Jaguar-Land-Rover-Chef Thierry Bolloré Neuer Chef will Jaguar zur reinen Elektromarke ummodeln

Ex-Renault-Chef Thierry Bolloré hat als neuer Boss beim britischen Autobauer Jaguar Land Rover einen ambitionierten Plan: Er will den Konzern bis 2025 radikal umbauen.
Auf dem Sprung: Jaguar soll sich vom Verbrenner verabschieden

Auf dem Sprung: Jaguar soll sich vom Verbrenner verabschieden

Foto: Michaela Rehle / REUTERS

Brexit-Schwierigkeiten, Stellenstreichungen, kräftige Absatz- und Gewinneinbrüche in der Coronakrise und dazu noch ein Chefwechsel: Für den britisch-indischen Autohersteller Jaguar Land Rover (JLR) war 2020 ein Jahr mit besonders vielen Herausforderungen. Schon vor der Corona-Pandemie hatte JLR kräftig zu kämpfen , das Krisenjahr 2020 verschärfte die Lage nochmals. "Die Stärken von Jaguar Land Rover wurden 2020 getestet", kommentierte der langjährige JLR-CEO Ralf Speth (65) im August, bevor er einen Monat später sein Amt an einen Franzosen übergab: Thierry Bolloré (57), die einstige rechte Hand des früheren Renault-Nissan-Chefs Carlos Ghosn, der nach seinem Rauswurf im Zuge des Ghosn-Skandals nach Großbritannien wechselte.

Als JLR-Chef, so hieß es zu Bollorés Amtsantritt am 10. September, erbe er einen Sanierungsfall. Nun, nach knapp fünf Monaten im Amt, hat der neue CEO überraschend einen umfassenden und durchaus ambitionierten Zukunftsplan für die beiden britischen Marken vorgelegt, die seit 2008 dem indischen Tata-Konzern gehören.

"Reimagine" nennt Bolloré seine Strategie, die er online aus der JLR-Firmenzentrale in Gaydon präsentierte – vor einem gelb-orangefarbenen Hintergrund, der an ein Flammenmeer erinnerte. Dabei sagt Bolloré Verbrennungsmotoren ziemlich deutlich Adieu: Bereits ab 2025, so erläuterte Bollore, soll die Marke Jaguar ausschließlich batteriebetriebene elektrische Antriebe anbieten – also eine reine Elektroautomarke werden.

Bei JLR gilt nun "Elektroantrieb zuerst"

JLR solle "verantwortungsbewussten modernen Luxus" neu definieren, erläuterte Bolloré in der knapp halbstündigen Präsentation. Die Elektrifizierung sei "aufregend" für Luxusmarken, schließlich bieten Elektroantriebe einen besonders "ruhige Fahrt". Rein auf E-Antriebe zu setzen, sei da der nächste natürliche Schritt, so Bollore.

Allerdings trennt er seine beiden Marken künftig klarer: Während Jaguar ab 2025 als reine Elektromarke eine "neue, luxuriöse Position im Markt" erobern soll, bleibt der Konzernschwestermarke ein wenig mehr Traditionalismus erhalten. Der Offroad-Spezialist Land Rover soll laut Bolloré "weiterhin die [gelände]fähigsten Fahrzeuge" herstellen und modernen Luxus für Familien bieten. Im Jahr 2024 werde das erste elektrische Modell angeboten, teilte das Unternehmen weiter mit. Dann wollen die Briten also auch im raueren Gelände völlig CO2-frei vorankommen.

Insgesamt will Jaguar Land Rover in den kommenden fünf Jahren sechs rein elektrisch angetriebene Modelle auf den Markt bringen, kündigte Bolloré an. Der neue Fahrplan bei JLR sein nun "Elektroantrieb zuerst", hieß es an einer Stelle. Das war in der Vergangenheit eher nicht der Fall – was auch der Grund dafür ist, dass JLR die verschärften CO2-Flottenziele der EU nicht einhalten kann. Im vergangenen Jahr legte das Unternehmen knapp 100 Millionen Euro für Strafzahlungen zur Seite.

Das will Bolloré in Zukunft wohl vermeiden. Bei der Marke Land Rover soll die Umstellung auf E-Modelle länger dauern. Ziel sei, bis Ende des Jahrzehnts nur noch vollelektrische Autos anzubieten.

Für seine Umstrukturierung will Bolloré insgesamt jährlich 2,5 Milliarden Pfund (2,8 Milliarden Euro) investieren. Im Jahr 2030, so hieß es in der Präsentation, sollen sämtliche Jaguar-Modelle und 60 Prozent aller Land Rover-Neuwagen mit Null Gramm CO2-Ausstoß verkauft werden – also vermutlich mit reinem Batterie-Elektroantrieb. Bis 2039 will JLR in seinen Produkten und an den Fertigungsstandorten sowie in der Lieferkette komplett ohne Kohlendioxidemissionen auszukommen. Die Energieversorgung soll zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien erfolgen, und zwar aus Wasserkraft. Teil dieses Plans sind auch Brennstoffzellenantriebe mit sauberem Wasserstoff.

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Jaguar bekommt eigene reine Elektro-Plattform

In den kommenden Jahren will Bolloré bei Jaguar die aktuellen Baureihen auslaufen lassen und für die komplette Umstellung auf E-Antriebe ab 2025 eine eigene Elektro-Plattform für die Marke entwickeln lassen. Bislang nützte Jaguar besonders für die SUVs F-Pace und E-Pace Plattformen der Schwestermarke Land Rover. Mit dem I-Pace gibt es bereits ein rein elektrisches Jaguar-Modell, dessen Technik sich auch kurzfristig in andere Modelle einbauen ließe.

Die Marke Jaguar gilt im Konzern aber schon länger als das Sorgenkind: Anders als Land Rover, das den weltweiten Boom bei SUVs gut für die eigene Marke nutzen konnte, suchte Jaguar lange eine passende Positionierung. Einst war Jaguar für Luxuslimousinen bekannt, dieses Marktsegment schrumpft aber seit Jahren. Zuletzt haben es die Briten – mit mäßigem Erfolg – als sportlich-luxuriöse Marke probiert, die in der Premiumliga mit "Cool Britannia"-Schick punkten sollte.

Bolloré versucht nun, dem Sparen auch eine neue strategische Seite abzugewinnen, indem er Jaguar in Richtung Elektro-Luxusmarke umpositioniert. Ähnliche Wege verfolgt Porsche im Sportwagenbereich, Tesla hat wohl ebenfalls Ambitionen in diese Richtung. Ob das Edel-Elektro-Konzept bei Jaguar aufgeht, muss sich noch weisen. Immerhin gibt es der Marke eine neue Perspektive – auch wenn der Weg dorthin sicherlich schwieriger wird, als es Bolloré heute darstellte. Denn über mögliche weitere Jobeinsparungen sprach Bolloré noch nicht.

Jaguar Land Rover ist wie alle Autohersteller schwer von der Corona-Pandemie getroffen. Zuletzt kündigte der Autobauer die Streichung von zusätzlichen 1100 Stellen an und lieh sich bei chinesischen Banken 560 Millionen Pfund. Das vierte Quartal 2020 hat JLR aber immerhin mit einem Vorsteuergewinn von 439 Millionen Pfund abgeschlossen. Von Oktober bis Dezember hat JLR weltweit 128.469 Fahrzeuge verkauft – um 13 Prozent mehr als im Vorquartal, aber noch immer um 9 Prozent weniger als im vierten Quartal 2019.

wed