Mittwoch, 16. Oktober 2019

VW vs. Prevent - die Folgen des Zulieferer-Zoffs "ES und Car Trim haben nicht gesiegt - sie haben viel verloren"

Auslieferung von VW-Neuwagen: Trend zum "dual sourcing" wird sich verstärken

2. Teil: "Unternehmen der Prevent-Gruppe stehen nun auf den schwarzen Listen"

mm.de: Was fanden Sie ungewöhnlich an der Eskalation des Streits zwischen VW und den Zulieferern?

Staudenmayer: Auffällig war, dass die Prevent-Gruppe nach und nach kleine Zulieferer aufgekauft hat. Und diese Aufkäufe liefen über verschachtelte Finanzkonstruktionen. Das mögen Autohersteller üblicherweise gar nicht. Solange bei kleineren Zulieferern ein Einzelunternehmer oder Gründer am Ruder sitzt, geht dieser mit den Herstellern durch dick und dünn.

Finanzinvestoren agieren anders. Die wägen ab, welches Risiko sie haben, wie viel sie an ihren Unternehmen verdienen können und wie viel diese zuvor verdient haben. Wenn da die Relationen nicht mehr stimmen, ziehen Finanzinvestoren eben den Stecker - wie es auch ein nüchterner Banker machen würde. Die Hastors sitzen in Sarajewo. Am Ende sind ihnen die Mitarbeiter in Sachsen weniger wichtig als einem Unternehmer, der direkt aus der Region kommt.

mm.de: Welche Konsequenzen hat denn die Episode für den Volkswagen-Konzern?

Staudenmayer: Die Folgen sind gewaltig. Beispielsweise sind durch den Produktionsstillstand jetzt sämtliche Einsparungen weg, die VW bei diesen Bauteilen in den vergangenen Jahren erzielt hat. Dass dies passiert ist, liegt aber auch am Managementsystem: Einkäufer bei Autoherstellern werden danach bezahlt, wie viel Einsparung sie generieren. Die Sicherheit von Lieferketten wird dabei kaum bewertet. In dem einen Jahr der Betrachtung, das den Prämien üblicherweise zugrunde liegt, ist die Sicherheit auch kaum sichtbar.

mm.de: War es Zufall, dass der Konflikt gerade jetzt so hochkochte?

Staudenmayer: Nein. In der Branche herrscht große Unruhe, den Zulieferern steht mit dem Elektroauto ein echter Umbruch bevor. Noch vor sechs Monaten meinten die meisten Hersteller, dass im Jahr 2025 Elektroautos weniger als 5 Prozent der Produktion ausmachen werden. Jetzt gehen die meisten von 15 bis 25 Prozent aus. Batteriebetriebene Autos brauchen wesentlich weniger Gussteile. E-Getriebe sind viel weniger komplex als mechanische Getriebe. Das wird eine strategische Herausforderung für viele Zulieferer.

mm.de: Aus ihrer Sicht: Dürfte sich die Härte, mit der sich ES und Car Trim mit Volkswagen angelegt haben, mittelfristig auszahlen?

Staudenmayer: Jeder Autohersteller hat eine schwarze Liste für Zulieferer. Und ich bin mir sicher, dass mit der Prevent-Gruppe verbundene Unternehmen da jetzt oben stehen. Jeder Vorstand in der Automobilindustrie kennt nun den Konflikt zwischen Prevent und VW. Wenn deren Einkaufsleiter künftig ein Unternehmen der Prevent-Gruppe als kostengünstigen Anbieter vorschlagen würde, würde der Vorstand sofort nachfragen - und dann der Aufsichtsrat.

ES und Car Trim haben keinen wirklichen Sieg errungen, sie haben viel verloren. Die Verträge mit VW sind zwar nun über die nächsten Jahre gesichert. Doch VW wird sie dann wohl auslaufen lassen und sich andere Zulieferer suchen.

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