Automobilindustrie Warum Audi auf Öko-Gas setzt

Audi geht unter die Kraftstoffhersteller: In einer neuen Anlage produziert der Autohersteller künftig aus Ökostrom und Wasser synthetisches Erdgas. Damit will Audi seine Fahrzeuge besonders umweltfreundlich machen - und modifiziert gleichzeitig seine Strategie für alternative Antriebe.
Audi A3 g-tron: Mit synthetischem Erdgas kann das Auto künftig CO2-neutral fahren

Audi A3 g-tron: Mit synthetischem Erdgas kann das Auto künftig CO2-neutral fahren

Foto: Audi

Werlte - Für gestresste Großstädter ist Werlte im Emsland ein idealer Ort, um ein paar Tage auszuspannen: Satte grüne Felder säumen die 10.000-Einwohner-Gemeinde in Niedersachsen. Drei Naturschutzgebiete liegen in unmittelbarer Umgebung, der nächste Autobahnanschluss ist 35 Straßenkilometer entfernt.

Hochrangige Politiker, Umweltschutz-Experten oder Manager von Autokonzernen fanden eher selten ihren Weg nach Werlte - bis vor kurzem jedenfalls. Denn wenige Kilometer außerhalb des Ortes hat der Anlagenbauer Etogas im Auftrag des Autoherstellers Audi  ein Gewirr aus silbrig glänzenden Rohren, mehren Meter hohen Metallzylindern und weiß getünchten Gebäuden errichtet. Damit will Audi jährlich 1000 Tonnen synthetisches Methan herstellen und in das Erdgasnetz einspeisen. Die Zutaten dazu: Ökostrom, Wasser und Kohlendioxid (CO2), das aus einer benachbarten Biogasanlage stammt.

Die gesamte Apparatur, die auf rund 5000 Quadratmetern Fläche steht, ist die weltweit größte Power-to-Gas-Anlage im industriellen Maßstab, hieß es bei der Eröffnung der Anlage in dieser Woche. Entsprechend groß sind auch die Erwartungen. "Was sie hier machen, ist ein Stück Geschichte", sagte Bundesumweltminister Peter Altmeier in seinem Grußwort. Heinz Hollerweger, Leiter der Gesamtfahrzeugentwicklung bei Audi, sprach von einem "großen Schritt in die Mobilität der Zukunft".

Solche Aufmunterungen kann der Ingolstädter Luxusautohersteller derzeit gut gebrauchen. Denn in letzter Zeit stand Audi in der Kritik, seinen Werbeslogan, "Vorsprung durch Technik" kaum mehr einzulösen. Bei der Eröffnung der Anlage in Werlte nutzte Audi die Chance, sich als umweltfreundlicher und besonders innovativer Luxusautohersteller zu präsentieren. Doch dabei setzte das Unternehmen nicht auf Marktschreierei - sondern präsentierte in leisen Tönen ein durchaus stimmiges Gesamtkonzept.

Dabei ging eines fast unter: Audi richtet seine Strategie für die Zukunft neu aus - und geht bei alternativen Antrieben einen anderen Weg als die Erzkonkurrenten BMW und Daimler.

Per Tankkarte CO2-neutral fahren

Mit dem künstlich hergestellten Erdgas, das Audi als E-Gas bezeichnet, will der Autohersteller zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen lässt sich mit der Anlage überschüssiger Strom aus Windkraftanlagen in Form von Erdgas speichern, was Energiewende-Verfechter wie Altmeier auf die Seite des Autoherstellers bringt. Zwar hat die Anlage derzeit nur einen Wirkungsgrad von 54 Prozent, da in mehreren Umwandlungsschritten Energie in Form von Wärme verloren geht. Doch Audi hofft, diesen Wert auf 70 Prozent steigern zu können.

Zum anderen will der Autohersteller mit dem Gas vorerst ein Modell seiner Marke möglichst CO2-arm fahren lassen. Ab Ende dieses Jahres bietet Audi sein Kompaktauto A3 auch mit einem Gasmotor an - gegen einen Aufpreis von 2500 Euro. Die Anlage in Werlte soll es Käufern des g-tron getauften Modells ermöglichen, ihr Modell mit Gasmotor fast völlig CO2-neutral zu fahren, wenn sie dem Audi-Gesamtkonzept folgen und beim Tanken eine spezielle Karte vorlegen (Erklärung siehe Kasten links).

Damit betritt die Luxusmarke Audi ungewohntes Terrain. Zwar bieten zahlreiche Autohersteller längst Modelle mit Gasmotoren an. Doch bislang galt der Antrieb eher als Alternative für kühle Rechner. Die Spritkosten sind im Gasbetrieb zwar deutlich niedriger, und der CO2-Ausstoß ist um bis zu 20 Prozent niedriger als beim Verbrennen von Diesel oder Benzin. Bauartbedingt sind Gasmotoren allerdings etwas weniger zugstark als ihre Benzinbrüder - und das dürfte die Fahrspaß-Fraktion unter den Audi-Fahrern nicht so gerne hören.

Auch der A3 g-tron fällt mit 110 PS etwas schwachbrüstiger aus als das herkömmliche Einstiegsmodell, das mindestens 122 PS bietet. Dennoch fährt sich das Fahrzeug im Sportmodus spritzig, auch wenn der Motor in den höheren Drehzahlbereichen deutlich zu hören ist.

"Kunden erst langsam zum Premium-Gas hinführen"

Im Gespräch mit manager magazin online betont Audi-Manager Hollerweger, dass der im A3 eingesetzte Gasmotor dank Turboaufladung mit den Einstiegsmodellen mithalten kann. Doch zu hohe Erwartungen dämpft er im Vorfeld. Mit dem A3 g-tron gehe der Autohersteller neue Wege, es sei Audis erstes Modell mit Gasmotor. "Wir müssen die Kunden erst langsam zum Premium-Gas hinführen", meint er. Zwar überlegt Audi laut Hollerweger, Gasmotoren künftig auch in weiteren Baureihen anzubieten. Doch konkrete Entscheidungen für künftige Gas-Modelle gebe es derzeit noch nicht.

In die Kraftstoffherstellung will Audi allerdings nicht im großindustriellen Maßstab einsteigen. "Wir wollen mit der Anlage neue Wege der Technologie aufzeigen", sagt Hollerweger. Audi spricht bereits mit Partnern aus der Mineralölwirtschaft und Energieversorgern. Sie sollen dann den Bau weiterer E-Gas-Anlagen übernehmen, wenn sich der Ansatz als erfolgreich erweist.

Vorsprung gegenüber deutschen Konkurrenten

Immerhin kann Audi mit der Anlage in der niedersächsischen Provinz einen Anspruch einlösen: Bei der Herstellung von klimaneutralem Erdgas und dazupassenden umweltfreundlichen Automodellen hat der Autohersteller einen Vorsprung durch Technik gegenüber seinen deutschen Konkurrenten. Zwar bietet Mercedes die B- und E-Klasse auch mit Erdgas-Motor an, allerdings ohne Option auf CO2-neutrales Gas. BMW hat derzeit in keiner seiner Baureihen einen Erdgasmotor im Programm.

Mit dem E-Gas aus Werlte hofft Audi aber auch auf einem anderen wichtigen Feld auf Vorteile. Denn laut EU-Vorgaben soll der durchschnittliche Ausstoß aller verkauften Neuwagen eines Herstellers auf 95 Gramm CO2 pro Kilometer sinken. Nach den derzeitigen Regelungen werden aber die A3 g-trons samt Tankkarte als normale Gasfahrzeuge gewertet, obwohl sie mit dem synthetischen Erdgas rechnerisch CO2-neutral fahren.

Schwenk in Richtung Plugin-Hybrid

Die Ingolstädter streben deshalb von der Politik "eine Form der Anrechenbarkeit" für die Fahrzeuge an, wie es Fahrzeugentwickler Hollerweger ausdrückt - sei es über spezielle Boni oder besonders niedrige CO2-Verbrauchszahlen.

Das könnte in den kommenden Jahren wichtig werden. Audis Erzkonkurrent BMW bringt sein Elektroauto i3 auch deshalb auf den Markt, um die strengen CO2-Vorgaben der EU erfüllen zu können. Denn reine Stromer werden als Nullemissionsfahrzeuge gewertet - und hübschen so die CO2-Bilanz der Neuwagenflotte auf.

Den Weg in Richtung reines Elektroauto verfolgt Audi allerdings nicht weiter. Vor kurzem hat Audi sämtliche Pläne für rein batteriebetriebene Stromer auf Eis gelegt - obwohl die Stromerversionen des Kleinwagens A1 und des Sportwagens R8 fertig entwickelt sind. Feldversuche von Audi hätten ergeben, dass Audi-Kunden nicht mit Reichweiten-Einschränkung leben wollen, begründet Hollerweger den Rückzug.

Abkehr von der reinen Elektroauto-Lehre

Stattdessen setzt Audi nun auf Plugin-Hybridautos, die bis zu 50 Kilometer rein elektrisch fahren, bevor sich ein herkömmlicher Verbrennungsmotor zuschaltet. Im ersten Halbjahr 2014 bringt Audi den A3 auch mit einer solchen Antriebsvariante auf den Markt, bis 2020 sollen laut Hollerweger sämtliche wesentlichen großen Baureihen als Plugin-Hybride verfügbar sein.

Das klingt nach einer klaren Strategie - und ist doch eine Kehrtwende gegenüber früheren Aussagen. Denn vor drei Jahren noch schmiedete Audi große Pläne für seine Elektroautos: Damals peilte der Konzern sechsstellige Stromer-Absatzzahlen für 2020 an.

Zwar hat Audi nun seine Anlage in Werlte. Die dazupassenden Gasmotoren im A3 sind durchaus beeindruckende Aggregate. Doch für einen echten Technik-Vorsprung fehlen noch weitere Innovationen. Die lieferte Audi früher etwa mit der Alu-Karosserie, dem Quattro-Allradantrieb oder dem TDI-Motor. Der neue Technik-Vorstand Ulrich Hackenberg hat einiges an Arbeit vor sich.

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