Mittwoch, 22. Mai 2019

Streit um Verkauf der Wohnmobil-Legende Die traurige Wahrheit hinter dem Hymer-Skandal

Hymer ML-T auf Basis Mercedes-Benz Sprinter 4x4

In der nordischen Mythologie ist der Gott Thor für das Wetter zuständig; seine Vorlieben sind dabei weniger Sonnenschein denn vielmehr Unwetter mit Regen, Blitz und Donner. Thor Industries Inc., der amerikanische Marktführer bei Motorhomes, macht seinem Namenspatron alle Ehre: Bei der Übernahme des deutschen Wohnmobilherstellers Hymer gab es plötzlich ein heftiges Unwetter. Nur gut, dass es Abhilfe gibt: seit alters her ist bekannt, dass sich Thor mit wertvollen Opfern besänftigen lässt. In modernen Zeiten ist auch Geld als Opfergabe gern gesehen - aber viel Geld muss es schon sein: Im Falle von Hymer "opferten" die verkaufswilligen Eigentümer einen dreistelligen Millionenbetrag.

Thorsten Grenz
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    Thorsten Grenz
    Thorsten Grenz ist Präsident der Financial Experts Association e.V., der Vereinigung unabhängiger Finanzexperten, die als Aufsichtsräte arbeiten. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter einer Beteiligungsgesellschaft und Mitglied in Aufsichts- und Beiräten. Grenz lehrt als Honorarprofessor an der Universität in Kiel und ist Wirtschaftsbeirat und Fellow-at-Large am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Bis 2012 war er Geschäftsführer eines großen Versorgungsunternehmens.

Was war passiert? Die Familieneigentümer des bekannten Wohnmobilherstellers Hymer hofften, ihr Unternehmen für 2,1 Milliarden Euro in die USA an den dortigen Marktführer verkauft zu haben. Doch dann schlug unerwartet der Blitz ein: Kurz vor Abschluss der Transaktion wurden erhebliche Bilanzmanipulationen bei der nordamerikanischen Tochtergesellschaft bekannt. Daraufhin verweigerte Thor die Übernahme der betroffenen Tochtergesellschaft - konsequent, denn kein börsennotiertes Unternehmen übernimmt wissentlich einen solchen Problemfall: Die Tochtergesellschaft wurde aus dem Deal herausgenommen und der Kaufpreis um 170 Millionen Euro gekürzt; immerhin acht Prozent der ursprünglich vereinbarten Summe.

US-Tochter von Hymer insovlent

In den vergangenen Tagen kam es dann noch dicker: Die betroffene amerikanische Tochtergesellschaft von Hymer ist nun insolvent, über 800 Beschäftigte entlassen und Kunden fürchten um den Verlust ihres eingespielten Servicepartners. Finanziell droht ein weiterer heftiger Donnerschlag: mit der Aussonderung der amerikanischen Aktivitäten wurden auch 180 Millionen Euro an Verbindlichkeiten nicht wie ursprünglich vorgesehen durch Thor übernommen. Wen das schließlich trifft - ob Hymer dafür gradesteht oder die Banken die Kredite abschreiben müssen - lässt sich extern nicht beurteilen; der Schaden aber bleibt: zusammengenommen sind also 350 Millionen Euro, 17 Prozent des ursprünglichen Kaufpreises, verloren gegangen.

Das wäre wohl vermeidbar gewesen, denn der Vorfall ist ein wohlbekannter "Klassiker der Bilanzfälschung": die Aufblähung des Umsatzes durch Scheinrechnungen, des Ausweises von Leistungen, die (noch) nicht erbracht wurden. Und das lief hier in ganz großem Stil: 1700 Rechnungen über 100 Millionen Dollar sollen falsch gewesen sein - frappierend, bei einem Jahresumsatz von 300 Millionen Dollar! Der Fall und vor allem sein Ausmaß überraschen, ist dieses Risiko doch wohlbekannt, mit ordentlichen Finanzprozessen eigentlich gut beherrschbar und fester Bestandteil jeder Abschlussprüfung. Hier haben die internen Kontrollprozesse kolossal versagt.

Schwache Compliance und Kontrollsysteme kommen teuer

Die Täter wähnten sich sicher: 1700 Rechnungen über durchschnittlich jeweils knapp 60.000 Dollar ohne Leistung als Umsatz zu buchen - das muss man sich erstmal erdreisten und hinbekommen! So etwas bringt kein Einzeltäter zu Stande, hier haben mehrere Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum zum Schaden des Unternehmens zusammengewirkt. Und das weist auf die zweite Schwachstelle hin: ein unwirksames Compliance-Management-System, das Fehlen einer Kultur und von gelebten Systemen des "Whistleblowings". Um Hinweise zu bekommen braucht es zunächst nicht viel mehr als eine auch anonym erreichbare Telefonnummer und Mailadresse - es bedarf, wenngleich wünschenswert (Achtung: Sarkasmus!), nicht einmal ehrlicher Mitarbeiter: Um einen Tipp zu bekommen, reicht es völlig aus, dass Mitwisser den Tätern die Beute nicht gönnen oder mit denen noch eine Rechnung offen haben. In einem Fall wie bei Hymer wäre es dann ein leichtes gewesen, die Belastbarkeit eines solchen Hinweises zu bestätigen und den Betrug abzustellen.

Der Fall zeigt einmal mehr: Schwache Compliance und Kontrollsysteme kommen teuer. Und: nicht nur börsennotierte Unternehmen sind betroffen, sondern auch Familienunternehmen. Ein wichtiger Unterschied dabei: Vorfälle werden bei privat gehaltenen Unternehmen selten öffentlich - über das Ausmaß der diskret verschwiegenen Fälle kann man nur spekulieren.

Dabei sind die potentiellen wirtschaftlichen Schäden bei "Privaten" wohl sogar gravierender: Börsennotierte Unternehmen werden durch Kursabschläge gestraft - also zunächst "nur" mit Buchverlusten, die das Unternehmen wieder wettmachen kann. Anders sieht es aus, wenn das Problem - wie in diesem Fall - bei einem Verkaufsprozess entdeckt wird: Eine Kaufpreisminderung ist ein realisierter Verlust! Verborgene Risiken und Compliance-Verstöße sind eine Steilvorlage für den Käufer, den Preis nachzuverhandeln oder die auf einem Treuhandkonto zurückbehaltene Abschlusszahlung nicht auszuzahlen. Schwache Compliance-Systeme laden so manchen Käufer geradezu ein, ganz gezielt nach Vorfällen zu suchen und diese dann zu nutzen, um den Kaufpreis nachträglich zu mindern.

Funktionierende Compliance-, Kontroll- und Risikomanagement-Systeme sind, richtig aufgesetzt, keine lästige Bürokratie; im Gegenteil, sie sichern Werte - und das nicht nur bei börsennotierten Unternehmen.

Thorsten Grenz ist Präsident der Financial Experts Association e.V. und Mitglied der MeinungsMacher. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.


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