Donnerstag, 18. Juli 2019

Jean-Dominique Senard Dieser Mann muss die Renault-Nissan-Allianz retten

Renault-Präsident Jean-Dominique Senard

Freunde wähnten ihn im Ruhestand auf dem familiären Weingut, nun sitzt er an der Spitze von Renault: Jean-Dominique Senard soll das Lebenswerk seines Vorgängers Carlos Ghosn retten - eine knifflige Aufgabe.

Der französische Autokonzern Renault steht vor einer neuen Ära. Dem schillernden und für seine knallharten Entscheidungen berüchtigten Carlos Ghosn (64) folgt mit Jean-Dominique Senard (65) ein zurückhaltender Manager, der sich den Anliegen seiner Belegschaft ebenso verpflichtet sieht wie den Anteilseignern.

Freunde und Verwandte wähnten den ur-französischen Adelsspross noch als Ruheständler auf dem Weingut seiner Familie in der Provence, als alle Welt schon ahnte, dass der Verwaltungsrat von Renault Börsen-Chart zeigen den bisherigen Chef des Reifen- und Zuliefererkonzerns Michelin Börsen-Chart zeigen an diesem Donnerstag zum neuen Vorsitzenden und Präsidenten des Autokonzerns küren würde. Das ist nun geschehen. "Ich werde froh sein, wenn ich noch irgendwo dienen kann", ließ Senard wissen.

Und alle Franzosen, die in Renault einst das große Vorzeigeunternehmen ihres Landes gesehen haben, dürften einen heimlichen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen haben. Denn so erfolgreich Ghosn war - beliebt war er nie. Und bei manchen sogar verhasst.

Thierry Bolloré, bisheriger Vize Ghosns und neuer Renault-CEO

Der 65-jährige Senard tritt als Verwaltungsratsvorsitzender und Präsident von Renault nicht exakt dasselbe Amt wie Ghosn an - er teilt sich die Aufgaben mit dem neuen CEO Thierry Bolloré, dem bisherigen Vize Ghosns, der sich um das operative Geschäft kümmern wird. Senard dagegen hat die Aufgabe, das komplizierte Lebenswerk seines Vorgängers zu retten: die französisch-japanische Allianz von Renault, Nissan Börsen-Chart zeigen und Mitsubishi Börsen-Chart zeigen, den heute nach Stückzahl größten Autohersteller der Welt.

Sohn eines Botschafters

Dafür soll der Sohn eines bekannten französischen Botschafters seine von klein auf erlernten diplomatischen Fähigkeiten einbringen. Vor allem aber ist Senard in Frankreich bekannt als Vertreter einer Managementidee, die ausdrücklich auf die Einbeziehung von Beschäftigten und Gewerkschaftsvertretern setzt.

"Er ist ein großer Industrieller, der eine soziale Konzeption vom Unternehmen hat und das schon mehrfach bewiesen hat", preist ihn der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire. Gerade das soll ihm nun in Umgang mit den japanischen Allianzpartnern helfen, denen der unerbittliche Top-down-Führungsstil von Ghosn zwar vor zwei Jahrzehnten das Überleben rettete, die aber heute gern mehr Mitspracherechte in der Konzerngruppe hätten.

Senard diente Total, Michelin, Saint-Gobain

Senard ist mehr Unternehmensstratege als Automann. Er diente schon dem Ölriesen Total, dem Baustoffgiganten Saint-Gobain und dem Aluminiumhersteller Pechiney, bevor er beim Autozulieferer Michelin zum unumstrittenen Chef aufstieg. Für ihn war es nach eigenen Worten ein "Gang durch die Hölle", als Pechiney 2003 von der kanadischen Alcan-Gruppe übernommen wurde und er Hunderte von Mitarbeitern entlassen musste.

Seither ist er ein entschiedener Gegner des Shareholder-Value-Konzepts. "Wir müssen die Unternehmensführer von dem Joch der kurzfristigen Profitsteigerung befreien, das auf ihren Schultern lastet", sagte er bei einem Managertreffen im vergangenen Juli in Aix-en-Provence. Ein Denken, das in Japan bis heute Tradition hat und mit dem er bei Nissan und Mitsubishi offene Türen einrennt.

Im Detail aber könnte Senards Auftrag schwieriger nicht sein: Heute produziert Nissan knapp sechs Millionen Autos im Jahr und Renault knapp vier Millionen. Aber Renault hält mehr als doppelt so viele Aktien am Nissan-Konzern (nämlich 44 Prozent), wie Nissan an Renault (15 Prozent), die dazu noch ohne Stimmrecht sind. Ghosn, heißt es in der Branche, wollte auf diese großen Ungleichgewichte in der Allianz mit einer stärkeren Fusion antworten.

Deshalb, behaupten böse Zungen, sitzt er seit November in Tokio im Gefängnis. Gegner seines Fusionskonzepts hätten ihn bei der japanischen Staatsanwaltschaft verpfiffen. Klar scheint schon jetzt, dass Senard auf seine japanischen Partner zugehen und deren gewachsenen Anteil an der Allianz honorieren muss. Mit Bolloré steht ihm dafür ein Mann zur Seite, der in der Branche als ausgewiesener Japanexperte gilt.

Ex-Renault-Chef Carlos Ghosn sitzt seit 19. November in Japan in Haft.

Sicher kann sich Senard dabei des Rückhalts seines größten Aktionärs sein. Denn das ist bei Renault immer noch der französische Staat. Als "Sozial-Macronist" beschreibt die Pariser Zeitung "Le Monde" den neuen Renault-Chef, weil er noch im letzten Jahr einen Bericht für die Regierung Macron verfasste, der forderte, Unternehmen per Gesetz soziale und ökologische Pflichten aufzuerlegen. Aus dem Bericht wurde inzwischen ein Gesetz.


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Nun ist Senard also der erste, der es bei Renault auch umsetzt. Damit der Autohersteller wieder das gesellschaftliche Vorzeigeunternehmen wird, das es einmal war. Ein Kunststück muss ihm dabei allerdings auch gelingen: Ghosn lieferte 2017 eine Rekordgewinnmarge von 6,6 Prozent ab und überholte damit auch Volkswagen. Abseits aller sozialen Erwägungen wird Senard in Zukunft auch daran gemessen werden.

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