Freitag, 6. Dezember 2019

Internetkonzerne fordern Autobauer auf der IAA heraus Von wegen Blechbieger - wie Daimler, BMW & Co. Apple und Google in Schach halten

Mercedes-Benz Concept IAA (Intelligent Aerodynamic Automobile): Mobilität wird zum Service, losgelöst davon, wem das Fahrzeug gehört

Autohersteller verstehen sich als Produktanbieter. In einer Welt, die Produkte daran misst, wie sie das Leben und die Kommunikation vereinfachen, reicht das jedoch nicht mehr. Es werden kundennahe Funktionalitäten und Dienstleistungen verlangt. Das katapultiert die schnelle App-Technologie vom Smartphone direkt ins Auto - eine Technologie, die kaum Regulierung kennt und Entwicklern und Anbietern größtmögliche Freiheiten lässt.

Außerdem steigen beängstigend finanzkräftige Anbieter aus dem Internet- und Entertainment-Bereich in den Markt ein, allen voran Apple Börsen-Chart zeigen und Google Börsen-Chart zeigen. Beides wird die Automobilindustrie grundlegend verändern.

Stefan Bratzel
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    Center of Automotive Management
    Prof. Dr. Stefan Bratzel leitet seit 2004 das Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach (www.auto-institut.de) und ist Co-Autor der Studie "Connected Cars".
Zwei Hauptentwicklungen zeichnen sich ab: Zum einen wird es völlig neue Fahrzeugkonzepte geben, zum anderen werden digitale Zusatzangebote immer lukrativer. Connected Car heißt das neue Schlagwort der Branche: Mobilität wird zum Service, losgelöst von Eigentumsrechten an Fahrzeugen (z.B. Carsharing), Fahrzeugflotten werden über digitale Plattformen gemanagt (Mobility Management, Vehicle Management), und eines Tages wird ein Fahrer zum Steuern eines Autos nicht mehr nötig sein (Autonomous Driving).

Unsere Connected Car Study 2015 sieht den Markt für solche digitalen Services weit überproportional von heute 8 Milliarden Euro auf 26 Milliarden Euro in sechs Jahren steigen.

Die Innovationskraft der Autobauer

Viele glauben, dass die Autohersteller den digital-affinen Anbietern aus der Internetwelt nicht das Wasser reichen können. Amazon Börsen-Chart zeigen, Apple oder Google werden als unbezwingbare Herausforderer dargestellt, die Volkswagen Börsen-Chart zeigen, BMW Börsen-Chart zeigen, Daimler Börsen-Chart zeigen & Co. zu reinen Zulieferern und Blechbiegern degradieren werden. Wir teilen diese Ansicht nicht.

Immer noch haben die klassischen Autobauer ein unvergleichliches Gespür für das gesamte "Ökosystem Auto", von der Nutzung bis zur einschlägigen Gesetzgebung. Sie wissen, wie man Autos verkauft und mit welchen Features sie auszustatten sind. Sie wissen, wie man sie wartet und repariert. Sie kennen sich aus mit Flottengeschäften.

Und vor allem: Hersteller und Zulieferer bringen Innovationen auf den Punkt für das Automobil und für die Mobilität von morgen. Insbesondere, wenn sie in Schlüsseltechniken vom Antriebsstrang über Leichtbau bis zur Sicherheitstechnik Spitze sind. Und das sind sie, wie die neue Connected Car Study 2015 darlegt.

Gerade in den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Fahrerassistenzsysteme sind die deutschen Hersteller ihren Wettbewerbern aus Amerika und Asien derzeit sogar einen Schritt voraus.

Die Handicaps der traditionellen Hersteller

Zwar sind die Autokonzerne aus der letzten Krise gestärkt hervorgegangen, aber sie sind auch standardisierter und unflexibler in ihren Organisationen, Abläufen und Compliance-Regelungen als die neuen Herausforderer. Sie haben lange Entwicklungs- und Produktionszyklen, Gewährleistung und Produkthaftung spielen eine wichtige Rolle.

Richard Viereckl
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    Strategyand
    Dr. Richard Viereckl ist Senior Partner und Automobil- experte der Strategieberatung Strategy&. Er verfügt über drei Jahrzehnte Erfahrung in der Automobilindustrie und ist Co-Autor der Studie "Connected Cars" (www.strategyand.pwc.de).
Insofern sind sie gegenüber den digitalen Angreifern gehandicapt, die in schnellen Zyklen neue Releases und Produkte entwickeln. Die Gefahr besteht, dass diese in Zukunft die Standards für Autoindustrie setzen.

Autohersteller müssen sich wandeln, müssen zum Mobilitätsdienstleister werden. Funktionell sehen wir auch Angebots- und Kundenbindungspotenziale in Zahlungsverkehrs- und Logistiklösungen, in E-Commerce-Plattformen und Kundenbindungsprogrammen.

Um ihre Kunden dauerhaft an sich zu binden, müssen die Autobauer die Schnittstellen zwischen dem Kunden und dem Fahrzeug kontrollieren - und genau in diesem Bereich sind die digitalen Angreifer besonders stark.

Was die Autokonzerne ändern müssen

Für solche kundennahen Angebote werden die Hersteller ihre Geschäftsmodelle ändern: mit Ausgründungen von schnelllebigen Funktionen (ähnlich wie bei Financial Services und Leasing), über Start-ups zum Experimentieren mit kundennahen Dienstleistungen, oder mit gezielten Zukäufen, um notwendiges Know-how ins Unternehmen zu holen. Der Erwerb von Nokias elektronischer Landkarte Here durch ein Konsortium deutscher Anbieter ist ein gutes Beispiel.

Die Erweiterung der Angebotspalette um digitale Dienstleistungen wird sich lohnen: Mobilitätskonzepte allein werden schon einen konstanten Einkommensstrom für die Anbieter sicherstellen. Und Schätzungen für Einnahmen mit digitalen Services im Zusammenhang mit dem Autonomen Fahren gehen von 3700 US-Dollar pro Haushalt und Jahr aus im Vergleich zu weniger als 1000 Euro Gewinn pro Fahrzeugverkauf im Volumensegment.

Es gibt also viel zu tun für die Autohersteller und ihre Zulieferer. Die grundlegende Frage ist: Wie können sie in den nächsten Jahren die Balance halten zwischen erforderlicher Schnelligkeit in der Entwicklung und notwendiger Gründlichkeit? Denn an einem ändert auch die digitale Revolution nichts: Autos müssen zuverlässig und sicher bleiben.

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