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Neue Formensprache dank Elektroantrieb: Warum Autodesigner Zagato Elektroautos konventionell gestaltet

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Autogestalter Andrea Zagato über Elektroauto-Design "Menschen fürchten zu viel Veränderung bei Autos"

Andrea Zagato kennt die Kniffe des Autodesigns buchstäblich von Kindesbeinen an. Der 55-jährige Italiener leitet das gleichnamige italienische Design- und Entwicklungsbüro in dritter Generation - gemeinsam mit seiner Frau Marella Rivolta-Zagato. Das Gespräch über die Neuerungen beim Design von Elektroautos führte er während einer längeren Autofahrt. Höflich warnte er zu Beginn des Gesprächs, dass die Verbindung wegen fünf hintereinanderfolgender Tunnel abreißen könnte. Das tat sie dann nur einmal. Für ein Gespräch über die Zukunft der Mobilität schufen die Begrenzungen heutiger Technik jedoch einen spannenden Kontrast.

manager-magazin.de: Herr Zagato, in welchem Auto sitzen Sie gerade?

Andrea Zagato: Ich fahre ein BMW 6er Gran Coupé.

mm.de: Ein klassisches Fahrzeug mit Verbrennungsmotor also. Elektroautos haben Sie auch schon gesteuert?

Zagato: Ich war wohl einer der allerersten Fahrer eines Elektroautos. Als ich zehn Jahre alt war, stellte meine Familie die weltweit ersten in Serie gefertigten Elektroautos her. Anfang der 1970er-Jahre wurden mehr als 1000 Stück des Elcar Zele gebaut. Und eines dieser Autos fuhr ich dann auf einem abgeschlossenen Gelände.

mm.de: Warum wagte Ihre Familie damals die Produktion eines nicht mal zwei Meter langen Elektro-Stadtmobils?

Zagato: Der Grund für das Projekt war der erste Ölschock im Jahr 1972. Im Jahr 1979 kam dann der zweite Ölschock. Jeder dachte damals, dass die Welt sich in Richtung Elektroautos bewegt. Doch zwei Ölschocks waren nicht genug, die Autobranche und die Regierungen wirklich davon zu überzeugen.

mm.de: Jetzt probiert es die Branche wieder. Glauben Sie, dass sich die Autowelt diesmal wirklich ändert?

Zagato: Diesmal wird das funktionieren. In den 1970ern war ein Schock der Auslöser, kombiniert mit hohen Kraftstoffkosten. Heute ist die Situation ganz anders. Die jungen Leute von heute wollen keine Umweltverschmutzung und keinen Lärm mehr, die Performance von Autos ist ihnen egal. Die meisten von ihnen betrachten Autos als Zusatzgerät für ihr iPhone oder ihr iPad. Sie brauchen keine lauten, klobigen, schnellen Fahrzeuge. Sondern sie suchen nach etwas, das kommunizieren kann und sie in Kommunikation mit anderen bringt - auf einfache und sichere Weise.

"Elektroauto-Architektur gibt Designern mehr Freiheiten"

mm.de: Smartphones und Tablets haben das Design mobiler Elektronikgeräte massiv verändert. Was bedeutet der Elektroantrieb für die Fahrzeuggestaltung?

Zagato: Elektroautos brauchen keinen großen Motor mehr, auch das Getriebe fällt weg. Da die Elektromotoren nicht mehr vorne sitzen müssen, könnten auch Kühlergrill und Lüftungsschlitze wegfallen. Und auch ein klassisches Armaturenbrett ist unnötig, weil ja alles elektronisch ist. Das alles macht eine komplett andere Fahrzeugarchitektur möglich und gibt uns mehr Freiheiten. Der größte Gegenstand, den sie beim Gestalten berücksichtigen müssen, ist die Batterie. Die kann man im Fahrzeugboden unterbringen.

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mm.de: Designer hätten also eine Menge Möglichkeiten, ganz neue Wege zu gehen. Doch sie tun es nicht. Warum sehen heutige Elektroauto-Modelle aus wie ganz normale Verbrenner-Autos?

Zagato: Nun ja, all diese technischen Neuerungen legen zwar eine Änderung der Autoarchitektur nahe. Aber jede zu schnelle Evolution schafft eine Menge Spannungen. Die Menschen haben Angst vor zu viel Veränderung, vor allem, wenn sie in der zweiten Hälfte ihres Lebens sind. Sie wachsen mit bestimmten Idealen und Ikonen auf. Diese wollen sie nicht aufgeben, also versuchen sie mit diesen vertrauten, konservativen Ideen zu leben. Es ist unsere Aufgabe als Designer, jüngere und ältere Konsumenten zugleich zu erziehen.

mm.de: Wie wollen Sie das ausgerechnet mit einem konservativen Elektroauto-Design schaffen?

Zagato: Ein italienischer Designer sagte einmal, dass er bei der Gestaltung eines neuen Produktes immer nur eine Innovation berücksichtige, nicht drei oder vier zugleich. Wenn also der ganz andere Antrieb die Neuerung ist, halte ich das Design erst mal so konservativ wie möglich. Ich erfreue den Elektroauto-Interessenten mit einer Form, die er bereits kennt. Denn ich muss den Konsumenten an die Innovation heranführen. Wenn man ihn überfordert, wird er das Neue, Andere ablehnen.

mm.de: Wie lange wird es dauern, bis Elektroautos wirklich anders aussehen?

Zagato: In der Autobranche gibt es alle sieben Jahre eine neue Modellgeneration, das dürfte hierbei auch der Maßstab sein. Wahrscheinlich wird schon in der nächsten Generation der Autos etwas anders gemacht werden. Denn deren Käufer sind schon stärker bereit, eine neue Fahrzeugarchitektur zu akzeptieren.

mm.de: Gibt es für die Veränderung des Designs zu Zeiten größerer technischer Umbrüche historische Anhaltspunkte?

Zagato: Ja, etwa in der Kunst und Architektur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Da erwarteten viele die große Revolution der Formgebung durch den Modernismus oder Futurismus. Doch der alte Klassizismus überlebte. Bis heute bauen etwa die Amerikaner gerne Häuser mit Säulen, wie schon die alten Römer. Gleichzeitig gibt es Wolkenkratzer mit einer Menge Stahl und Glas. Die klassischen Formen haben also viele Jahre überdauert.

"Einige berühmte Karosserieformen aus den 1950ern werden überleben"

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mm.de: Und was bedeutet dieses Festhalten an Traditionen für die Gestaltung von künftigen Elektroautos?

Zagato: Ich erwarte, dass einige berühmte Karosserieformen aus den 1950ern überleben werden. Etwa die des Fiat 500, des Mini, oder die des VW Käfer. Das sind so ikonische Designs, dass sie selbst große Änderungen verkraftet haben. So war früher der Motor des Cinquecento und des Käfers im Heck untergebracht. Jetzt ist er nach vorne gewandert, und die Autos sind immer noch ein Erfolg. Kunden kaufen die Form und damit die Emotion der 1950er- und 1960er-Jahre. Auch moderne Autodesigns werden überleben, etwa die von Porsche. Ich würde einen elektrischen 911er kaufen, warum nicht? Die Form gefällt mir einfach, und wenn er noch dieselbe Beschleunigung bietet …

mm.de: Wie radikal könnte sich die Form von Autos durch den Elektroantrieb ändern?

Zagato: Das hängt davon ab, was sie mit dem Auto machen wollen. Ich weiß nicht, ob es meine Generation noch erleben wird. Aber der Autobesitz wird abgelöst werden durch die Automiete. Künftig werden sie nicht Autos für verschiedene Einsatzzwecke kaufen müssen, sondern sie einfach via Carsharing anmieten können. Die Fahrzeuge der Zukunft werden deshalb für einen bestimmten Zweck gestaltet sein. Es wird Autos für Innenstädte geben, für Langstreckenfahrten mit der Familie, oder für Paare, die eine romantische Fahrt unternehmen wollen.

mm.de: Der kalifornische Elektroauto-Hersteller Tesla gibt sich Mühe, selbst seine Ladesäulen schick zu gestalten. Ist so viel Perfektionismus wirklich notwendig?

Zagato: Wenn der Verbrennungsmotor, Getriebe und Schaltung durch ein elektrisches Package ersetzt werden, wo ist dann der Kaufanreiz für Autofahrer? Dann wird Design als Kaufargument viel wichtiger. Die Gestaltung der Fahrzeuge könnte einer der Schlüsselfaktoren bei der Entscheidung werden, ein Auto zu kaufen oder zu mieten.

"Jede Revolution bringt eine Menge Gelegenheiten - auch für Autodesigner"

mm.de: Haben das die traditionellen Hersteller überhaupt schon auf dem Schirm?

Zagato: Durchaus. Mein Unternehmen hat etwa 50 Jahre lang für Ferrari gearbeitet. Lange Zeit hat sich diese Sportwagenmarke sehr stark über ihre Motoren verkauft. In den vergangenen zehn Jahren hat auch Ferrari eigene Designteams und eigene Designcenter aufgebaut. Denn die Motoren werden vielleicht unwichtiger. Ihr Klang ist nichts, wonach die jüngere Generation sucht. Denen ist das Aussehen der Autos wichtiger. Auch Bentley oder Bugatti haben ihre eigenen Styling-Abteilungen.

Zagato: Dann geht Ihnen als unabhängiges Design- und Entwicklungsbüro ja bald die Arbeit aus.

Zagato: Nein, im Gegenteil. Jede Revolution bringt auch eine Menge Gelegenheiten. Wir haben etwa als Designzentrum fungiert für den Elektroauto-Hersteller Thunder Power, der vom chinesischen Staat unterstützt wird und zum nächsten Tesla werden will. Wir haben für das Unternehmen wirklich alles gestaltet: Das Logo, den Messestand, die Website, das Image und das Auto. In ein paar Jahren werden sie wohl ihr eigenes Designzentrum aufbauen, aber für die Anfangsphase waren wir das. Das war eine großartige Möglichkeit, die sich einem Autodesignbüro vorher so noch nie geboten hat.

mm.de: Trotzdem, auch ihr Entwurf für das Fahrzeug von Thunder Power ist längst nicht so gewagt wie manche Zagato-Konzeptautos der 1960er. Haben Designer den Schneid verloren?

Zagato: Geschwindigkeit war das Basisthema für Designer in den 50er- und 60er-Jahren. Höchstgeschwindigkeiten zu erreichen ist etwas sehr Emotionelles. Doch heute ist das nichts Erstrebenswertes mehr. Es gibt zu viele Autos auf den Straßen, Vollgas kann man nur mehr auf geschlossenen Rennstrecken fahren. Das Hauptthema ist nun etwa, möglichst viel Raum in der Stadt oder im Auto-Innenraum zu schaffen. Deshalb arbeiten Designer an den Materialien, am Raumgefühl im Inneren, an der Ergonomie. Das ist eben nicht so emotional, so physisch wie früher.

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