Die größten Autobauer weltweit „Der Markt wird sich revolutionär verändern“

Den Titel als größter Autobauer machen Volkswagen und Toyota seit Jahren unter sich aus. Wird das so bleiben? Fabian Brandt von der Unternehmensberatung Oliver Wyman über die Regeln des künftigen Geschäfts.
Autobranche durchlebt eine Aneinanderreihung von Krisen

Autobranche durchlebt eine Aneinanderreihung von Krisen

Foto: Slavek Ruta / ZUMA Wire / IMAGO

"Wer sich die Autoindustrie anschaut, blickt auf eine Branche, die in den vergangenen Jahren eine Kette von Krisen durchlebt hat und noch durchlebt", sagt Fabian Brandt (46), Leiter des globalen Automobilgeschäfts bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman . Auf Schocknachricht folgte Schocknachricht.

2018 brachen nach etwa zwei Dekaden Boom erstmals die Geschäfte in China ein, 2019 ging es im größten Automarkt der Welt noch stärker runter. 2020 wirbelte die Coronapandemie alle Planungen durcheinander; der globale Absatz sank um 12 Millionen auf 64 Millionen Fahrzeuge. 2021 störte dann die Halbleiterkrise die Lieferketten und die Produktion massiv. Zwar stieg dank des Comebacks von China der Umsatz der Branche wieder – aber das Absatzvolumen schrumpfte erneut.

Und 2022? Die Folgen der Chipkrise sind keineswegs vorüber, Corona kann kurzfristig immer noch ganze Fabriken lahmlegen wie etwa Teslas Gigafabrik in Shanghai. Dazu steht die Branche unter dem Eindruck des Ukrainekrieges, der europaweit die Bänder der größten Autofabriken zum Stillstand  gebracht hat. Branchenexperten gehen davon aus, dass das Absatzvolumen in diesem Jahr um 1,4 Millionen Fahrzeuge zurückgehen wird, im kommenden Jahr sogar um 1,6 Millionen.

"Die Auswirkungen des Krieges treffen vor allem europäische Hersteller", sagt Berater Brandt. Zwar ist er relativ zuversichtlich, dass die akuten Schwierigkeiten zu lösen seien. "Die Frage ist immer, wie krisensicher die einzelnen Länder sind und wie viel Resilienz man sich leisten will." Bei einigen Herstellern dagegen erwartet man schon monatelange Anpassungsprobleme – mit Folgen für den Markt.

Wer sind die größten Autobauer weltweit?

Gemessen an den verkauften Stückzahlen war Toyota im Jahr 2021 der größte Autobauer der Welt, vor Volkswagen. Wie schon im Jahr zuvor konnten die Japaner den Wolfsburger Hersteller übertrumpfen, nachdem der seit 2015 die Topposition innehatte.

Vergleicht man allerdings die Umsätze der Konzerne, zeigt sich ein anderes Bild: Hier liegt Volkswagen vor Toyota. Insgesamt wuchs der Gesamtumsatz der Top-Konzerne im abgelaufenen Jahr um knapp 12 Prozent im Vergleich zu 2020, lag aber damit weiterhin unter dem Vorkrisenniveau von 2019, so die Unternehmensberatung EY  in einer aktuellen Studie.

Für Investoren dürfte vor allem diese zweite Rangfolge spannend sein. "Ich glaube, dass die Stückzahl der verkauften Autos in den nächsten Jahren immer weniger an Bedeutung eingeräumt werden wird", erwartet Autoexperte Brandt von Oliver Wyman. In den Krisenzeiten hätten die Autobauer gemerkt, dass sie trotz rückläufigen Absatzes mehr Geld verdienen könnten. "Das gelingt meist durch einen Schwenk auf höherwertige Modelle und Ausstattungsvarianten." So hatte etwa Volkswagen die knappen Chips innerhalb des Konzerns vorrangig an die hochprofitablen Töchter Porsche und Audi geliefert – zulasten etwa des Geschäfts in China , wo die Gewinne mit den Joint-Venture-Partnern geteilt werden müssen.

Früher hätten die Hersteller auch Autos gebaut, mit denen sie kaum Geld verdienten, die verkaufte Stückzahl galt als Synonym für Größe, so der Berater. "Aber der Markt wird sich meiner Meinung nach revolutionär verändern: vom Push-Modell zum Pull-Modell."

Statt mit aller Gewalt eine hohe Stückzahl von Autos in den Markt zu drücken, oft verbunden mit Rabattaktionen und erheblichen Nachlässen, stehe nun eher eine hohe Auslastung der Fabriken im Vordergrund, orientiert an der Nachfrage. Schon jetzt hätten die Hersteller die Bandbreite der Modelle deutlich reduziert. "Die Branche wird dadurch viel effizienter", so Brandt. Und sie kann höhere Preise durchsetzen. "Für Kunden könnte es teurer werden."

Auf die Gewinne hat sich das schon jetzt ausgezahlt. "Trotz geringerem Absatz haben im vergangenen Jahr weitgehend alle mehr verdient", fasst Brandt das Jahr 2021 zusammen. Die Margen lagen auf Rekordniveau. Laut der EY-Studie  stieg der operative Gewinn der 16 größten Autobauer weltweit auf insgesamt rund 134 Milliarden Euro.

Für alle Unternehmen bleibe die Größe für den Bestand aber weiter wichtig, sagt Brandt. Denn "ohne Größe können die Hersteller nicht die riesigen Investitionen stemmen, die die technologische Weiterentwicklung der Autoindustrie erfordert". Ein Zusammenschluss wie Stellantis sei nur folgerichtig. Auch die Aufspaltung von Daimler in Daimler LKW und Mercedes-Benz berge großes Potenzial, da sich beide nun freier entwickeln könnten.

Fünf Kriterien für den Erfolg

Brandts Ansicht nach müssten die Hersteller, die erfolgreich sein wollen, mehrere Kriterien erfüllen. Das Wichtigste, um im Markt zu bestehen, sei eine überzeugende Elektrostrategie. Der infolge des Krieges massive Anstieg der Spritpreise dürfte die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen noch weiter beschleunigen, so der Branchenexperte. Reichweite, Performance und Wertigkeit seien die Basis für einen längerfristigen Erfolg. "In zehn Jahren werden sich die Volumenfahrzeuge nicht mehr über Elektro differenzieren. Dann kommt es noch mehr als bisher auf das Interieur und Design an", prognostiziert Brandt. Tesla hätte dies schon gut umgesetzt, doch Ford und einige Europäer hätten aufgeholt. Den höchsten Bedarf an einer Elektrostrategie zu arbeiten, sieht Brandt derzeit bei Toyota.

"Der nächste große Schritt ist ein Software-Betriebssystem für Autos"

Fabian Brandt

Zweites wichtiges Thema ist die Software . "Der nächste große Schritt ist ein Betriebssystem für Autos", sagt Brandt. Bislang liefen die verschiedenen Programme unterschiedlicher Entwickler als Sammelsurium nebeneinanderher. Einzig Tesla verfüge aktuell über ein wirkliches Betriebssystem, bei dem zentrale Funktionen über ein und dasselbe Programm liefen. Die Autohersteller konkurrieren bei der Entwicklung dabei mit Techriesen wie Google, Amazon oder Apple. "Ich könnte mir vorstellen, dass es später mehrere relevante Betriebssysteme für Fahrzeuge geben wird – ähnlich wie fürs Handy mit IOS und Android."

Drittes Kriterium für künftigen Erfolg: Präsenz in den Wachstumsmärkten. Insbesondere China als größter Einzelmarkt dürfte weiter großes Potenzial bieten, so Brandt. Nach der Schwäche in den vergangenen Jahren hätte das Wachstum wieder zugelegt. "Der Bedarf an individueller Mobilität ist ungebrochen." Je mehr es in Richtung autonomes Fahren geht, gilt es jedoch als schwieriger den lokalen Vorgaben nachzukommen. Experten gehen davon aus, dass es dann schwieriger wird, in China erfolgreich zu sein.

Dazu kommt, als viertes Kriterium, ein Klassiker: Die Konzerne müssen weiter ihre Kosten und die Produktion optimieren. "Die Produktkomplexität sei in der Summe höher als sie sein müsste", urteilt der Experte. Seiner Meinung nach sei es besser, die Hersteller arbeiteten mit Modulbaukästen und böten unterschiedliche Designoberflächen an.

Und fünftens: Die Hersteller sollten für ihre Marken Kundenerlebnisse schaffen. Das gelte insbesondere für Premiummarken, so Brandt. "Ich stelle mir das ähnlich wie bei Apple vor." Der US-Konzern böte ein durchgängiges Kundenerlebnis. Chancen sieht der Berater beispielsweise im Direktvertrieb. Autobauern böte sich die Möglichkeit, den Lebenszyklus der Wagen über die ganze Zeit zu steuern. Händler vor Ort wären dann als Vermittler tätig, der Kaufvertrag würde nicht mit ihnen, sondern mit dem Hersteller geschlossen. "Dass ich dann als Kunde von Verkäufer zu Verkäufer fahre, um mir die besten Angebote einzuholen, diese Zeiten könnten dann womöglich vorbei sein."

Bevor es aber soweit ist, dürfte für die Konzerne zunächst einmal Vorrang haben, die Auswirkungen der aktuellen Krisen und gestörten Lieferketten abzufedern. 2022 ist wieder ein Jahr der Herausforderungen, das ist klar.

akn
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