Dienstag, 23. Juli 2019

Lehren aus VWs Zulieferer-Zoff VW ist "too big to fail" - und doch erpressbar

VW Golf : In Kürze wird die Produktion wieder hochgefahren, doch der Konflikt hinterlässt viele Verlierer

Eine kleine Metallgießerei legt die Produktion der wichtigsten Modelle eines Auto-Riesen lahm: Eine solche Story hätten die meisten noch bis vor kurzem als Sommer-Märchen abgetan. Seit wenigen Tagen wissen wir, dass diese David-gegen-Goliath-Geschichte auch in Deutschland im 21. Jahrhundert möglich ist. Doch anders als bei der Erzählung aus dem Alten Testament gibt es dabei keinen eindeutigen Gewinner. Bei VWs kurzem Sommer-Drama bleiben eine Reihe offener und unangenehmer Fragen übrig - und viele Verlierer.

Der erbitterte Streit zwischen dem Volkswagen-Konzern und seinen beiden Zulieferern ES Automobilguss und Car Trim ist zwar nun beigelegt. Die kurzfristig gestoppte Produktion von VW-Bestsellern wie dem Golf und dem Passat kann nun wieder starten, 28.000 Mitarbeiter kehren an ihre Arbeitsplätze zurück. Die Zulieferer haben neue, langfristige Verträge ausgehandelt. Das dürfte die Eigentümer von ES und Car Trim, die bosnische Prevent Group, freuen.

Doch unbeantwortete Fragen gibt es noch eine ganze Menge. VWs Beschaffungs-Vorstand Francisco Javier Garcia Sanz wird seinen Vorstands-Kollegen wohl erklären müssen, warum eine 350-Mitarbeiter-Bude aus Sachsen den Auto-Riesen Volkswagen zeitweise schachmatt setzen konnte.

In der Autobranche gilt unter Einkäufern üblicherweise die Grundregel des "multiple sourcing". Für jeden Bauteil sollte es mindestens zwei Zulieferer geben. Bei den von ES gelieferten Getriebegehäusen für den Golf und den Passat war das offenbar nicht der Fall.

War das ein einmaliges Versehen, oder gibt es im Konzern noch weitere Zuliefer-Achillesfersen? Hat der Riesenkonzern hier am falschen Platz gespart? Lassen sich noch weitere komplexe Zuliefererketten so einfach lahmlegen wie in diesem Fall? Sanz sollte sich bei der nächsten Vorstandssitzung schon mal auf hitzige Debatten einstellen.

VW ist systemrelevant - wie der Kurzarbeits-Antrag zeigt

Keine besonders gute Figur macht dabei auch der deutsche Staat, der VWs Antrag auf Kurzarbeit ohne Murren hinnahm. Die von der Öffentlichkeit mitfinanzierte Kurzarbeit soll eigentlich Konjunktureinbrüche überbrücken helfen - und keine Rechtsstreitigkeiten.

Doch der VW-Konzern mit seinen 600.000 Beschäftigten und seinen 200 Milliarden Euro Umsatz ist systemrelevant. Die Politik tut nach wie vor alles, um die VW-Arbeitsplätze in Deutschland zu schützen. Der VW-Konzern ist eben ein klassischer Fall von "too big to fail", der das Unternehmen nicht gerade effizienter macht.

Braucht VW Material-Rücklagen - wie die Banken Kapital-Rücklagen?

Von ihren Banken verlangte die EU nach der Finanzkrise höhere Eigenkapital-Rücklagen. Von ihren Autoherstellern Rücklagen in Form von Lagern zu verlangen, die die Produktion auf mehrere Wochen sicherstellen können: Das käme den Politikern wohl nie in den Sinn.

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Dabei zeigt der kurzfristige Produktionsstopp bei VW auch, dass der Konzern beim Risiko-Management einiges tun muss. Üblicherweise überwachen Autohersteller die Finanzlage und das Geschäftsgebahren ihrer Zulieferer genau. Doch den VW-Managern entging offenbar, dass bei ihrem langjährigen Zulieferer ES im November 2015 nicht nur die Eigentümer wechselten , sondern auch gleich die Geschäftsführer.

Eine Zulieferer-Machtdemonstration neuen Typs

Die neuen Geschäftsführer in Sachsen haben übrigens auf VWs Affront ebenso trickreich wie unschön reagiert - und damit gezeigt, dass auch kleinere Zulieferer eine große Macht ausüben können. Denn Auslöser der ganzen Misere war wohl, dass VW einen Vertrag gekündigt hat. Allerdings nicht bei ES, sondern bei dem ebenfalls zu Prevent gehörenden Sitzbezüge-Lieferanten Car Trim, der seine Schadenersatzforderungen dann trickreich an die Gruppen-Schwester abtrat.

ES hat sich gerichtlich im übrigen auch mit Daimler angelegt. Und die ES-Geschäftsführung und die Eigentümer von Prevent ahnten wohl, dass die Wolfsburger kurzfristig keinen zweiten Lieferanten für die nach VW-Vorgaben maßgefertigten Teile finden könnten. Damit hatten sie ein mächtiges Druckmittel in der Hand.

Mit Großaufträgen für andere Automobilhersteller dürfte sich ES künftig wohl schwer tun. Denn wer lässt sich mit einem Lieferanten ein, der in einer Auseinandersetzung schnell das härteste Mittel anwendet, nämlich den Lieferboykott?

Die Produktionsstopp-Posse der vergangenen Tage war kurzfristig sehr aufregend. Doch mittelfristig hat sie das Ansehen aller Beteiligten ordentlich verbeult. Das ohnehin lädierte Image des Volkswagen-Konzerns, der im Ausland gerne mit deutscher Ingenieurskunst und Verlässlichkeit wirbt, hat durch den Zulieferer-Zoff einen weiteren Kratzer bekommen.

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