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Daimler-Marke Smart: Der Bonsai-Benz drängt aus der Nische

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Daimler-Kleinwagen Smart "Das ist keine Geheimniskrämerei"

Der einst als "Elefantenrollschuh" verunglimpfte Kleinwagen Smart wird erwachsen: Im kommenden Jahr fährt Daimler die Neuauflage vor. Smart-Chefin Annette Winkler über das Ausgleichen der Europaschwäche, Designstudien als Experimentierlabors und die neue Positionierung der Marke.

mm: Frau Winkler, jahrelang war der Kleinstwagen Smart ein eher ungeliebtes Kind im Daimler-Konzern . Just als die Stückzahlen über 100.000 Stück pro Jahr wuchsen, brach der Markt in Europa ein. Wie kommen Sie mit der Absatzkrise zurecht?

Winkler: Von ungeliebtem Kind kann keine Rede sein, und die Schwäche in Südeuropa konnten wir erfolgreich kompensieren. Im vergangenen Jahr haben wir 104.000 Smarts verkauft, in diesem Jahr werden es wieder um die Hunderttausend sein. Und das trotz rückläufiger Absatzzahlen in unseren bisher stärksten Märkten Italien, Frankreich, Spanien und Portugal, weil wir die die Eurokrise mit Erfolgen in neuen Märkten ausgleichen konnten. Hinzu kommt, dass wir uns mit dem erfolgreichen Carsharing-Angebot car2Go unseren mittlerweile größten Einzelkunden selbst geschaffen haben. Wir sind sehr stolz auf die Leistung, Smart so erfolgreich stabil zu halten.

mm: Mit der Diskussion um CO2-Flottenwerte ist ja auch smarts Bedeutung innerhalb des Daimler-Konzerns gewachsen. Jetzt steht bei Smart ein Modellwechsel an. Was gestalten Sie alles um?

Winkler: Der aktuelle Smart Fortwo ist seit 15 Jahren in fast unverändertem Design auf dem Markt. Im kommenden Jahr stellen wir die neue Smart-Generation vor. Das ist natürlich ein besonderer, sehr wichtiger Moment für uns. Wir haben gemeinsam mit unserem Kooperationspartner Renault eine komplett neue Plattform entwickelt, auf der zwei Smart Modelle und der nächste Twingo entstehen. Gleichzeitig werden wir bei Smart die erst vor kurzem erfolgreich eingeführte Elektroversion des heutigen fortwo weiter bauen. Das Produktportfolio unserer Marke wird also breiter - und gleichzeitig weiten wir konsequent unser Angebot an Mobilitätsdienstleistungen aus.

mm: Experten meinen allerdings, dass Smart erst dann hohe Profite abwirft, wenn sie mindestens zwei Baureihen anbieten und mehr als 200.000 Fahrzeuge pro Jahr verkaufen …

Winkler: Ich bin seit dem Herbst 2010 für Smart verantwortlich. In dieser Zeit haben wir immer positiv zum Ergebnis von Daimler beigetragen. Nun bekommen wir mit dem neuen Zweisitzer und Viersitzer zwei Baureihen, und dass wir mit diesen neuen Modellen auch stark wachsen wollen, ist doch klar.

mm: Mit dem derzeitigen Modell ist das auch kaum möglich. Denn aktuell ist der Smart nicht mehr.

Winkler: Was heißt "nicht aktuell"? Wer hätte gedacht, dass wir den Smart eineinhalb Jahrzehnte lang bauen und 1,5 Millionen Stück davon verkaufen? Eine solche Erfolgsgeschichte gibt es nicht so oft. Noch heute sieht das Auto sehr frisch und modern aus, wir halten den Absatz stabil um 100.000 Einheiten, und gerade in neuen Märkten wie China haben wir mit dem Smart sehr großen Erfolg. Da sind wir dieses Jahr zum zweiten Mal in Folge zum besten Kleinstauto des Landes gewählt worden. Die Begeisterung ist so groß, dass China heute bereits unser drittwichtigster Markt ist, obwohl wir erst 2009 mit kleinen Stückzahlen angefangen haben. Im vergangenen Jahr haben wir dort schon 16.000 Einheiten verkauft, und wir legen weiterhin stark zu.

Warum Smart so stark auf passende Dienstleistungen setzt

mm: Auf Automessen zeigen Sie seit Monaten Konzeptfahrzeuge für die zweite Smart-Generation. Doch die sind noch weit von der Serienfertigung entfernt. Warum diese Heimlichtuerei?

Winkler: Das ist keine Geheimniskrämerei. Wir haben immer gesagt, dass die neuen Smart 2014 auf den Markt kommen, und die Studien sind für unseren Entwicklungsprozess sehr wichtige Experimentierlabors. Da gibt es viel Interaktion mit Smart-Fahrern aus aller Welt, die uns auf jedes Fahrzeug zurückmelden, was ihnen gefällt und was sie begeistert. Und diese Elemente haben wir in der nächsten Studie verfeinert, wieder diskutiert, und dann ist all dieses Wissen in unsere neuen Serienfahrzeuge mit eingeflossen.

mm: Den neuen Smart wird es als Zwei- und als Viertürer geben. Wollen sie Smart - ähnlich wie bei BMWs Mini - zur eigenen Lifestylemarke des Daimler-Konzerns machen?

Winkler: Smart ist schon immer eine eigenständige Marke von Daimler, und sie wird weiterhin für Funktionalität, Innovation und Lebensfreude stehen. Wir kopieren nichts von unseren Wettbewerbern, sondern entwickeln die Marke konsequent weiter. In letzter Zeit haben wir neben der einzigartigen Funktion auch immer wieder stark die Emotion von Smart betont.

mm: Was genau verstehen Sie darunter?

Winkler: Da geht es bei uns nicht nur um klassische Fahrzeugthemen wie die Individualisierung, sondern vor allem auch um Freude des Fahrens mit einem Smart in der Stadt. Denn da bieten wir Vorteile wie kleine Wendekreise und schnelles Parken, die nur ein extrem kurzes Auto bieten kann. Diese Vorteile ergänzen wir durch passende Dienstleistungen: beispielsweise schnelleres und ticketloses Parken in Parkhäusern oder einfacheres Nutzen des Carsharing-Programms car2Go. Gerade das einfache Autoteilen ist mindestens genauso lifestylig wie eine neue Autofarbe oder das Derivat eines Autos.

mm: Wofür soll die Marke Smart künftig stehen?

Winkler: Smart lebt vor allem vom Gedanken perfekter Mobilität in der Stadt. Wir wollen den Menschen das Leben in der Stadt erleichtern, es ein bisschen fröhlicher machen - wie schon gesagt, mit durchdachten Stadtautos und passenden Dienstleistungen. Wer weiterhin dabei bleibt, nur Autos zu fertigen, gerät schnell in einen Wettkampf um den niedrigsten Preis. Deshalb ist es mir so wichtig, rund um die Vorteile des Smart auch immer mehr Services für ein einfacheres, bequemeres Leben in der Stadt zu bauen.

"Mit dem Elektrosmart sind wir Marktführer in Deutschland"

mm: Welche Bestandteile des ursprünglichen Smart-Konzepts übernehmen sie bei der neuen Generation?

Winkler: Wir entwickeln den bestehenden Smart weiter und erhalten dabei die wichtigsten Elemente. So wird die neue Generation beispielsweise wieder die typische Tridion-Fahrgastzelle haben, die ein Designelement ist und gleichzeitig das einzigartige Sicherheitskonzept des Smart ausmacht. Ob wir neben dem Zwei- und dem Viersitzer noch zusätzliche Derivate bringen, steht noch nicht fest. Sicher ist aber, dass wir über Fahrzeuge hinaus vor allem auch Dienstleistungen rund um die urbane Mobilität anbieten und ausbauen wollen.

mm: Genau auf diese urbane Zielgruppe setzen auch fast alle Hersteller von Elektroautos - inklusive neuer Dienstleistungen. Wird es nicht sehr schwer, sich hier zu behaupten?

Winkler: Kein anderer Hersteller hat ein Fahrzeug im Programm, das nur 2,70 Meter lang ist. Mit einem Smart können sie auf einem teuren Stadtparkplatz zwei Fahrzeuge abstellen. Dank unseres Heckmotors sind wir auch die einzigen, die bei diesen kompakten Maßen ein so unerreicht großzügiges Innenraumgefühl bieten können - und das wahlweise mit Verbrennungs-, oder auch Elektromotor. Bei uns laufen übrigens beide Antriebsarten flexibel über das gleiche Produktionsband, denn in der Stadt wird es für lange Zeit Bedarf für beide Motorvarianten geben.

mm: Das sehen viele Neuwagenkäufer zurzeit noch anders: Elektroautos sind nicht nur in Deutschland schwer verkäuflich. Ist der Smart mit Elektroantrieb da eine Ausnahme?

Winkler: In Deutschland sind wir mit dem Smart electric drive klarer Marktführer bei Elektroautos mit deutlich über 30 Prozent Marktanteil. Mittlerweile ist der Smart mit Elektroantrieb in allen europäischen Märkten und den USA erhältlich.

mm: In asiatischen Ländern und vor allem in China haben Sie den Elektrosmart bisher nicht auf den Markt gebracht. Wann ändert sich das?

Winkler: In China starten wir Ende dieses Jahres mit dem Smart electric drive, was in diesem für uns so wichtigen Markt ein großer strategischer Meilenstein ist. Smart wird in China der erste europäische Autobauer überhaupt sein, der dort ein Elektroauto anbietet.

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