Samstag, 14. Dezember 2019

Hildegard Müllers Bilanz als Energielobbyistin Die Managerin der Kehrtwenden

Hildegard Müller auf dem BDEW Kongress 2013

Es hat schon eine gewisse Ironie: Die Autoindustrie will mit Hildegard Müller als Präsidentin ihres Branchenverbands VDA wieder politischen Einfluss gewinnen, internen Streit regeln und ihr Image verbessern; dabei war Müller einst auf den Chefposten des Energieverbands BDEW geholt worden, damit dieser so schlagkräftig und geeint werde wie damals der VDA.

Dem Vernehmen nach wollte vor allem Volkswagen-Boss Herbert Diess jemanden, der sich weniger nach vorn drängt als der zwischenzeitliche Favorit Sigmar Gabriel, aber trotzdem gut vernetzt ist und effektiver als Vorgänger Bernhard Mattes. Hildegard Müller, die früher die Junge Union führte, als Staatsministerin in Merkels Kanzleramt saß und dann den wichtigsten Lobbyjob der hochpolitischen Energiebranche hatte, passt perfekt ins Profil. Zudem ist sie als bisherige Innogy-Netzchefin auch noch eine Frau der Elektromobilität.

Allerdings stellt sich die Frage, was Müller als Hauptgeschäftsführerin des BDEW (2008-2016) in Zeiten der Energiewende für ihre Branche erreicht hat - und was das für die Autoindustrie und eine möglicherweise bevorstehende Verkehrswende heißt.

Lob erhielt die gelernte Bankerin für ihre Fähigkeit, die verschiedenen heftig widerstreitenden Interessen einzubinden. Der BDEW hat unter Müllers Führung den Konflikt zwischen den seinerzeit "großen vier" Kraftwerksbetreibern und den Stadtwerken mit wechselseitigen Austrittsdrohungen überlebt ebenso wie die Konkurrenz der Erneuerbaren mit ihren diversen eigenen Verbänden.

Wer die Energiewende will, kann heute auch die einstige Atom- und Kohlelobby anführen. Müller habe "Herausragendes geleistet", attestierte ihr Johannes Kempmann, der als Grüner und früherer Wendland-Aktivist in Müllers Zeit zum Verbandspräsidenten gewählt wurde. Aktuell sitzt seit November mit Kerstin Andreae eine weitere Grüne als Hauptgeschäftsführerin auf Müllers altem Posten (nach einem Intermezzo des FDP-lers Stefan Kapferer).

Auf der Strecke blieben jedoch nicht nur alte Gewissheiten, sondern auch die Interessen und sogar die Existenz der führenden Energiekonzerne.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung