Kältemittelstreit Industriepolitische Schlacht ums kühle Klima

Frankreichs Autohändler horten derzeit 4500 Mercedes-Neuwagen - wegen eines Streits um ein Klimaanlagen-Kältemittel. Am Dienstag entscheiden die Richter. Dabei geht um Sicherheitsfragen - und um Industriepolitik. Denn Kältemittelhersteller fürchten um einen Milliardenmarkt.
Heißer Streit ums Kältemittel: 4500 Mercedes-Neuwagen, darunter auch viele Modelle der A-Klasse, können Frankreichs Händler derzeit nicht zulassen

Heißer Streit ums Kältemittel: 4500 Mercedes-Neuwagen, darunter auch viele Modelle der A-Klasse, können Frankreichs Händler derzeit nicht zulassen

Foto: Daimler

Hamburg - Saftiggrüne Wiesen, gelb blühende Felder, dicht bewaldete Hügel: Auf den Bildern der Website 1234fakten.de ist die Umwelt noch in Ordnung. Auch die dazugehörigen Texte passen zur Grundstimmung: In höchsten Tönen wird hier ein Produkt namens Solstice yf gepriesen. Eine "innovative Lösung" einer "globalen Herausforderung" sei das Kältemittel, heißt es auf der Website. Weniger Treibhauspotenzial als Kohlendioxid soll es haben - und nur "minimale Veränderungen" an Klimaanlagen im Auto erfordern.

Betrieben wird die Website wenig überraschend von einem der Hersteller des angeblichen Wundermittels, dem US-Konzern Honeywell. Doch viel genützt hat dem Konzern die Internet-PR in eigener Sache nicht. Zwar hat die Kälte-Chemikalie unter der Bezeichnung R1234yf für Furore gesorgt - doch auf eine andere Art und Weise, als es sich Honeywell erhofft hatte.

Vor knapp einem Jahr veröffentlichte der Autohersteller Daimler  alarmierende Testergebnisse: Bei einem konzerninternen Crashtest fingen Mercedes-Autos Feuer. Zudem entstand bei dem Brand gefährliche Flusssäure. Seither boykottiert der Autohersteller die Kühl-Substanz. Dabei ist R1234yf das einzige Kältemittel, das die Klimaauflagen der EU erfüllt.

Letztlich hat der Streit dazu geführt, dass Frankreich hat Anfang Juli einen Zulassungsstopp für Mercedes-Neuwagen der A-, B-, SL- und CLA-Klasse verhängte. Denn in den Klimaanlagen dieser Modelle füllt Daimler weiterhin das alte, deutlich klimaschädlichere Kältemittel R134a ein. Die Franzosen berufen sich darauf, dass dies gegen EU-Recht verstößt - und lassen die betroffenen Modelle derzeit nicht zu. Bislang teilt die EU-Kommission Frankreichs Ansicht.

Frankreichs Händler horten 4500 Mercedes-Modelle

Der Streit ist für Daimler nicht nur unangenehm, er geht ins Geld und kratzt am Image. Laut Daimler-Angaben stehen mehr als 4500 Mercedes-Neuwagen der A-, B-, SL- und CLA-Klasse auf den Höfen der französischen Händler und können nicht ausgeliefert werden - obwohl viele bereits von den Kunden bezahlt sind. "Täglich wächst die Anzahl", heißt es von Daimler gegenüber manager magazin online.

Den betroffenen französischen Käufern stellt Daimler Leihwagen zur Verfügung, die mindestens gleichwertig zum erworbenen Fahrzeug sind. Die bisher aufgelaufenen Kosten konnte Daimler gegenüber manager magazin online nicht beziffern.

Gegen die Entscheidung der Franzosen geht Daimler gerichtlich vor. Heute begann das Verfahren vor dem obersten Verwaltungsgericht in Paris, am kommenden Dienstag will die Behörde eine Entscheidung verkünden. Daimler will erreichen, dass die Blockade mit sofortiger Wirkung aufgehoben wird. Nach der heutigen Anhörung zeigte sich der Autohersteller zuversichtlich, dass das Gericht die Rechtsauffassung von Daimler teilen werde.

Sollte der Zulassungsstopp nicht sofort aufgehoben werden, drohten Daimler in Frankreich erhebliche Verluste, sagte ein Anwalt der Stuttgarter heute vor Gericht. Der mögliche Umsatzverlust im Vergleich zum Vorjahr wurde auf 40 Prozent beziffert, der beim Absatz sogar auf 60 Prozent.

KBA-Genehmigung nicht anerkannt

Dabei wollten die Stuttgarter bei der A- und B-Klasse eigentlich Vorreiter für das neue Klimamittel sein. Deshalb haben sie, anders als die Autohersteller VW oder BMW, ein Ausnahmeregelung in den EU-Vorschriften anfänglich nicht genützt. Diese hätte ihnen gestattet, bis 2017 noch das alte, deutlich klimaschädlichere Kältemittel R134a in die Klimaanlagen zu füllen. Erst nachdem die internen Tests eine mögliche Brandgefahr des neuen Kältemittels zeigten, haben sich die Stuttgarter im Mai 2013 beim deutschen KBA eine solche Ausnahmegenehmigung besorgt.

Die Franzosen erkennen die KBA-Genehmigung als einziges Land in Europa derzeit nicht an - und genau dagegen zieht Daimler nun vor Gericht. Zahlreiche Experten vermuten in der französischen Blockade eine Retourkutsche gegenüber den Deutschen. Denn vor wenigen Wochen sperrte sich die deutsche Regierung gegen eine Verschärfung der CO2-Emissionsgrenzen für Neuwagen. Davon profitieren vor allem deutsche Nobelmarken mit ihren großen und schweren Fahrzeugen.

Verhärtete Fronten im Gutachten-Streit

Doch Daimler gewinnt in dem hitzigen Streit um das Kältemittel mächtige Verbündete. So hat sich die Bundesregierung klar auf Seiten Daimlers gestellt. In einem Brief an die EU-Kommission, den die Deutschen Anfang der Woche nach Brüssel schickten, stärken sie den Stuttgartern den Rücken.

Daimler sei kein Versuch einer unzulässigen Umgehung von Umweltvorschriften vorzuwerfen, da das von der EU gewählte Kältemittel R1234yf Sicherheitsprobleme verursache, heißt es darin. Die entsprechende Richtlinie sehe "ausdrücklich eine Übergangsfrist bis 2017 vor", bis zu der das alte Kältemittel in Klimaanlagen verwendet werden darf.

Zehn Wochen Frist

Nun muss die EU-Kommission in der Sache innerhalb von zehn Wochen entscheiden. Im Kern geht es nun darum, ob das neue Kältemittel R1234yf möglicherweise gefährlicher ist als bisher angenommen. Und genau um diese Frage tobt ein Streit um Gutachten zwischen Daimler, Honeywell und der EU.

Eine Untersuchung des Kraftfahrt-Bundesamts zur Sicherheit des Kältemittels hätte dem Konflikt eine entscheidende Wendung geben können. Doch das vorläufige Urteil der Tester, das Anfang August veröffentlicht wurde, fiel nicht eindeutig aus. Zwar entzündete sich R1234yf auch bei den KBA-Crashtest, auch Flusssäure wurde dabei freigesetzt. Doch all das geschah nur unter extremen Rahmenbedingungen. Einen Anlass, Autos zurückzurufen, sieht das KBA deshalb nicht.

Honeywell greift Kraftfahrtbundesamt scharf an

Daimler sieht sich durch die KBA-Testergebnisse in seinen Sicherheitsbedenken bestätigt - und bleibt bei seinem Boykott des Kältemittels, obwohl der Hersteller dadurch gegen EU-Auflagen verstößt. Honeywell wiederum wertet die Tests als Beleg für die Sicherheit seines Kältemittels - und greift das KBA nun in einem Brief scharf an. Die Amerikaner werfen der Behörde gezinkte Tests vor, weil das Kältemittel unter unüblichen Bedingungen getestet worden sei.

Fachleute bezweifeln jedoch, ob mehr Crashtests tatsächlich die Frage beantworten können, wie gefährlich das neue Kältemittel ist. "Letztlich wird man mit einzelnen Versuchen keine umfassende Risikoanalyse durchführen können", sagt Carsten Graf, Technik-Experte des ADAC. Denn diese Tests leuchten immer nur einen kleinen Aspekt der Sicherheit aus. Für eine umfassende Gefahrenbeurteilung gebe es statistische Verfahren, wie sie etwa für die Beurteilung der Sicherheit von Flugzeugen eingesetzt werden. "Doch leider gibt es über deren Anwendung keinen Konsens unter den Autoherstellern", kritisiert er.

Dabei war sich die Autobranche einst über die Verwendung des neuen Kältemittels einig. Im Jahr 2008 beschlossen sämtliche bedeutenden Hersteller unter Federführung des weltweiten Autoingenieursverbands SAE, in Zukunft R1234yf in ihren Klimaanlagen zu verwenden. Davor hatte die Branche an Klimaanlagen geforscht, die CO2 als Kältemittel verwenden sollten.

Doch diese Anlagen haben aus Sicht der Autoindustrie zwei Nachteile: Zum einen arbeiten solche Klimaanlagen mit einem höheren Betriebsdruck. Da die Kühlleistung von CO2 schlechter ist, müssen die Anlagen auch etwas größer ausfallen. Beides hätte die Kosten für Klimaanlagen in die Höhe getrieben - und da kam der Branche das von Honeywell und Dupont entwickelte Wundermittel gerade recht.

Widerstand gegen US-Chemiekonzerne wächst

Die anfängliche Einigkeit ist jedoch längst in Skepsis umgeschlagen - und der einst so geschlossen auftretende SAE-Verbund bröckelt. Neben Daimler  sind auch BMW  und Volkswagen  aus dem Verband ausgestiegen. Alle drei deutschen Hersteller befüllen die Klimaanlagen ihrer Neuwagen derzeit mit der alten Kälte-Chemikalie. Auch der größte Autohersteller der Welt, Toyota, ist in Europa zum alten Kältemittel zurückgekehrt. Der SAE mit Sitz in Washington hält jedoch weiter daran fest, dass R1234yf sicher sei - und betont dessen Umweltfreundlichkeit.

Genau daran zweifeln Umweltschützer. Zwar trägt das neue Kältemittel deutlich weniger zur Erderwärmung bei als sein Vorgänger: Der GWP-Wert von R1234yf liegt bei 4. Wenn ein Kilo des neuen Kältemittels in die Luft gelangt, entspricht dies vier Kilogramm CO2. Das alte Kältemittel R134a hatte einen GWP-Wert von 1250. Im Vergleich dazu ist R1234yf geradezu ein Waisenknabe und liegt deutlich unter dem von der EU vorgeschriebenen GWP-Grenzwert von maximal 150.

Doch R1234yf sei die vierte Generation der seit Jahren umstrittenen Fluorkohlenwasserstoffe, sagt Wolfgang Lohbeck von Greenpeace. Es gebe erste Hinweise darauf, dass die Abbauprodukte des neuen Kältemittels in mehreren Stufen zerfallen, die nicht stabil sind. So entstehe etwa Trifluoressigsäure, die in der Natur nicht abbaubar ist. "Grundsätzlich ist bei fluorierten Verbindungen zu vermuten, dass Schäden über Jahrzehnte auftreten", meint Lohbeck.

Daimler und Greenpeace ziehen an einem Strang

Deshalb setzt sich Greenpeace für natürliche Kältemittel wie etwa CO2 ein - und unterstützt den Boykott gegen R1234yf. "Wir begrüßen den Schritt von Daimler, sich da ranzutrauen", sagt Lohbeck. Bei dem Konflikt seien beinharte industriepolitische Interessen im Spiel, meint der Greenpeace-Mann - und mit seiner Meinung ist er nicht alleine.

So hat EU-Industriekommissar Antonio Tajani in einem Schreiben an Bundeswirtschaftsminister Rösler auf die "nicht unerhebliche" internationale Dimension dieser Angelegenheit hingewiesen, berichtete die Nachrichtenagentur dpa vor Kurzem

Der Europaabgeordnete Bernd Lange gibt zu, dass die USA in dieser Angelegenheit Druck gemacht haben. Lohbeck selbst berichtet davon, dass ihn Dupont Chemicals-Chef Thierry Vanlancker persönlich in Hamburg besucht habe, um für das neue Kältemittel zu werben.

Denn der Verkauf des neuen Kältemittels dürfte für die beiden US-Konzerne Honeywell und Dupont ein gutes Geschäft werden. Alleine in Deutschland werden in Autoklimaanlagen jährlich 3500 Tonnen Kältemittel eingefüllt, zeigen Zahlen von Öko-Recherche. Das Büro für Umweltforschung hat diese Zahlen durch Rückfrage bei sämtlichen deutschen Autoherstellern ermittelt.

US-Konzerne müssen um Milliardengeschäft bangen

Das alte, klimaschädliche Kältemittel R134a war mit einem Großhandelspreis von drei bis vier Euro pro Kilo ziemlich günstig. Doch R1234yf, das neue Kältemittel, ist Expertenschätzungen zufolge bis zu zwanzigmal teurer. Alleine mit neuen Autoklimaanlagen winkt Honeywell und Dupont damit in Deutschland ein Umsatz von mehr als 200 Millionen Euro pro Jahr. Dazu kommt noch das Wartungsgeschäft - denn bei einer Klimaanlage verdunsten technisch bedingt jährlich 8 bis 10 Prozent des Kältemittels. Weltweit dürfte der Markt Expertenschätzungen zufolge mehrere Milliarden schwer sein.

Durch den hohen Preis für das neue Kältemittel steigen auch die Wartungskosten für die Autobesitzer - auch wenn die Steigerungen nicht dramatisch ausfallen. So zirkulieren in der Klimaanlage eines neuen Golf VII rund 500 Gramm Kältemittel. Mit dem alten Kältemittel R134A fallen Wartungskosten zwischen 60 und 100 Euro an, heißt es beim Zentralverband Deutsches Kraftfahrtgewerbe.

Bei Verwendung des neuen Kältemittels stehen zwischen 140 und 180 Euro auf der Rechnung. Bei größer dimensionierten Klimaanlagen, wie sie etwa in Geländewagen eingesetzt werden, können die Wartungskosten mit dem neuen Mittel aber bis zu 350 Euro betragen - bei der alten Kühl-Chemikalie ist es rund die Hälfte.

EU-Wettbewerbshüter ermitteln gegen US-Chemieriesen

Der hohe Preis für das neue Kältemittel dürfte kaum sinken. Denn Honeywell und Dupont halten mehrere Patente auf die R1234yf-Herstellung, die ihnen ein befristetes Monopol bei der Herstellung sichern. Und die beiden US-Unternehmen stehen im Verdacht, ihre Rechte auszunützen. Seit Dezember 2011 ermittelt die EU-Kommission gegen die beiden Chemiefirmen in einem Kartellverfahren. Auslöser der Ermittlungen waren Beschwerden, dass Honeywell und Dupont Vereinbarungen getroffen hätten, die dem Wettbewerb schaden.

Noch dauern die Untersuchungen an, heißt es bei der EU-Wettbewerbskommission in Brüssel. "Zu einem laufenden Verfahren geben wir keine Kommentare ab", sagte eine Sprecherin zu manager magazin online.

Eines steht fest: Der Streit um das Kältemittel wird noch einige Monate hinziehen. Und das große Geschäft, auf das Honeywell und Dupont hofften, könnte am Ende deutlich kleiner ausfallen. Denn die deutschen Hersteller nehmen nun wieder die Forschung an CO2-Klimaanlagen auf. Die sind zwar etwas teurer in der Herstellung, doch sie haben aus Sicht der Autobauer zwei Vorteile: CO2 ist im Vergleich zu R1234yf spottbillig - und das Gas lässt sich auch nicht patentieren.

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