Freitag, 6. Dezember 2019

Vor der VW-Hauptversammlung VW-Chefkontrolleur Pötsch bleibt Reizfigur

Gilt mittlerweile im Aufsichtsrat und im Konzernvorstand als unumstritten: Doch das sehen Aktionäre anders - und jetzt wohl auch die Finanzaufsicht Bafin
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Gilt mittlerweile im Aufsichtsrat und im Konzernvorstand als unumstritten: Doch das sehen Aktionäre anders - und jetzt wohl auch die Finanzaufsicht Bafin

Aufsichtsratschef Pötsch besitzt seit Jahren eine immense Hausmacht bei VW. Bei der Hauptversammlung kann der 65-Jährige darauf aber nicht bauen. Ihm gegenüber steht eine Messehalle voller Kritiker - und dann hat ist da noch die Anzeige der Finanzaufsicht

Hans Dieter Pötsch ist nach eigenen Worten begeisterter Radfahrer. Braucht er Abstand von der Abgas-Krise, steigt er auf den Drahtesel. Schon bald könnte Pötsch wieder nach einer ausgiebigen Radtour zumute sein. Denn am Mittwoch wird ihm auf der anstehenden Hauptversammlung ungefilterte Kritik von verärgerten Aktionären entgegenschlagen.

Für Pötsch eine neue Erfahrung: Zum einen ist es seine erste Hauptversammlung als Aufsichtsratschef bei VW, zum anderen war in seiner Zeit im Konzern lange vom Unmut der Aktionäre verschont geblieben.

Als Finanzchef lieferte er jahrelang Rekordergebnisse ab und machte sich im Konzern viele Freunde. Seit 2003 gehört Hans Dieter Pötsch zur großen VW-Familie, zwölf Jahre als Finanzvorstand und seit Herbst als Chef an der Spitze des Kontrollgremiums. Seit diesem Wechsel steht er im Kreuzfeuer der Kritik.

Gerade in seiner früheren Funktion als Finanzvorstand gilt Pötsch als umstritten. Er könnte ebenfalls verantwortlich sein für mögliche Marktmanipulationen. Das jedenfalls vermutet die Finanzaufsicht Bafin, die nach Reuters-Informationen den gesamten Volkswagen-Vorstand bei der Staatsanwaltschaft angezeigt hat.

Am Montag hatte die Staatsanwaltschaft Braunschweig mitgeteilt, wegen möglicher Marktmanipulation gegen Ex-Konzernchef Martin Winterkorn sowie gegen einen weiteren Beschuldigten zu ermitteln. Laut dpa handelt es sich dabei um VW-Markenchef Herbert Diess. Die Strafverfolger gehen dem Verdacht nach, dass Volkswagen im September möglicherweise bewusst verspätet über die finanziellen Folgen der millionenfachen Abgasmanipulation informierte, um den Aktienkurs zu manipulieren. VW weist die Vorwürfe seit langem zurück. Es geht um Milliarden.

Kritiker sehen Pötsch als echte Fehlbesetzung

Kritiker sehen in dem 65 Jahre alten früheren Finanzchef Pötsch eine echte Fehlbesetzung bei der Aufklärung der Hintergründe der Diesel-Affäre. Immerhin war er schon im Vorstand - und damit Teil des obersten Machtzirkels - als unbemerkt von der Weltöffentlichkeit ein kleines Computerprogramm die Stickoxidwerte auf den Prüfständen illegal nach unten korrigierte.

Trotzdem hat der Aufsichtsrat vergangenes Jahr nach langen Debatten Pötsch als Nachfolger für den einstigen Patriarchen Ferdinand Piëch an die Spitze des Aufsichtsrates gewählt. Nicht wenige Kontrolleure hatten dabei Bauchgrummeln. Auch Aktionären stieß es auf, dass er ohne Abkühlphase direkt vom Vorstand in den Kontrollrat wechselte. Am Ende fehlten dem Aufsichtsrat die Alternativen im Konzern, eine externe Nachbesetzung sahen sie als eine noch schlechtere Lösung an.

Pötsch ist sich seiner Lage bewusst. Von Anfang an präsentiert er sich als Aufklärer. "Alles kommt auf den Tisch, nichts wird unter den Teppich gekehrt", lässt er sich kurz nach Amtsantritt zitieren. An diesem Anspruch will er auch heute nicht rütteln. Dass er jedoch auch zig Monate nach dem Beginn der internen Aufarbeitung noch immer keine(n) Schuldigen präsentieren kann, stärkt seine Position aber gegen die Kritiker keineswegs.

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