Zukunft der Mobilität. In Stockholm können sich beim Piloten "Audi Unite" bis zu fünf Personen für ein oder zwei Jahre ein Auto teilen können - vom Kleinwagen bis zur Oberklasselimousine A8.

Beim Pilot "Audi Select" in Berlin setzt der Konzern hingegen mehr auf das Auswahlprinzip: Hierbei teilen sich nicht mehrere Personen ein Auto, sondern ein Kunde kann innerhalb eines Jahres bis zu drei verschiedene Audi-Modelle fahren.

Die Erleuchtung - welche Modellen das Produktionsgeschäft künftig sinnvoll ergänzen können, ist bislang jedoch ausgeblieben. "Wir testen noch unterschiedliche Modelle", heißt es beim Konzern - "um zu sehen, inwieweit da ein Businesscase entstehen kann."

Mit ihrer Suche stehen die Wolfsburger ganz offensichtlich nicht alleine da.