Hockenheimring Wann kommt die Formel 1 zurück nach Deutschland?

Jorn Teske führt den Hockenheimring. Seinen Status als fester Ort im Formel 1-Zirkus hat er gegen Retorten-Strecken in fernen Ländern verloren. Das nervt – aber wie soll sich das ändern?
Ein Interview von Margret Hucko
Herr des Rings: Hockenheim-Chef Jorn Teske

Herr des Rings: Hockenheim-Chef Jorn Teske

Der Marketing-Experte Jorn Teske (54) hat seine Karriere in der Tabakindustrie begonnen. Über ein Sponsoring-Projekt gelangte er in den Motorsport und ist seit 2005 für die Hockenheim Ring GmbH tätig, seit 2019 als deren Co-Chef. Die Rennstrecke in Baden-Württemberg wurde 1932 eingeweiht, ab 1970 fanden dort insgesamt 37 Formel-1-Rennen statt, der vorerst letzte Große Preis von Deutschland im Jahr 2019.

manager magazin: Herr Teske, Audi und Porsche planen den Einstieg in die Formel 1 . Damit steigen bei den Zuschauern die Erwartungen, dass wieder Rennen in Deutschland gefahren werden. Wann ist es so weit?

Jorn Teske: Wir als Rennstrecke wünschen uns schon sehr lange die Rückkehr der Formel 1. Mit dem möglichen Einstieg von gleich zwei neuen deutschen Herstellern, steigt der Druck auf die Formel 1, hierzulande zu starten. Es stellt sich die Frage, ob nicht nur für die Fans, sondern auch für die neuen Hersteller ein Rennen im Heimmarkt wirklich wichtig ist. Jetzt wäre sicherlich ein guter Moment ein solches Interesse gegenüber der Formel 1 zu formulieren und sich dafür einzusetzen.

Rennstrecken wie der Hockenheimring oder auch der Nürburgring haben eine lange Tradition im Motorsport. Aber die Rennen finden heute in Staaten statt, die bislang überhaupt nicht viel mit Motorsport zu tun hatten wie etwa Bahrain. Nervt Sie das nicht?

Wirtschaftlich ist das durchaus nachvollziehbar. Schon zu Zeiten von Bernie Ecclestone hat sich die Formel 1 auf die Fahne geschrieben, neue Märkte für den Sport zu erschließen; die neuen Eigner setzen diesen Kurs fort. Die Neueinsteiger haben für die Austragung der Rennen so hohe Summen geboten, dass wir als Land mit großer Rennhistorie nicht mehr mithalten konnten.

Woran liegt das? Deutschland ist doch ein reiches Land.

Wir als Hockenheim-Ring GmbH erhalten keinerlei Unterstützung seitens der öffentlichen Hand oder auch aus der Privatwirtschaft. Die Finanzierungslücken, die sich bei einem Rennen auftun, dessen Antrittsgebühr und Ausrichtungskosten nicht durch die Ticketpreise gedeckt werden können, werden in anderen Ländern oft aus öffentlichen Töpfen gestopft. Mit Steuergeldern also. Das sind pro Rennen zweistellige Millionenbeträge und mehr.

Warum machen das andere Länder?

Etwa, weil ein Land die Formel 1 als Marketinginstrument für den eigenen Tourismus sieht. Und das ist übrigens nicht nur in den neuen Märkten der Fall, sondern auch bei den meisten noch verbliebenen europäischen Austragungsorten.

Und das ist in Deutschland anders? Wie könnte eine Lösung für Deutschland aussehen?

Auch in Deutschland gibt es nachweislich bedeutende regionalökonomische Effekte durch die Austragung der Formel 1 – Region, Land und Bund profitieren durch Wertschöpfung und Steuereffekte. Doch anders als beispielsweise in Frankreich, Italien oder Belgien scheint es hierzulande politisch nicht opportun zu sein, sich dafür einzusetzen. Aber die Beträge, die für die Ausrichtung der Rennen durch die Formel 1 aufgerufen werden, sind schon immens.

Dann nennen Sie doch mal eine Summe?

Ungern. Mit Sicherheit kann ich aber sagen, dass es Rennen in Deutschland nur geben wird, wenn die verschiedenen Parteien enger zusammenrücken. Sowohl die Formel 1 muss Abstriche machen und noch einmal überdenken, ob man von den Traditionsrennstrecken die gleiche Gebühren nehmen muss wie von den neuen Staaten; Hersteller wie Audi, Porsche oder Mercedes, die für die Formel 1 elementar wichtig sind, könnten ihre Relevanz bei diesem Thema sicher einbringen. Aber auch wir als Rennstreckenbetreiber und Promoter müssen unseren Beitrag leisten. Wobei ich ehrlich behaupten kann, dass wir in der Vergangenheit bereits an unsere Grenzen gegangen sind und es uns nicht um die Erzielung von Gewinnen, sondern die Abdeckung etwaiger Risiken geht.

Der Chef der Formel 1, Stefano Dominicali, hat Anfang des Jahres angekündigt, sich persönlich für die Rückkehr nach Deutschland einzusetzen. Wann hat er denn das letzte Mal mit Ihnen gesprochen?

Wir hatten relativ kurz nach seinem Antritt einen Videocall.

Das war Anfang 2021…

Ja, in dem Gespräch war zu spüren, wie emotional wichtig die Traditionsrennstrecken für Herrn Dominicali sind.

Aber seitdem scheint nichts mehr passiert zu sein.

Ich bin hoffnungsfroh, dass Stefano Dominicali sich für einen Grand Prix in Deutschland einsetzen wird. Er hat als Teamchef der Scuderia Ferrari große Erfolge am Hockenheimring gefeiert, aber er ist auch Geschäftsmann, der sich rechtfertigen muss, weshalb er sich für die eine oder andere Rennstrecke entscheidet.

Weltweit gehen die Zuschauerzahlen nach oben , aber in Deutschland nimmt das Interesse des Publikums ab. Wenn die Zahl der Fans schrumpft, gibt es dann überhaupt noch eine Legitimation für Rennen in Deutschland?

Man muss den Menschen erst einmal die Chance geben, das Produkt live und medial zu erfahren. In Deutschland hat die Verlagerung der Formel 1 ins Pay-TV Quote gekostet, das hat man in Kauf genommen. Trotzdem sehen noch regelmäßig mehrere Millionen Menschen zu. Und die Atmosphäre hier am Hockenheimring ist sehr besonders, nicht von ungefähr sind wir im letzten Jahrzehnt von den Fans zwei Mal für die spektakulärsten Rennen ausgezeichnet worden.

Jetzt mal geträumt: 2026 findet wieder ein Formel-1-Rennen auf dem Hockenheimring statt, nicht nur Mercedes, sondern auch Porsche und Audi fahren mit. Was würden Sie den Zuschauern darüber hinaus bieten?

Der Hockenheimring ist nicht einfach nur eine Strecke, sondern er lebt auch von seiner Historie und seiner speziellen Atmosphäre, die ihm mehr Flair verleiht als den neuen Strecken aus der Retorte, die nur wenige volle Tribünen haben und auch sonst etwas blutarm sind und Emotionen vermissen lassen. Wir werden uns auch in Zukunft keine musikalischen Topstars für sechs- oder siebenstellige Euro Beträge einkaufen können, solange ohnehin schon Defizite zu befürchten sind. Aber ein umfangreiches Rahmenprogramm für die ganze Familie würden auch wir weiterhin auf die Beine stellen. Das allerwichtigste aber bleibt der Sport – er muss spannend, vom Regelwerk nachvollziehbar und nahbar sein.

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