Dienstag, 7. April 2020

Mitsubishi, NTT neue Großinvestoren neben VW, BMW, Daimler Kartendienst Here verstärkt Anti-Google-Allianz mit japanischen Investoren

Logo des Kartendiensts Here vor Bildschirmen

Vor viereinhalb Jahren sorgte diese Transaktion für viel Aufsehen: Für 2,6 Milliarden Euro kauften Volkswagen, Daimler und BMW dem finnischen Telekomausrüster Nokia den Karten- und Navigationsdienst Here ab. Die Zielrichtung der Milliardeninvestition war klar: Die deutsche Auto-Trias wollte sich rechtzeitig freimachen von einer drohenden Abhängigkeit von Big Brother Google bei digitalen Karten, einem der wichtigsten Bausteine für autonomes Fahren.

Seither ist es öffentlich ruhiger geworden um den Google-Maps-Gegenspieler Here, dessen Hauptquartiere in Berlin und Chicago liegen. Hinter den Kulissen arbeitet Here seither weiter an der digitalen Vermessung der Welt - und versucht sich klar von der Konkurrenz abzugrenzen. Here präsentiert sich als offene Plattform für Geodaten. Anders als bei Google oder Apple sollen die Kunden die Kontrolle über ihre Daten behalten.

Der Anti-Google-Ansatz zeigt sich auch bei der Eigentümerstruktur. Here solle und wolle weitere Partner aufnehmen, hieß es bereits bei der Übernahme durch die drei deutschen Autobauer. Neben den Zulieferern Bosch und Continental ist auch der Chipkonzern Intel bei Here eingestiegen. Doch nun verschiebt sich die Eigentümerstruktur mit einem neuen Deal nochmals deutlich: Der japanische Mischkonzern Mitsubishi und der Telekommunikationsriese NTT kaufen sich mit 30 Prozent bei Here ein, wie Here nun mitteilte.

Mitsubishi und Nippon Telegraph and Telephone (NTT) erwerben die Beteiligung an dem in Amsterdam ansässigen Kartendienst über eine gemeinsame Holdinggesellschaft. Der Anteil der drei Autokonzerne verringert sich dadurch auf 54 Prozent. Die japanischen Unternehmen und Here erwarten einen Abschluss der Transaktion im kommenden Jahr und nannten keine finanzielle Details.

Weg vom autonomen Fahren, hin zur Logistikoptimierung

"Die Beteiligung bedeutet auch, dass wir unseren Gesellschafterkreis jenseits der Autobranche erweitern", sagte Here-Chef Edzard Overbeek gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. In der Branche ist Here ohnedies schon ziemlich fest verankert: Laut Unternehmensangaben nutzen gut 80 Prozent aller weltweit ausgelieferten Neuwagen mit eingebauten Navigationssystem Heres digitale Karten.

Mit dem Einstieg der neuen Partner bewegt sich Here offenbar auch ein Stück weit weg von einem langjährigen Trendthema im Konzern: Der Entwicklung hochauflösender 3D-Karten für das autonome Fahren.

Zwar ist Heres neuer Miteigentümer Mitsubishi über Umwege auch am US-Start-up Ushr beteiligt, dass sich auf für Roboterautos wichtige hochauflösende 3D-Karten spezialisiert. Doch die Euphorie der Autobranche für komplett autonom fahrende Fahrzeuge, für die hochgenaue Landkarten notwendig sind, hat in den vergangenen Monaten merklich nachgelassen. Nach wie vor gibt es kaum klare gesetzliche Regelungen für den Betrieb von Roboterautos. Dazu kommen auch hohe Entwicklungskosten.

Daimler steigt deshalb bei seinen Projekten zum autonomen Fahren merklich auf die Bremse, CEO Ola Källenius sprach vor kurzem von einem "Realitätscheck". Volkswagen wechselte in diesem Jahr seine Kooperationspartner für Roboterautos und stieg kürzlich bei einem vielversprechenden Start-up für Lidar-Sensoren ein. Insgesamt geben sich VW-Topmanager aber nach wie vor skeptisch bei Roboterautos, die in jeder Situation vollständig autonom fahren können.

Da wundert es nur wenig, dass Mitsubishi und NTT dieses Thema in ihren Stellungnahmen zum Here-Einstieg aussparen. Die neuen japanischen Investoren erklärten nur, dazu beitragen zu wollen, für die Navigation notwendige Dienste wie Stauinformationen zu entwickeln und die Effizienz von Logistikketten zu verbessern.

Here-Chef Overbeek verfolgt nämlich längst eine umfassendere Mission für seine Datenschätze. Er erklärte, die hochauflösenden Karten könnten auch für das Flottenmanagement von Unternehmen, für die Nachverfolgung von Warensendungen und sogar für Warenlieferungen mit Drohnen verwendet werden.

Der Kartendienst verspricht sich in naher Zukunft also offenbar die besten Geschäfte von Logistikdienstleistungen zur Optimierung von Warenströmen.

mit Material von Reuters

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung