Mittwoch, 18. September 2019

Elektro-Bündnis mit BMW Volkswagens Testballon für eine neue Strategie in USA

VW e-Golf: In den USA soll das Elektroauto bald an 100 Schnelladesäulen tanken können, die von VW finanziert werden

Es ist ein ungewöhnlicher Schritt zweier ungleicher Partner: Gemeinsam investieren VW und BMW in ein Netz von Schnellladestationen in den USA. Damit will VW nicht nur Tesla in Schach halten - sondern auch einen möglichen Strategiewechsel fernab der Heimat testen.

Hamburg - Ihren jüngsten Vorstoß im Bereich Elektromobilität wollen Volkwagen und BMW offenbar nicht an die ganz große Glocke hängen. Gemeinsam stecken die beiden Konkurrenten Millionen in die US-Infrastruktur für Elektroautos. Mindestens 100 Schnellladestationen wollen die beiden deutschen Autobauer auf vielbefahrenen Strecken an der Ost- und Westküste aufstellen lassen - von ihrem Partner Chargepoint, der bereits 20.000 Ladestationen in Nordamerika betreibt.

Ein "signifikanter Millionenbetrag" werde dafür eingesetzt, versicherten BMW Börsen-Chart zeigen und VW Börsen-Chart zeigen. Doch verkündet haben die beiden Unternehmen diese Neuigkeiten nicht auf Amerikas größter Automesse in Detroit, die noch bis Sonntag läuft, sondern gestern auf der unbekannten Washington Auto Show.

Dabei ist die Ankündigung keine Kleinigkeit, sondern ein Kursschwenk. Bisher machten deutsche Autohersteller einen weiten Bogen um Investitionen in die Lade-Infrastruktur. Ein engmaschiges Netz an Ladesäulen aufzubauen sei Aufgabe von Energieversorgern, Kommunen oder privaten Betreibern, lautete das Credo.

In Deutschland hat das zu einer wenig ausgeglichenen Verteilung der Strom-Zapfsäulen geführt. Die Betreiber halten sich zudem zurück beim Aufstellen neuer Zapfsäulen, die den neuen europäischen Schnellladestandard CCS beherrschen. Denn bisher ist das Elektroauto-Laden für die meisten von ihnen ein Verlustgeschäft.

Tesla: Turbo-Stromtanken nur für die eigenen Autos

Dass VW und BMW nun Geld in den Ausbau des US-Ladesäulennetzes stecken, ist erst mal der Konkurrenz geschuldet. Der Elektroauto-Pionier Tesla Motors Börsen-Chart zeigen betreibt in den USA bereits über 150 eigene Supercharger-Stationen, an denen Fahrer eines Model S ihr Auto gratis laden können.

Fahrer von Elektroautos anderer Hersteller haben davon wenig: Zwar stellen manche Tesla-Schnelladestationen-Stationen auch Ladestecker bereit, die in die Buchsen der Konkurrenz passen. Doch das Turbo-Stromtanken bleibt den Tesla-Fahrern vorbehalten, die in 30 Minuten ihren Akku zu 80 Prozent laden können.

Das freut die Tesla-Kunden, die so auch längere Strecken mit akzeptablen Ladezeiten zurücklegen können. Doch der ohnedies noch lückenhaften Ladeinfrastruktur hilft es nicht, wenn ein Betreiber seinen eigenen Ladestandard aufbaut.

Ringen um den Schnelllade-Branchenstandard

VW und BMW halten sich in den USA deshalb streng an die in der Branche vereinbarten Standards. Profitieren von den Schnelladesäulen sollen natürlich die hauseigenen E-Autos BMW i3 und VW e-Golf. Aber auch Fahrzeuge fast aller anderen Anbieter können die öffentlich frei zugänglichen Ladestationen nutzen. VW und BMW setzen darauf, dass sich die Anlagen zum Branchenstandard einer Zukunftstechnologie entwickeln.

Das Investment verrät aber noch einiges mehr über die Elektroauto-Pläne der beiden Autohersteller. Der Aufbau der Ladestationen an vielbefahrenen Strecken legt nahe, dass beide Hersteller die Reichweiten ihrer Elektroauto-Akkus nach oben schrauben werden. Bisher sind Langstreckenfahrten mit dem i3 oder dem E-Golf schwierig, da sie mit einer vollen Strom-Ladung weniger als 200 Kilometer weit kommen. Teslas Model S fährt hingegen bis zu 480 Kilometer weit.

Doch es zeichnete sich bereits ab, dass die großen Autohersteller bald mit deutlich mehr Reichweite ihrer Elektroautos punkten wollen. Nissans zweite Generation des Elektroautos Leaf soll mit einer Akkuladung über 300 Kilometer weit fahren, deuteten Top-Manager vor kurzem an. Das Elektroauto Bolt, dass der US-Autoriese General Motors vor kurzem in Detroit vorstellte, soll ebenso weit kommen.

VW-Chef Winterkorn warnt seine Manager vor zu viel Bequemlichkeit

Dass ausgerechnet Volkswagen beim Schnellladen in den USA vorprescht, erstaunt. Partner BMW hat sich mit dem i3 weit vorgewagt: Die Münchener entwarfen das Elektroauto als völlig eigenständiges Modell mit Karbonkarosserie, das in einer eigenen Fabrik zusammengebaut wird. VW hingegen hat bei seinen Elektroautos auf ein deutlich einfacheres Konzept gesetzt, in dem es die Massenmodelle Golf und Up zum Stromer umgemodelt hat.

Das entspricht auch der üblichen Philosophie des Hauses. Denn als Erfolgsgeheimnis der Wolfsburger galt bisher, die Entstehung von Trends abzuwarten und dann mit einem ausgereiften Produkt die anderen aus dem Feld zu schlagen. Doch auch im Volkswagen-Reich setzt ein Umdenken ein: In der Hauszeitschrift warnte VW-Chef Winterkorn nun davor, gesellschaftliche Änderungen zu ignorieren und zu lange am bewährten Geschäftsmodell festzuhalten. Die Aufspaltung von Eon zeige, was passieren könne, wenn ein Management nicht rechtzeitig und konsequent handle.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte Winterkorn, dass sich die Autoindustrie in den kommenden fünf bis zehn Jahren stärker verändern werde als in den 50 Jahren zuvor.

Solche Aussagen wecken Erwartungen - etwa jene, dass Volkswagen mehr Geld für bisher stiefmütterlich behandelte Mobilitätstrends ausgibt. Wichtige neue Bereiche seien die Vernetzung von Autos mit dem Internet sowie Elektroantriebe, gab Winterkorn in Davos zu Protokoll. Konkrete Projekte wollte er aber nicht nennen.

Die Investitionen in die US-Ladesäulen dürften jedoch ein erster Testballon für eine neue, gewagtere Volkswagen-Richtung sein - mit einem überschaubaren finanziellen Risiko. Denn allzu weit aus dem Fenster lehnen will man sich in Wolfsburg nicht. Den konservativen Ruf aufs Spiel zu setzen geht dann doch etwas zu weit.

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