Digitalisierung krempelt Lkw-Branche um "Bei selbstfahrenden Lkw geht es um geringere Kosten"

Truckstudie Vision X des Zulieferers Bosch: Der voll vernetzte Lkw verarbeitet während der Fahrt Daten über die Route und stellt den Antrieb drauf ein

Truckstudie Vision X des Zulieferers Bosch: Der voll vernetzte Lkw verarbeitet während der Fahrt Daten über die Route und stellt den Antrieb drauf ein

Foto: Bosch

Groß sind sie noch immer, die Stars der IAA Nutzfahrzeuge. Doch statt besonders effizienter Dieselmotoren stehen diesmal eher selbstlenkende Konzept-Trucks im Scheinwerferlicht der am Donnerstag endenden Messe. Auch für die Brummi-Branche bricht eine neue Epoche an, sagt Romed Kelp, Partner der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Der Experte erklärt im Interview unter anderem, was sich die Branche vom autonomen Lkw erhofft und welche neuen Player ins Lkw-Geschäft drängen.

Fotostrecke

Flüsterleiser Verteiler-Lkw: Dieser Elektro-Truck soll den Stadtverkehr revolutionieren

Foto: Daimler

manager-magazin.de: Herr Kelp, was ist in der als konservativ geltenden Trucking-Branche los? Auf der IAA Nutzfahrzeuge präsentierten die Hersteller lieber selbstfahrende Konzept-Trucks und Elektroantriebe als noch effizientere Dieselmotoren. Will sich die Branche damit nur zeitgeistiger machen - oder sind das Vorboten einer grundlegenden Branchenveränderung?

Romed Kelp: Meiner Meinung nach ändert sich hier etwas Fundamentales, auch wenn ich diesen Schritt schon auf der IAA vor zwei Jahren erwartet hätte. Es gab auf der IAA Nutzfahrzeuge zwar weiterhin klassische Produktthemen wie etwa neue Baureihen bei Scania und MAN. Doch diesmal blickten die Hersteller deutlich stärker Richtung Zukunft. Und die geht zum einen in Richtung selbstfahrende Lkw, zum anderen in Richtung Konnektivität und Einbindung in die Logistikkette. Und da tut sich etwas - zwar noch nicht 2017, aber die Hersteller gehen stark in diese Richtung.

mm.de: Eine Lkw-Generation wurde bisher gut 15 Jahre lang fast unverändert gebaut, bei Pkws ist es gerade mal die Hälfte. Müssen die Lkw-Hersteller ihre Truck-Generationen künftig schneller ablösen, um am aktuellen Stand zu sein?

Kelp: Dass die Produktzyklen deutlich schneller werden, ist nicht abgemacht. Autonom fahrende Trucks werden in ihrer ersten Entwicklungsstufe heutigen Trucks sehr ähnlich sehen. Es wird noch längere Zeit ein Fahrer an Bord benötigt, der zuerst von Assistenzsystemen unterstützt wird und irgendwann überwacht. Das macht weiterhin Fahrerkabinen mit Lenkrad notwendig, im Langstreckenverkehr auch eine Übernachtungsmöglichkeit im Fahrzeug. Bei der Elektronik und Sensorik werden die Komponenten und auch die Sensoren austauschbar sein. Und das Thema Konnektivität, also die bessere Auslastung und präzisere Einbindung in die Lieferketten, ist ohnedies von der Bordelektronik großteils entkoppelt.

Romed Kelp ist Nutzfahrzeugexperte und Partner der Unternehmensberatung Oliver Wyman

Romed Kelp ist Nutzfahrzeugexperte und Partner der Unternehmensberatung Oliver Wyman

Foto: Marc Dietenmeier | BFF

mm.de: Im Pkw-Bereich fürchten Automanager Konkurrenz durch den Elektroauto-Hersteller Tesla, die IT-Konzerne Google und Apple und den Fahrdienstvermittler Uber. Welche neuen Spieler drängen ins Lkw-Geschäft?

Kelp: Tesla hat vor kurzem angekündigt, einen Elektro-Truck auf die Straße zu bringen. Noch 2017 wollen die Kalifornier einen ersten Prototypen präsentieren. Tesla kann dabei sein Know-how bei der Elektrifizierung und dem autonomen Fahren zum Teil einbringen. Google ist an der letzten Meile, also an einem stadtnahen Fahrzeug, interessiert. Dafür hat das Unternehmen bereits ein Patent angemeldet. Doch ob sie da mit derselben Verve herangehen wie im Pkw-Bereich, ist noch nicht klar.

mm.de: Weshalb?

Kelp: Die Lkw-Industrie ist vielfach kleiner als das Pkw-Geschäft. Und das ökonomische Rationale für selbstfahrende Fahrzeuge ist ein anderes. Im Pkw-Bereich entfällt dann der Fahrer. Doch es sitzen weiterhin Passagiere im Fahrzeug, die in dieser Zeit dann etwas anderes tun können, als zu fahren. Im Truck-Bereich gibt es die Vision, den Lkw-Fahrer langfristig komplett zu ersetzen - zumindest auf Langstrecken. Dann wäre kein Mensch mehr im Truck. Transporte werden günstiger, weil die Speditionen keinen Fahrer mehr bezahlen müssen. Da geht es vorrangig um geringere Kosten.

"Neue Player zwingen die Traditionshersteller zu mehr Veränderung"

Fotostrecke

Zulassung in Nevada: Testfahrt im autonomen Daimler-Laster

Foto: Daimler Ag - Global Communicatio/ dpa

mm.de: Welche kleineren Player könnten den großen Lkw-Herstellern gefährlich werden?

Kelp: Zum Beispiel: Das junge Unternehmen Otto Motors entwickelt ein Nachrüstsystem auf bestehende Fahrzeuge, mit dem diese dann autonom fahren können. Vor zwei Monaten wurde Otto für knapp 700 Millionen Dollar von Uber gekauft. Dann gibt es Startups mit anderen Fahrzeugkonzepten als bisher. Ein Beispiel dafür ist Nikola Motors. Dieses Unternehmen will Anfang Dezember einen Elektro-Truck präsentieren, dessen Akku sich auf Langstrecken mit einer Gasturbine laden lässt. Mit dem System von Otto Motors soll dieser Elektro-Truck auch autonom fahren können. Das wird zwar nicht die etablierten Lkw-Hersteller verdrängen. Doch die neuen Player zwingen die alteingesessenen dazu, etwas mehr Gas zu geben.

mm.de: Die Pkw-Hersteller wollen sich von reinen Autoproduzenten zu Mobilitätsdienstleistern wandeln. Doch Carsharing und Fahrtdienste wird es unter Truckern ja kaum geben. Welche Rollen können die großen Lkw-Bauer künftig einnehmen?

Kelp: Im Lkw-Geschäft werden nun die ersten Frachtmatching-Plattformen auf- bzw. ausgebaut, mit denen sich die Auslastung einzelner Lkw-Fahrten deutlich erhöhen lässt. So könnte etwa ein halbleerer Truck auf dem Weg von Hamburg nach München über eine solche Plattform die Meldung bekommen, dass es in Kassel noch weiteres Ladegut gäbe. In Kassel hält er dann, lädt es ein und steigert so seine Auslastung deutlich. Einige Lkw-Hersteller versuchen dabei eine führende Rolle einzunehmen, indem sie die Logistikketten integrieren und stärker auf ihren Plattformen abbilden. Somit wollen sie sich für die Zeit rüsten, wenn Fernverkehrstrucks ohne Fahrer selbst steuern. Denn dann werden die Trucks selbst austauschbarer. Sie sind dann im Endeffekt nur eine rollende Lagerfläche, die auf Verfügbarkeit und minimale Kosten getrimmt wird. - Differenzierung muss dann noch mehr durch "connected solutions" kommen.

mm.de: Das wird aber wohl kaum für sämtliche Lkw-Marken klappen.

Fotostrecke

Allianz mit Navistar: VW greift Daimler in USA an

Foto: Navistar

Kelp: Eine Gruppe von Herstellern wird versuchen, in diesem Lösungsspiel weiter führend zu sein. Sie wollen das Gesamtsystem orchestrieren und dabei ihre Fahrzeuge einbringen. Damit geraten sie nicht nur in den Wettbewerb zueinander, sondern auch zu Vernetzungsspezialisten. Denn die werden versuchen, ihre Daten effektiv zu nutzen und ihrerseits ganzheitliche Lösungen anzubieten

mm.de: Und was machen jene Hersteller, denen dafür Geld und Know-how fehlt?

Kelp: Wer das nicht schafft oder will, wird stärker als bisher zu einer Art Zulieferer. Solche Lkw-Hersteller bieten künftig Fahrzeuge an, die sich leicht in das Gesamtsystem anderer Player eingliedern lassen. Doch diese Lkws werden viel stärker nach Kosten und Verfügbarkeit beurteilt werden. Solche Lkw-Zulieferer werden effiziente Fahrzeuge sehr kostengünstig produzieren müssen, damit sie im System mitspielen können.