Mittwoch, 26. Juni 2019

Deutsche Autohersteller auf der IAA Die neuen Gegenspieler der Car Guys

Verhüllte Infiniti-Modelle auf der IAA in Frankfurt: Der Druck auf die Autohersteller steigt, und das gleich an mehreren Fronten. Nicht nur China, der jahrelange Gewinn-Garant, bereitet Sorgen

Willkommen zum Jahrmarkt der automobilen Eitelkeiten: Alle zwei Jahre trifft sich die Autobranche Mitte September in Frankfurt zur größten Automesse Europas, der IAA. Millionen Euro investieren Autohersteller in Messestände und Veranstaltungen, um sich hier ins rechte, möglichst gleißende Licht zu rücken. Mehr als 200 Autopremieren haben die Hersteller angekündigt - von eher Bodenständigem wie der Neuauflage des Opel Astra bis hin zu Exoten wie dem mehr als 200.000 Euro teuren ersten Geländewagen von Bentley.

Erstmals präsentieren deutsche Autohersteller auch Elektroautos, deren Reichweiten von rund 500 Kilometer je Akkuladung längere Autobahnfahrten zulassen. Und viel wird zu hören sein über den baldigen Anbruch jenes Zeitalters, in dem Autos ohne Zutun eines menschlichen Fahrers selbst über Autobahnen und durch Städte flitzen.

In nur wenigen Jahren sollen solche Träume Realität werden, suggeriert die Branche auf Automessen gerne selbstbewusst. Die Zukunft der Mobilität wird sicherer, sparsamer und besser vernetzt, tönen Automanager gerne - dank der Innovationen, die traditionelle Hersteller quasi im Akkord entwickeln.

Vieles bei dieser großen Autoshow samt ihrer gewagten Ankündigungen täuscht über die gewaltigen Umbrüche hinweg, die gerade auf die Autohersteller zurollen. Der Druck auf die Autohersteller steigt, und das gleich an mehreren Fronten. Das China-Geschäft, der jahrelange Gewinngarant gerade für die deutsche Autobranche, beginnt zu stottern. In den einstigen Hoffnungsmärkten Brasilien und Russland sieht es ebenfalls düster aus.

Mit der Digitalisierung und Vernetzung ihrer Fahrzeuge kommen die Hersteller zwar voran. Doch gute Antworten, wie sich damit künftig Geld verdienen wollen, hat noch kaum einer in der Branche parat.

Google und Telekom mit eigenen Messeständen - und viel Selbstbewusstsein

Und die Autohersteller bekommen neue Gegenspieler, wie sich auch auf der IAA sehen lässt. In diesem Jahr haben die Deutsche Telekom Börsen-Chart zeigen und der Internetriese Google Börsen-Chart zeigen erstmals eigene Stände auf der Messe. Diese IT-Konzerne können zwar keine Autos bauen - doch sie wissen, wie sich mit digitalen Daten, Kundenprofilen und Werbung ordentlich Geld verdienen lässt.

Genau dieses Wissen fehlt der Autoindustrie zum Großteil noch. Es ist die verwundbarste Flanke der so selbstbewussten Zunft. Denn mit der Digitalisierung ihres Geschäfts tut sich die Autobranche schwer.

Zwar sind alle Hersteller stolz darauf, dass sich ihre Autos nun mit Smartphones koppeln lassen und erste Internetdienste auch an Bord abrufbar sind. Das greifbarste Resultat dieser besseren Vernetzung sind bislang etwas präzisere Staumeldungen. Doch bahnbrechende Ideen, welche Dienste sich nun mit den Daten aus den Autos sinnvoll füttern ließen, hat die Autobranche bislang nicht geliefert.

Vernetzung als Absatz-Argument

Doch dafür ist höchste Zeit. Zwar werden die Autohersteller wohl noch ein paar Jahrzehnte lang traditionelle Autos verkaufen können. Das entscheidende Argument für den Kauf oder für die Nutzung eines Fahrzeugs wird in Industrieländern jedoch bald die beste Vernetzung sein. Kunden werden schnell und problemlos zwischen geteilten Autos und öffentlichen Verkehrsmitteln wechseln wollen. Vielleicht lassen sich sogar Privatwagen dank intelligenter Technologie zeitweise als Carsharing-Autos nutzen - und stehen so weniger in Innenstädten herum. Auch Parkräume ließen sich mit besserer Vernetzung effizienter füllen.

In größeren Städten wird Mobilität in naher Zukunft deutlich anders aussehen als bisher. Und dabei könnten Dienste und Dienstleistungen, die von IT-Konzernen wie Google oder Apple angeboten werden, die traditionellen Autohersteller schnell überholen. Die Gefahr erkennt die Branche trotz allem Messen-Marketinggeklingel auch. VW-Chef Martin Winterkorn etwa spricht von einer "digitalen Revolution", in der die Branche gerade stecke. Und er sieht auch durchaus Gefahren durch neue Wettbewerber.

Google selbst forscht seit Jahren an selbstfahrenden Autos. Dass es der Konzern damit durchaus ernst meint, zeigt auch eine Personalie: Denn Googles Team für autonome Autos leitet nun Steven Krafczik, bis vor kurzem war er USA-Chef von Hyundai, davor arbeitete er jahrelang bei Ford.

Aufbruch ins digitale Zeitalter - das ist das wichtigste Thema der IAA

Apple wiederum arbeitet offenbar an einem eigenen Elektroauto und hat dafür in den vergangenen Monaten Dutzende Mitarbeiter von Autoherstellern abgeworben. Noch sind die Autobau-Pläne der beiden IT-Riesen nicht allzu konkret. Deutlich weiter sind beide Konzerne jedoch bei ihren Projekten, ihre Betriebssysteme in Autos zu verankern. Die ersten Neuwagen mit Android oder Apple Carplay an Bord sind bereits im Handel.

Die ersten Auswirkungen der digitalen Revolution, von der Winterkorn nun sprach, sollten auch auf der IAA zu sehen sein. Die vielen Ankündigungen über autonomes Fahren sind eine hübsche Verpackung für das wohl wichtigste Thema dieser IAA: Der digitalen Verknüpfung von Autos, Fahrern und Smartphones zu einem sich bewegenden Netz - das die Mobilität der Zukunft verändern wird.

Dieser Aufbruch ins digitale Zeitalter ist die wahre Innovation der größten Automesse Europas. Über die vielen Facetten dieses Themas werden wir in den nächsten Tagen ausführlich berichten.

Motorenshow: Der Party-Ticker von der IAA live aus Frankfurt

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