Samstag, 21. September 2019

Blockade gegen IAA geplant Der Anti-Auto-Aufstand

Protest gegen Automesse IAA: Angriff auf die Autoindustrie
picture alliance/dpa

Herbert Diess bekommt es am Montag mit einer harten Gegnerin zu tun, die er vor kurzem noch gar nicht gekannt haben dürfte. Nach Informationen von manager-magazin.de ist ein Streitgespräch des Volkswagen-Chefs mit der Sprecherin des Autogegner-Bündnisses "Sand im Getriebe" vereinbart, die sich Tina Velo nennt (ein Pseudonym).

Die Berliner Aktivistin (33) zeigt robustes Selbstbewusstsein. Über die Autoindustrie, Deutschlands wichtigsten Wirtschaftszweig, sagt sie: "Man merkt, dass wir die an die Wand drängen gerade."

Tatsächlich läuft es derzeit nicht gut für die Konzerne - und die Tatsache, dass Diess sich überhaupt der Debatte mit einer Tina Velo stellen muss, liefert einen weiteren Beleg dafür. Mitte September kommt einiges zusammen. Die Autokonjunktur bricht ein, die Frankfurter Automesse IAA wird wohl weit weniger prunkvoll als früher. Kurz darauf ruft die Fridays-for-Future-Bewegung zum Generalstreik fürs Klima, und dann tagt in Berlin noch das Klimakabinett, um konkrete Maßnahmen zu beschließen - nicht zuletzt für den Autoverkehr, der in Deutschland bislang am wenigsten zum Klimaschutz beigetragen hat.

Die Industrie steht unter Druck, ihr Geschäftsmodell zu ändern. Um das zu unterstreichen, will "Sand im Getriebe" die Messe am 15. September komplett blockieren - und zeigt keine Neigung zum Kompromiss.

"Ich werde die unbequeme Stimme sein"

Die Versuche der Industrie, sich als grün und engagiert darzustellen, stoßen auf wenig Resonanz. Die IAA ist als Festival der Elektroautos angelegt. Herbert Diess will mit dem VW ID 3 den wichtigsten Hoffnungsträger für die Elektrifizierung der Massen präsentieren. Doch dergleichen beeindruckt die Aktivisten nicht, schon gar nicht Luxus-E-Mobile wie der neue Porsche Taycan.

Im Gegenteil: Der Anti-IAA-Aufruf richtet sich ausdrücklich dagegen, dass die Industrie "ihre schmutzigen Karossen als Zukunft verkauft". Elektroautos stießen zwar keine Abgase aus, verursachten ansonsten aber dieselben Schäden wie Benziner - und schüfen neue, etwa in der Batterieproduktion oder der Rohstoffbeschaffung.

Für den Branchenverband VDA, der die Messe ausrichtet, erklärt Präsident Bernhard Mattes die Industrie als "entschlossen, zum Erreichen der Klimaschutzziele beizutragen". Der VDA versucht, die Kritiker einzubinden.

So spricht die 21-jährige Carla Reemtsma als Vertreterin der "Fridays for Future" auf der Messe, die Firmenchefs Ola Källenius (Daimler), Volkmar Denner (Bosch) und Oliver Blume (Porsche) stellen sich dem "Bürgerdialog". Greenpeace-Campaigner Benjamin Stephan diskutiert, ob "die Branche ernsthaft an einer Wende interessiert" sei. "Ich werde die unbequeme Stimme sein", kündigt er an.

Auch Grünen-Verkehrspolitiker Anton Hofreiter, der Leipziger Fußverkehrsverantwortliche Friedemann Goerl und Rebecca Peters vom Fahrradclub ADFC kommen zu Wort. An diesem Donnerstagabend wollen Mattes, Daimler-Vertriebsvorständin Britta Seeger und BMW-Betriebsratschef Manfred Schoch in Berlin mit Vertretern der Umweltverbände diskutieren, die eine Großdemo gegen die IAA planen.

"Sand im Getriebe" übertritt bewusst die Grenze der Legalität

Doch all das reicht Tina Velo und ihren Mitstreitern nicht. Auf den ersten Blick ließen sich die etablierten Verbände mit ihrem Eltern-Kind-Fahrradkorso leicht von den militanten Autogegnern trennen - zumal in den vergangenen Monaten auch Autohäuser in Köln und im Taunus brannten, woraufhin Aufrufe mit IAA-Bezug kursierten. Mitte August ketteten sich Mitglieder der "Aktion Autofrei" an die Brücke der Volkswagen-Werksbahn über den Mittellandkanal in Wolfsburg und blockierten Autotransporte mit Slogans wie "Gegen Volk und gegen Wagen".

Tina Velo sagt, sie könne nur zu den Aktionen ihrer eigenen Gruppe Stellung nehmen. "Sand im Getriebe" übertrete im Rahmen des "zivilen Ungehorsams" bewusst legale Grenzen, sehe sich aber als Teil einer vielfältigen Klimaschutzbewegung, deren unterschiedliche Aktionsformen und Ziele sich ergänzten. Mit Greenpeace, Umwelthilfe und Co. pflege man ein "total solidarisches Verhältnis" und "enge Absprache". Ihre Gruppe nimmt sogar für sich in Anspruch, die größere Bewegung angestoßen zu haben. "Die Idee zum Protest gegen die IAA kam von uns."

Manche Gruppen wie die Jugendverbände von Grünen und Linken unterstützen sowohl die große IAA-Demo als auch "Sand im Getriebe", deren Blockade auch auf der großen Bündnis-Website angekündigt wird. "Die Klimabewegung ist so stark wie nie, und jetzt knöpfen wir uns die Autoindustrie vor", verkündet auch Gerald Neubauer, Campaigner der Protest-Plattform Campact.

Die Proteste sollen hartnäckig, aber friedlich ablaufen

Dem Bewegungsforscher Simon Teune zufolge bekämen die Autogegner infolge der Klimadebatte "eine andere Dynamik" und "eine neue Qualität", wie er der "taz" sagte. Erstmals rücke die Autoindustrie selbst als "Knotenpunkt der Macht" in den Blick.

Das Beispiel des Kohleausstiegs und des Abbaustopps am Hambacher Forst im Rheinland scheint die Aktivisten zu beflügeln. "Neben der Kohle kommt jetzt der Verkehr dran", heißt es im Demo-Aufruf. Tina Velo jedenfalls gibt sich überzeugt, dass ihre Gruppe die IAA tatsächlich dichtmachen könne. "Das Messegelände ist zum Glück etwas kleiner als ein Braunkohletagebau, und auch da ist uns die Blockade geglückt."

Angst vor Gewalt müsse aber kein Besucher haben. Sie rechne auch damit, dass die meisten Gäste am Blockadetag der IAA lieber gleich fernblieben. "Unser Protest richtet sich ja gar nicht gegen AutofahrerInnen, sondern gegen die Messe selbst."

Und was ist mit der Industrie selbst, ihren Zulieferern und den Millionen Beschäftigten? "Wir würden mit der Autoindustrie reden", zeigt sich Tina Velo gnädig - "wenn sie sich zu einer sozial-ökologischen Transformation bekennen und beispielsweise eher Fahrräder oder Straßenbahnen herstellen würde."

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