US-Motorradmarke mit Image- und Absatzproblemen Leise Abfahrt - Harley sucht sein Heil in E-Motorrad

Schwere Bikes, alternde Klientel: Der legendäre US-Motorradhersteller Harley-Davidson hat ein schwieriges Jahr hinter sich - und ein ebensolches vor sich. Nun setzt Harley neben Einsparungen auch auf ein ungewöhnliches Projekt zur Verjüngung: Der Traditionskonzern aus Milwaukee will ein Elektro-Motorrad in Serie bauen.
Harley-Davidsons Elektrobike-Prototyp "LiveWire" aus 2014: Das stille Bike bekommt eine zweite Chance

Harley-Davidsons Elektrobike-Prototyp "LiveWire" aus 2014: Das stille Bike bekommt eine zweite Chance

Foto: Harley-Davidson

Umsatz gesunken, Gewinn gesunken, und in diesem Jahr sollen die Absatzzahlen nochmals nachgeben: Es sind düstere Zahlen, fast so dunkel wie die Lederkutten seiner Fans, die der US-Motorradproduzent Harley-Davidson am Dienstag vorgelegt hatte.

Im vergangenen Jahr setzte der Konzern aus Milwaukee mit seinen Zweirädern zwar immerhin noch 5,65 Milliarden Dollar (4,55 Milliarden Euro) um, das waren aber sechs Prozent weniger als noch 2016. Der Gewinn brach - auch wegen der Effekte der US-Steuerreform - um knapp ein Viertel auf 522 Millionen Dollar ein. In diesem Jahr rechnet der Konzern damit, um fünf Prozent weniger Motorräder zu verkaufen als noch 2017.

Der Hauptgrund für das düstere Zahlenwerk liegt im Heimatmarkt USA: Dort verkaufte Harley-Davidson zuletzt 8,5 Prozent weniger Motorräder. Günstigere Modelle aus Asien und Europa setzen dem Traditionshersteller zu, doch das Hauptproblem ist das Ausbleiben junger Kundschaft: Die Stammkunden von Harley-Davidson werden immer älter. Denn die große Freiheit auf zwei Rädern, die Harley-Davidson so gerne beschwört, spricht heute eher gutsituierte Zweirad-Interessenten gesetzteren Alters an.

Harley sucht seit langem nach einem Rezept, die Rückgänge aufzufangen. Vor einigen Monaten galt Harley als höchst interessiert an einer Übernahme von Ducati - die italienische Motorradmarke gehört seit einigen Jahren Audi. Doch bislang gibt es nur wenige Anzeichen, dass Ducati tatsächlich zum Verkauf steht. In diesem Jahr probiert es Harley mit Stellenstreichungen, der Schließung einer Fabrik - und einer eher ungewöhnlichen Serienfertigung. Denn Harley-Davidson-CEO Matt Levatich kündigte nun an, in den nächsten 18 Monaten ein Elektro-Motorrad auf den Markt zu bringen.

Elektro-Motorräder sind stark wachsende Nische

Offenbar bekommt ein älteres Harley-Projekt nun seine Serienchance: Denn bereits im Jahr 2014 enthüllte Harley seinen "LiveWire" genannten ersten Prototypen eines E-Zweirads. Der Konzern veranstaltete erste Kundentests mit dem Fahrzeug, das auf eine Reichweite von rund 80 Kilometern kam und den Sprint von 0 auf 100 km/h in 4 Sekunden schaffte.

In die Entwicklung des neuen Elektro-Motorrads, so erklärte Harley-CEO Levanich, werden die Erfahrungen jener 12.000 Menschen einfließen, die Harley's "Livewire"-Prototypen berits gefahren haben. Details für die künftige Elektro-Harley gab Levatich nicht bekannt - doch man darf annehmen, dass die Leistungsdaten der Serienversion wohl besser ausfallen werden als jene des Prototypen.

Denn die aktuellen Top-Elektromotorräder der Konkurrenz fahren deutlich schneller und weiter als der LiveWire-Prototyp So schaffen die Spitzenmodelle des auf Elektro-Zweiräder spezialisierten Hersteller Zero Motorcycles bis zu 160 Kilometer mit einer Akkuladung, ähnliche Werte gelten auch für das Victory Empulse. Das Elektro-Bike Johammer J1 kommt gar - je nach Fahrweise - mit vollem Akku bis zu 200 Kilometer weit.

Was ein Elektro-Motorrad für Harley-Davidson so schwierig macht

Noch ist der Markt für Elektro-Motorräder klein, doch er wächst: Laut einer Analyse des Beratungsunternehmens TechNavio vom Juni 2016 soll der Markt für leistungsstarke E-Zweiräder bis 2020 weltweit um 45 Prozent pro Jahr wachsen.

Harley will jährlich zwischen 25 und 50 Millionen Dollar in die Entwicklung seines Elektro-Motorrads stecken. Das Ziel ist ebenso typisch wie unbescheiden: Die Amerikaner wollen so den Weltmarkt für Elektro-Motorräder anführen.

Ob das mit der Oldie-Marke Harley-Davidson klappen kann, bezweifeln jedoch manche. Denn Harley-Davidson steht wie kaum ein anderer Hersteller für laute, knatternde Motoren. Zudem fahren die dickbackigen, schweren Harley-Chopper und Touring-Motorräder auch optisch nicht gerade elegant, puristisch oder mit irgendeiner Art von Öko-Anstrich vor.

Ein E-Bike zu bauen sei kein Zukunftsweg für Harley, meint etwa Bloomberg-Analyst Kevin Tynan . Das Geld für die Investitionen in die Elektrobike-Technik würden aus einem sterbenden Geschäft stammen, und Harley fange dabei von Null an. Harvey könnte dabei nur seine Seele verkaufen und ein komisches Geschäftsmodell mit Mobilitätsdiensten zu folgen, das nicht gerade vielversprechend wäre, warnt der Autoanalyst.

"Wenn Harley das schafft, dürfte es das Unternehmen retten"

Alan Stulberg, der Gründer der Motorradmarke Revival, gibt sich gegenüber Bloomberg hingegen vorsichtig optimistisch zu Harleys E-Bike-Plänen. Eine Elektro-Harley werde wohl auf positive Resonanz der Öffentlichkeit stoßen - und Harley neue Käuferschichten zuführen, die der Konzern dringend brauchen könne.

Der Reiz eines Elektro-Motorrades, meint Stulberg, liege vor allem in dem "Fluggefühl" durch die starke Beschleunigung - das könne den Nachteil der Stille mehr als ausgleichen.

Es werde den Respekt für die Marke Harley nochmal deutlich erhöhen, wenn sie beides anbieten können: Sehr traditionelle Antriebe und High-Tech mit Elektromotoren. "Wenn Harley das schafft, dürfte es das Unternehmen retten", meint Stulberg. Doch bis dahin liegt noch ein eher kurviger Weg vor der angestaubten Motorrad-Kultmarke.

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