Mittwoch, 20. November 2019

Ex-Verfassungsrichterin als oberste VW-Rechtshüterin Win-Win in Wolfsburg - Daimler-Krisenmanagerin für VW

Christine Hohmann-Dennhardt: Bei Daimler war sie bereits als Vorstand für Recht und Integrität zuständig. Nun wechselt die ehemalige Verfassungsrichterin zu Volkswagen

Das nennt man eine zeitlich klug abgestimmte Personalie: Am Donnerstag erst hat Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller 400 seiner Topmanager auf eine neue, transparente und offene Führungskultur eingeschworen. Jetzt zeigt er, wie ernst er die schwierige interne Aufarbeitung der Abgasaffäre nimmt: Der Volkswagen-Konzern legt sich nicht nur im Schnellverfahren ein neues Vorstandsressort für Recht und Integrität zu, er besetzt es auch noch zügig, hochkarätig und weit außerhalb der üblichen Seilschaften.

Bereits im Januar tritt Christine Hohmann-Dennhardt, bisher Daimlers oberste Compliance-Hüterin, ihren neuen Job als VW-Konzernvorstand für Recht und Integrität an. Eine gute Wahl ist sie auch wegen ihrer Erfahrung abseits der Autobranche: Hohmann-Dennhardt war zwölf Jahre lang Verfassungsrechtlerin und auch mal hessische Justizministerin. Vier Jahre Erfahrung als Vorständin bei Daimler Börsen-Chart zeigen kann sie auch noch bieten. Damit gilt die 65-jährige Juristin als unabhängig, aber nicht als unerfahren.

Bei der Aufarbeitung der Abgasaffäre muss Volkswagen vor allem den US-Behörden zeigen, dass der Konzern das Thema Compliance und die Einhaltung von Rechtsvorschriften richtig ernst nimmt. Da geht es sehr stark um Außenwirkung: In Deutschland gibt es vielleicht eine Handvoll hochrangiger Juristen, die für einen solchen Überwachungsjob in Frage kommen. Eine Ex-Verfassungsrichterin und Ex-Justizministerin als oberste Rechtshüterin im Konzern dürfte den Geschmack der US-Behörden jedenfalls treffen..

Ein US-Jurist würde sich in einem so deutsch geprägten Konzern wie Volkswagen wohl schwertun - nicht nur sprachlich, sondern vor allem kulturell. Die Türen zu den deutschen Ingenieuren würden sich ihm wohl nur zögerlich öffnen.

Gut vorbereitet für einen der wichtigsten Jobs bei VW

Zumal sich Hohmann-Dennhardt in ihrem Job bei Daimler bei einer ähnlich gestrickten Aufgabe bewährt hat. Denn Daimler legte sich einen eigenen Compliance-Vorstand erst auf Druck der US-Behörden zu - nachdem die Stuttgarter 2010 eine Millionenstrafe wegen Schmiergeldzahlungen bezahlt hatten. Eine der Auflagen der US-Behörden war damals, dass Daimler Börsen-Chart zeigen die Einhaltung von Antibestechungsvorschriften sicherstellen musste. Deshalb holten die Stuttgarter Hohmann-Dennhardt im Februar 2011 in den Vorstand.

Bei Daimler soll sie dafür gesorgt haben, dass Ermittler und Anwälte schnell und auch ausführlich mit den richtigen Personen sprechen konnten. Das klingt nach einer Kleinigkeit - doch in Großkonzernen stehen Managern oft viele Wege offen, unangenehme Aussagen möglichst lange hinauszuzögern.

In den vergangenen vier Jahren arbeitete die Hohmann-Dennhardt auch mit US-Behörden und dem FBI zusammen. Eine bessere Vorbereitung für ihre neue Aufgabe bei Volkswagen gibt es wohl kaum. Ganz wichtig ist auch noch, dass Hohmann-Dennhardt von außen zu dem Autoriesen Volkswagen stößt. Den Vorwurf möglicher Befangenheit in der Abgas-Affäre kann man ihr so nicht machen - sie hat eben keinen VW-Stallgeruch.

Und bei ihrem bisherigen Arbeitgeber Daimler dürfte man nicht allzu traurig sein, die gut bezahlte Compliance-Hüterin früher als geplant gehen zu lassen. Hohmann-Dennhardts Vertrag wäre noch bis 2017 gelaufen, richtig brisante Aufgaben gab es für sie zuletzt nicht mehr. Denn die Schmiergeldaffäre bei Daimler ist wohl endgültig ausgestanden. Bei Volkswagen wird die Compliance-Spezialistin nun sehr viel dringender gebraucht. Und für die Wolfsburger spielt im Moment wohl der Preis für den Vertrag von Hohmann-Dennhardt keine Rolle. Hauptsache es geht schnell - und möglichst hochkarätig.

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