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Great Wall Motors: Chinesisches Dickschiff mit Ambitionen

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Great Wall Motors Chinesisches Dickschiff mit Ambitionen

Hierzulande nur Kennern bekannt, ist der SUV-Bauer Great Wall Motors in China Marktführer. Die deutschen Autobauer sind den Chinesen technisch zwar noch weit voraus. Great Wall Motors holt jedoch auf - mit gewöhnungsbedürftigen Mitteln.

Hamburg/Baoding - Wirklich rund läuft es bei Great Wall Motors derzeit nicht. Die jüngsten Nachrichten von dem chinesischen Autobauer sind jedenfalls sind nicht wirklich vielversprechend. Erst zog der größte SUV-Hersteller Chinas sein neues Vorzeigemodell H8 wegen technischer Probleme im April bereits zum zweiten Mal aus dem Verkauf zurück. Nun rollen Köpfe. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete, dass gleich drei Führungskräfte des Konzerns , zuständig für nationale und internationale Verkäufe sowie ein Einkaufsmanager, gehen müssen.

Zwar beeilte sich das Unternehmen, die Personalien als normale "Rotation im Management" abzutun. Doch bei GWM knirscht es heftig im Getriebe. Nicht nur, dass nach einem Asbest-Rückruf in Australien vor zwei Jahren nun auch der Start seines bislang teuersten Modells missglückte. Bislang ist auch nicht absehbar, wann die Probleme behoben sind.

Auch wirtschaftlich läuft es aktuell alles andere als rund. Die Aktie des Autobauers hat angesichts der Hiobsbotschaften der letzten Monate gegenüber Oktober rund 40 Prozent an Wert verloren. Und angesichts des Modellausfalls sind Mai die Verkäufe des ansonsten so erfolgsverwöhnten chinesischen SUV-Marktführers im Mai um 15,7 Prozent auf 52.000 Wagen eingebrochen.

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Zwar kündigte GWM erst kürzlich den Bau einer neuen Fabrik in Russland an und lässt als einziges chinesisches Unternehmen in Europa, nämlich in Bulgarien produzieren. Im abgelaufenen Jahr allerdings verkaufte GWM mit 74.942 Wagen im Ausland 22 Prozent weniger Wagen als noch vor Jahresfrist. Was allerdings noch immer für knapp eine Milliarden Euro Nettogewinn reichte.

GWM stehe vor "monumentalen Herausforderungen" in seinem Bestreben, in die erste Liga der Auto-Welt aufzurücken, kommentierte Max Warburton Analyst von Sanford C. Bernstein in Singapur die technischen Probleme der Chinesen.

Eine Tatsache, die Great Wall Motors sogar selbst einräumt. Die Probleme mit dem H8 spiegelten die "Defizite in Forschung und Entwicklung wider wie auch die beim technischen Management von Hight-End-Produkten" erklärte das Unternehmen freimütig.

Aufholen mit militärischem Drill

Daran, diese Lücke zu schießen, wird bei Great Wall Motors eifrig gearbeitet. Bis 2015 sollen bei GWM bis zu 10 Milliarden Yuan - umgerechnet rund 1,2 Milliarden Euro - in Forschung und Entwicklung fließen. Man werde den H8 erst dann auf den Markt bringen, wenn er "Premium Standard" erreicht habe, teilte das Unternehmen mit.

Wann es soweit sein wird, ist nach wie vor offen. Klar hingegen, dass bei Great Wall wohl unter Hochdruck wie nie gearbeitet wird. Denn mit dem Motto des Unternehmens "improving little by little every day" ist es in einer Situation wie der aktuellen nicht getan.

Und das will etwas heißen. Denn schon vor dem H8-Debakel hatte der Autobauer den Ruf, von seinen Angestellten das Äußerste zu fordern - mit einer ziemlich gewöhnungsbedürftigen Herangehensweise.

So berichten chinesische Medien davon, dass Neuankömmlinge bei GSW vor ihrem ersten Dienstantritt erst einmal eine mehrere Wochen dauerndes militärisches Drill-Programm absolvieren müssen. Geschuldet ist dies offenbar dem Militär-Faible von Firmenpatriarch Wei Jianjun. Dessen Vater, der seinen Sohn nach dessen Aussagen entscheidend prägte, war nämlich Artilleriesoldat, bevor er sich im Boiler-Geschäft selbstständig machte.

Korrupten Mitarbeitern droht der "Stein der Scham"

Und auch jenseits von Liegestützen und Klimmzügen herrscht bei GSW offenbar ein militärisches Regiment: Basis dafür soll laut chinesischer Medien wie "China Daily"  ein mehrseitige Broschüre sein, die das Verhalten der Angestellten genau regelt - und deren Inhalte in unregelmäßigen Abständen in Tests abgefragt werden.

Darin enthalten: genaue Benimm-Regeln, bis zu Details, wer aus welcher Abteilung zu Familienfesten eingeladen werden darf. Mit klar definierten Strafen: Telefonieren mit dem Handy am Arbeitsplatz kostet demnach 1000 Yuan - knapp 120 Euro.

Wer Bestechungsgelder annimmt und erwischt wird, dessen Name landet am "Stein der Scham", berichten Mitarbeiter. Der Chronik sämtlicher Unternehmensfehlgriffe.

Bewegungsmelder und Geheimpolizei

Überwacht wird das Ganze laut unbestätigten Berichten von einer Art firmeninterner Geheimpolizei, die Beweise möglicher Vergehen sammelt. Und von Bewegungsmeldern - die allerdings nicht bei Bewegungen sondern vielmehr ausbleibenden Bewegungen anschlagen sollen. Sogar die Schrittgeschwindigkeit im Betrieb soll exakt vorgegeben sein.

Wer versagt, wird gefeuert. So geht zumindest das Gerücht. Selbst zu kündigen, soll allerdings schon weit weniger einfach sein. Angeblich sollen mehr als 23 Unterschriften dafür nötig sein.

Wie viel von den teils völlig abstrusen Details  tatsächlich wahr sind, ist offen. Allerdings scheint auch Firmenchef Wei Jianjun seinen eigenen Ansprüchen zu genügen. Seine firmenfremden Wagen soll der Milliardär, dessen Vermögen das US-Magazin Forbes auf 4,8 Milliarden Dollar schätzt (umgerechnet 3,5 Milliarden Euro) verschenkt haben. Er fährt angeblich nur noch Eigenmarken, raucht Billigzigaretten und spielt - weil es billig ist - Tischtennis.

Great Wall ein "zweites Hyundai"?

Auch wenn es aktuell nicht gut läuft. Analysten haben Jianjun und Great Wall Motors noch lange nicht aufgegeben - und das nicht nur, weil der Chinese ihre westlichen Wettbewerbern mit einer Umsatzrendite nach Steuern von 14,6 Prozent weit hinter sich lassen.

So bekräftigten die Analysten Goldman Sachs erst Anfang Juni  erneut ihren positive Bewertung für GWM - dem H8 Debakel zum Trotz. Schließlich verkauften sich die Vorgängermodelle immer noch extrem gut und die Probleme mit dem Premiummodell sollten innerhalb eines Jahres gut lösbar sein, argumentierte die Banker.

Und auch der Auto-Experte und Ex-Chrysler-Topmanager Bill Russo ist was die Zukunft Great Walls angeht, zuversichtlich und sieht in dem Autobauer ein mögliches "zweites Hyundai" "Wenn es ein oder zwei Autobauer gibt, die den Wettbewerb mit ausländischen Konkurrenten überleben können, wird Great Wall sicher einer davon sein", sagt Russo, der mit seinem Unternehmen Synergistics mittlerweile selbst Unternehmen bei ihrer Asien-Strategie berät.

In seiner Reaktion auf das H8-Debakel jedenfalls, der Ankündigung, den Wagen erst dann wieder auf den Markt zu bringen, wenn wirklich alle technischen Probleme gelöst sind, ist Jianjun der heimischen Konkurrenz zumindest einen Schritt voraus. Davon ist zumindest der Generalsekretär der chinesischen Herstellervereinigung CAAM, Dong Yang, überzeugt. Früher, sagt er, hätten die Autobauer die Modelle einfach trotzdem auf den Markt gebracht.

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