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Carsharing: Die wichtigsten Anbieter in Deutschland

Foto: Daimler

Kurzzeit-Automiete Weshalb Carsharing plötzlich so gut ankommt

Lieber leihen statt besitzen: Was bei Nachbarn auf Dauer für Ärger sorgt, funktioniert bei der Kurzzeit-Automiete bestens. Denn die Zahl der Carsharing-Kunden steigt steil an. Noch sind die Umsätze mickrig. Doch das Geschäft ist für Autohersteller aus anderen Gründen spannend.

Hamburg - Eigentlich ist die Grundidee des Carsharing bestechend simpel: Mehrere Personen teilen sich ein Auto, das erhöht die Auslastung und senkt die Kosten für jeden einzelnen. In vielen Familien und in der Nachbarschaft funktioniert dieses Modell bereits seit Jahrzehnten. Doch im kommerziellen Maßstab war das Autoteilen viele Jahre eher etwas für die Birkenstock-Fraktion unter den Städtern.

Wer auf Carsharing setzte, musste bis vor kurzem prinzipienfest und mobilitätstechnisch hartgesotten sein. Feste Abhol- und Rückgabeplätze, monatliche Fixkosten, dazu noch umständliche Tarifkombinationen - Carsharing war vielleicht ökologisch korrekt, aber alles andere als cool und einfach.

Das hat sich in den letzten zwei Jahren geändert: In Berlin, München, Hamburg oder Köln kurven täglich hunderte auffällig bemalte Autos durch die Straßen, meist mit jüngeren Fahrern hinter dem Lenkrad. Die Autos stehen mitten im Stadtgebiet auf ganz normalen Parkplätzen, reservieren lassen sie sich binnen Sekunden via Smartphone. Monatliche Kosten gibt es bei Anbietern wie Car2Go oder DriveNow erst gar nicht. Stattdessen zahlen die Nutzer pro Fahrminute - und müssen sich weder ums Tanken noch um die Pflege der Fahrzeuge selbst kümmern.

Noch sind die Umsätze der Carsharing-Anbieter relativ klein. Doch das Geschäft mit der Kurzzeitvermietung von Autos könnte in wenigen Jahren ein Milliardenmarkt werden. Das zeigt eine Studie der Unternehmensberatung AlixPartners, die manager magazin online vorliegt.

Jährlicher Kundenzuwachs von 44 Prozent bis 2020

In Europa soll die Zahl der Carsharing-Nutzer von 0,8 Millionen im Jahr 2012 auf 15 Millionen im Jahr 2020 steigen, haben die Unternehmensberater ermittelt. Das ist eine jährliche Zuwachsrate von 44 Prozent. Die Zahl der Carsharing-Autos wird sich im selben Zeitraum mehr als verzehnfachen von 22.000 auf rund 240.000.

Gerade junge Menschen in Europas dicht besiedelten Großstädten sind die idealen Kunden für die Carsharing-Anbieter. Denn das Angebot an Parkplätzen ist knapp - und für Garagenplätze werden oft hundert Euro und mehr pro Monat fällig. "Jüngere Menschen besonders in den Ballungsräumen lieben die Flexibilität und wollen sich oftmals nicht mehr daran binden, ein Auto zu besitzen", sagt Elmar Kades, Managing Director bei AlixPartners.

Doch das bisherige Geschäftsmodell der Autohersteller basiert nun mal auf Besitz. Mit dem Verleihen von Autos haben die großen Hersteller teils jahrzehntelang experimentiert, doch die meisten haben ihre Anteile an Mietwagenunternehmen verkauft.

Daimler und BMW geben beim Autoteilen Gas

Nun wagen einige große Autofirmen notgedrungen einen neuen Anlauf mit einem abgeänderten Konzept: Statt tage- oder stundenweiser Vermietung setzen viele Anbieter nun auf minutengenaue Tarife. Ebenso flexibel wie die Tarife sind bei einigen Anbietern auch die Anmietstationen: Es gibt sie nicht mehr. Stattdessen finden Kunden das nächste freie Auto via Internet oder Smartphone - und bekommen dessen Standort bequem auf einer Online-Karte angezeigt.

Nach diesem Prinzip funktioniert etwa das Carsharing-Modell der Daimler-Tochter Car2Go. An insgesamt 25 Standorten fahren die blau-weißen Smarts des Carsharing-Anbieters mittlerweile durch die Städte, 500.000 Kunden hat Car2Go bereits laut Eigenangaben. Dabei arbeitet der Carsharer mit dem Autovermieter Europcar zusammen. Für Smart-Chefin Annette Winkler ist der Autoteiler bereits der größte Kunde, wie sie kürzlich im Interview erzählte.

Laut Eigenangaben schreibt Car2Go bereits in einigen Städten Gewinne - doch insgesamt ist das Tochterunternehmen von Daimler  auch wegen seiner schnellen Expansion noch in den roten Zahlen. In sieben Jahren soll Car2Go bereits eine Milliarde Umsatz pro Jahr einfahren, meinen die Daimler-Leute - und dieses Umsatzziel hat auch Konkurrent BMW  für seinen Carsharing-Aktivitäten ausgerufen.

Gemeinsam mit dem Autovermieter Sixt  betreibt BMW das Carsharing-Jointventure DriveNow. Derzeit insgesamt 6 Städten sind insgesamt mehr als 2000 Fahrzeuge zur Kurzzeit-Miete vorhanden, laut Eigenangaben hatte DriveNow im September bereits knapp 160.000 Kunden. Bis zum Jahr 2020 soll DriveNow eine Million Kunden haben.

Durchbruch dank Smartphone

Auch die Massenhersteller strecken ihre Fühler in Richtung Autoteilen aus. Europas zweitgrößter Autohersteller PSA Peugeot Citroen ist mit seinem Carsharing-System Multicity nur in Berlin aktiv - bietet dort aber eine Flotte von Elektroautos. Ford und Toyota haben ihre Carsharing-Angebote außerhalb Europas gestartet. Volkswagen wartet konzerntypisch lieber erstmal ab, ob sich das Autoteilen wirklich durchsetzt - und bietet sein Carsharing-System Quicar bislang nur in Hannover an.

Neben den von Herstellern mitfinanzierten Carsharing-Angeboten gibt es in Deutschland auch den Anbieter Citeecar, der von einem Luxemburger Investmentfonds mitfinanziert wird. Citeecar ist bereits in Berlin, Hamburg, München und Frankfurt vertreten - und wirbt mit besonders günstigen Preisen. Und auch Carsharing-Unternehmen der ersten Stunde profitieren vom neu entfachten Interesse für das Autoteilen. Anbieter wie Stattauto oder Greenwheels haben ihre Tarifmodelle deutlich vereinfacht - und können nun ebenfalls wachsende Nutzerzahlen vermelden.

Den Durchbruch der Carsharing-Angebote führt Kades' Kollege Jens Wiese, Director und Mitglied der Geschäftsleitung bei AlixPartners, auf einen Hauptfaktor zurück: Moderne Kommunikationstechnologien. "Per Smartphone können Kunden sehen, wo die Fahrzeuge stehen", so Wiese. Via RFID-Chips auf Führerscheinen oder eigenen Karten öffnen Kunden die Autos ohne Schlüssel. Am Ende einer Fahrt meldet das Fahrzeug selbst, wo es abgestellt ist.

Auch Mitfahrgelegenheiten werden smarter

"Früher musste ich die Fahrzeuge bei einer Anlaufstation abholen", beschreibt Jens Wiese den Wandel der Konzepte. "Heute kann ich ein Auto noch während des Abendessens per Smartphone buchen". Diese Bequemlichkeit schätzen die Kunden - und das schlägt sich in steigenden Nutzerzahlen der Carsharing-Angebote der Automobilhersteller nieder.

Doch die beiden Autoexperten Kades und Wiese glauben nicht, dass die Autohersteller das Geschäft komplett an sich ziehen werden. "Carsharing ist eine ganz natürliche Erweiterung des Geschäftsfelds von Mietwagenunternehmen", meint Unternehmensberater Wiese. Dennoch ist es für die Autoproduzenten wichtig, hier im Boot zu bleiben, erklärt Elmar Kades. "Hersteller lernen durch Carsharing sehr genau, wie ihr Fahrzeug genutzt wird und welche Kunden das anspricht", so Kades. "Das ist eine Chance, sehr viel über die Mobilität der Zukunft herauszufinden."

Doch es nicht nur das klassische Carsharing, dass durch die Verbreitung von Smartphones eine Verjüngungskur erfährt. Auch die unter Studenten beliebte Mitfahrgelegenheit lässt sich so viel effizienter und damit auch gewinnbringender organisieren. "Den meisten Autoherstellern ist klar, dass die Entwicklung nicht aufzuhalten ist," sagt Flinc-Gründer Benjamin Kirschner. "Sie wollen lieber Teil des Ganzen sein, als am Rande zu stehen", meint er im Gespräch mit manager magazin online.

Hersteller müssen künftig mehr anbieten

Und auch Kirschner argumentiert, dass Autohersteller von dieser Art der automobilen Fortbewegung viel lernen können. "Sie wollen verstehen, wie sich Mobilität verändert," drückt er es aus. Die günstige Langstreckenfahrt bieten die Flinc-Nutzer zwar auch an - doch viel wichtiger für sein Geschäftsmodell sind die täglichen Pendelfahrten.

"Firmen regen ihre Mitarbeiter verstärkt an, Fahrgemeinschaften zu bilden", hat Kirschner beobachtet. Denn das spart den Unternehmen Parkplätze, und auf dem Weg zur Arbeit lernen sich Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen kennen. Auch das ist eine schon lange praktizierte Form des Autoteilens - und dank neuer Technik wird dies auch für Autohersteller interessant. Denn dank Smartphone wird die Organisation für Mitfahrwillige deutlich einfacher.

Mit einer Beteiligung am Flinc-Konkurrenten Mitfahrgelegenheit.de tastet sich Daimler auch in diesem Bereich vor. Dennoch machen die neubelebten Möglichkeiten des Autoteilens den Herstellern zu schaffen. Denn ihre bisherigen Verkaufsstrategien wollen nicht mehr so recht verfangen.

Doch immerhin haben sie nun viel mehr Daten als früher zur Verfügung, um entsprechend attraktive Angebote zu machen. Die müssen aber künftig mehr umfassen als den Verkauf von Neuwagen samt Garantie- und Wartungspaketen. Wenn sie jüngere Stadtbewohner ansprechen wollen, werden die Hersteller künftig viel mehr Mobilitätsdienstleistungen verkaufen müssen. Diese Zielgruppe können sie dann kaum mehr mit "Freude am Fahren" ködern - sondern eher mit der "Freude am flexiblen Wechseln".

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