PwC-Studie zur IAA VW hat die Chipkrise bisher am stärksten getroffen

Die Internationale Automobilausstellung startet heute an ihrem neuen Standort in München. Eines der Hauptthemen auf der Messe ist die schwierige Versorgung mit Halbleitern. Die Unternehmensberater von PwC kritisieren die Absatzpläne der Hersteller.
Neuer Ort, neues Konzept: Die Automobilausstellung heißt jetzt IAA Mobility und ist von Frankfurt nach München gezogen - und zwar nicht nur auf das Messegelände dort, sondern wie hier auf dem Marienplatz an mehrere Orte in der ganzen Stadt

Neuer Ort, neues Konzept: Die Automobilausstellung heißt jetzt IAA Mobility und ist von Frankfurt nach München gezogen - und zwar nicht nur auf das Messegelände dort, sondern wie hier auf dem Marienplatz an mehrere Orte in der ganzen Stadt

Foto: Sven Hoppe / dpa

Die Unternehmensberatung PwC beurteilt die Produktions- und Absatzpläne der Autoindustrie angesichts der Halbleiterkrise mit großer Skepsis. Der Ausbau von Halbleiter-Produktionsanlagen dauere bis zu zwei Jahre, der Bau neuer Werke sogar fünf Jahre - deshalb sei "keine kurzfristige Erholung der Versorgung mit Halbleitern zu erwarten", sagte PwC-Experte Tanjeff Schadt vor Beginn der Automesse IAA am Montag.

"Die negativen Effekte der Halbleiterkrise sind enorm und erreichen bislang fast 50 Prozent der Effekte durch Covid-19 aus dem Jahr 2020", sagte PwC-Autobranchenexperte Thomas Steinberger. Schon im ersten Halbjahr seien vier Millionen Autos weniger gebaut worden als geplant.

Volkswagen lag demnach 21 Prozent unter Plan, Ford 18 Prozent, Stellantis 15 Prozent, General Motors 12 Prozent, Daimler 2 Prozent. BMW trifft es erst jetzt. Angesichts ständiger kurzfristiger Produktionsausfälle und der Lage bei den Zulieferern seien die geplanten Steigerungen im dritten und vierten Quartal "kritisch zu hinterfragen", warnten die Experten.

Vor allem für kleine Zulieferer stiegen die Risiken: "Eine andauernde Planungsunsicherheit könnte Dominoeffekte zur Folge haben, die einen erhöhten Bedarf an Restrukturierungen auslösen kann." Insbesondere Zulieferer mit einer hohen Abhängigkeit von einzelnen Regionen, Autoherstellern und Fahrzeugklassen "werden sich auf große Schwankungen einstellen müssen".

Autoindustrie ist für Chiphersteller nur kleiner Abnehmer

Die Autoindustrie sei gegenüber den Halbleiterherstellern in einer relativ schwachen Verhandlungsposition. Denn ohne Halbleiter bewegt sich heute kein Auto mehr, vom Antrieb bis den Assistenzsystemen werden sie überall gebraucht. Aber für die Halbleiterindustrie ist die Autoindustrie nur ein eher kleiner Kunde verglichen mit der IT-Branche oder der Unterhaltungselektronik. Der weltweit größte Halbleiter-Auftragsfertiger TSMC in Taiwan ist für die Autoindustrie den Branchenexperten zufolge mit Abstand der größte Lieferant - aber umgekehrt macht TSMC mit der Autobranche nur 3 Prozent seines Umsatzes.

Als die Autoindustrie während der Corona-Lockdowns 2020 ihre Bestellungen kürzte und 2021 schnell wieder erhöhte, kam es zu Engpässen. Zudem brannte im März eine für die Autoindustrie wichtige Chipfabrik in Japan. Die Autoproduktion wurde weltweit ausgebremst - besonders stark in Europa und den USA, am wenigsten in China.

Halbleiterunternehmen forderten vor weiteren Investitionen Abnahmegarantien, das Verhältnis zur Autoindustrie sei angespannt, hieß es. Einen langfristigen Ausweg sieht PwC-Berater Marcus Gloger in "engen Partnerschaften mit Halbleiterherstellern bis hin zu Co-Invest, um künftige Bedarfe und Zugang zu den wichtigen Halbleiter-Technologien abzusichern".

Daimler-Vorstandschef Ola Källenius (52) äußerte sich vor Beginn der IAA ebenfalls kritisch zu einem Ende der Halbleiter-Krise. Die jüngsten Corona-Lockdowns in Malaysia hätten Mercedes-Benz im laufenden Quartal getroffen, und "die Situation ist volatil", sagte Källenius am Sonntagabend. Er hoffe, dass es im vierten Quartal besser werde. Aber die Nachfrage nach Halbleitern werde auch nächstes Jahr höher sein als die weltweite Produktionskapazität. Das sei ein strukturelles Problem und habe nichts mit der Pandemie zu tun. Erst 2023 erwarte er eine deutliche Entspannung, sagte Källenius.

Große Autohersteller bleiben der Messe fern

Die IAA startet am Montag am neuen Standort München mit neuem Konzept als Verkehrsmesse IAA Mobility. Nicht nur auf dem Messegelände, sondern auch in der Stadt will die Branche über Wege zur Klimaneutralität und die Vernetzung verschiedener Verkehrsträger sprechen.

Am ersten Tag stellen sich die Autohersteller und Zulieferer der Presse. Am Dienstagnachmittag soll Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU; 67) die Messe offiziell eröffnen. Ab dann starten auch die Autopräsentationen auf mehreren Plätzen mitten in München sowie die Testfahrten für Besucher: Erstmals können sie auf einer IAA rund 250 neue Fahrzeuge auf Straßen und einem Autobahnabschnitt zwischen der Stadt und dem Messegelände probeweise fahren, darunter auch Wasserstoff- und hochautomatisierte Autos. Auch Fahrräder und E-Scooter werden in den Messehallen und in der Stadt präsentiert und können von Besuchern getestet werden. Unter den Ausstellern sind erstmals auf einer IAA 70 Fahrradhersteller.

Wegen der Corona-Pandemie werten es die Veranstalter - der Verband der Automobilindustrie (VDA) und die Messegesellschaft München - schon als Erfolg, dass die Messe überhaupt stattfinden kann. Mehrere große Autobauer wie Toyota oder Stellantis hatten allerdings abgesagt.

mg/dpa-afx
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