Teilautonomes Fahren GM wagt sich an selbstfahrende Autos heran

Es klingt nach geballter Ladung High-Tech: Ab 2017 sollen Autos von General Motors auf Autobahnen zeitweise selbstständig fahren. Eine Technik-Revolution entfacht GM damit kaum - denn vieles davon ist bereits heute in deutschen Oberklassewagen möglich.
Neues Cadillac-Modell CTS: Ab 2017 sollen die Autos der GM-Nobelmarke auch phasenweise selbstständig auf Autobahnen fahren können

Neues Cadillac-Modell CTS: Ab 2017 sollen die Autos der GM-Nobelmarke auch phasenweise selbstständig auf Autobahnen fahren können

Foto: Cadillac

Hamburg - Lange hat der größte US-Autohersteller General Motors (GM) beim Thema autonomes Fahren eher bedeckt gehalten. Dabei forschen die Amerikaner - wie sämtliche große Konkurrenten - schon seit Jahren an Fahrzeugen, die selbständig lenken und bremsen können. Doch nun wagen sich die Amerikaner scheinbar aus der Deckung.

Bereits ab 2017 will GM Autos bauen, die unterwegs zeitweise ohne Eingriff des Fahrers auskommen, erklärte GM-Chefin Mary Barra auf einer Konferenz zu intelligenten Fahrsystemen in Detroit. Ein System mit dem Namen "Super Cruiser" soll es ermöglichen, dass bestimmte Modelle der Marke Cadillac im Stau oder bei langen Autobahnfahrten selbst die Geschwindigkeit anpassen und die Spur halten können.

Die entsprechende Presseaussendung war eher zurückhaltend formuliert - und dafür hatte GM wohl gute Gründe. Denn was die Amerikaner für 2017 ankündigen, verspricht bei näherer Betrachtung zwar viel Komfort, ist aber alles andere als revolutionär.

Die neuen Cadillacs sollen "unter bestimmten Fahrbedingungen auf der Autobahn" automatisch der Spur folgen und dabei selbständig beschleunigen und bremsen können, erklärt GM. Das soll "hands-off" möglich sein, Fahrer müssen ihre Hände also nicht am Lenkrad lassen. All das, so verspricht der US-Autohersteller, soll den Komfort von aufmerksamen Fahrern erhöhen, sowohl im Stau als auch auf Langstreckenfahrten.

Was GM vorhat, schafft Mercedes S-Klasse teils schon heute

"Wir machen das nicht einfach um der Technologie willen. Wir machen das, weil Kunden auf der ganzen Welt es so wollen", erklärte Barra. Es gehe darum, den Autoverkehr sicherer zu machen. Die Nachfrage nach entsprechender Technik sei nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und China vorhanden.

Das mag alles stimmen - einen großen Technologieschritt voran versprechen Barras Ankündigungen jedoch nicht. Denn die von GM versprochenen Funktionen gibt es in sehr ähnlicher Form bereits heute zu kaufen - in deutschen Oberklasse-Limousinen.

Mercedes vor einem Jahr erneuerte S-Klasse etwa lässt sich neben einem Abstandsregeltempomaten auch um ein System für das "teilautonome Staufolgefahren" aufrüsten. Das klingt deutlich technischer als bei GM, kommt den von GM angekündigten Funktionen aber ziemlich nahe. Bis 60 km/h fährt die S-Klasse auf Wunsch automatisch dem vorausfahrenden Fahrzeug hinterher. Dabei lenkt, bremst und beschleunigt die S-Klasse selbständig und hält auch noch den voreingestellten Abstand zum Vordermann ein. Einzige Bedingung: Der Fahrer muss aus Sicherheitsgründen weiterhin die Hände am Lenkrad lassen. Tut er dies nicht, ertönen Warnsignale, bevor sich das System abschaltet.

Die Konkurrenz von Audi und BMW beherrscht das Abstandhalten im Stau, das selbständige Lenken bieten die beiden Konkurrenten in dieser Form jedoch noch nicht an.

Vollautomatische Autobahnfahrten sind technisch noch nicht möglich

GM kündigte zwar an, dass seine Systeme anders als bei der Konkurrenz auch bei Autobahn-Geschwindigkeiten in vollem Umfang funktionieren sollen. Doch in den kommenden zwei Jahren dürften wohl auch bei deutschen Autoherstellern die Geschwindigkeitseinschränkungen für die elektronischen Fahrhelfer nach oben schrauben.

Denn die Branche ist schon heute ziemlich weit. Assistenzsysteme, die bei Autobahngeschwindigkeiten automatisch den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und die richtige Spur halten, bieten heute schon fast alle großen Hersteller an. Und das nicht nur in Oberklasseautos, sondern bereits in der Mittel- und Kompaktklasse.

Noch haben diese Abstandsregeltempomaten und Spurhalteassistenten allerdings einige Einschränkungen: Sie sind erst ab einer bestimmten Mindestgeschwindigkeit einsetzbar. Die Spurhaltehilfen funktionieren nur bei gut erkennbaren Straßenmarkierungen einwandfrei, Regen oder Schnee setzen sie schnell außer Gefecht. Selbst lenken können die meisten dieser Systeme nicht - sie bremsen gezielt Räder ab, um ein Auto in der Spur zu halten. Bei engeren Autobahnkurven kommen solche Systeme rasch an ihre Grenzen.

Fotostrecke

Autos, die selbst fahren: Wie weit die Hersteller beim autonomen Fahren sind

Foto: Daimler

Tatsächlich neu bei GM wäre jedoch eine Funktion: Die Möglichkeit, die Hände für längere Zeit vom Steuer zu nehmen. Dass die tatsächlich geplant ist, geht aus GMs Pressemitteilung jedoch nicht eindeutig hervor. Technisch wäre das keine allzu große Hürde, wie Mercedes-Ingenieure bereits mehrfach angedeutet haben, rechtlich jedoch schon. Denn noch ist es gesetzlich verboten, während voller Fahrt das Lenkrad loszulassen. Und das nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Warum Barra nun GM in Richtung Sicherheitstechnologie drängt

Zwar gibt es nicht nur in den USA Bestrebungen, diese Gesetze für autonom fahrende Fahrzeuge entsprechend abzuändern. Noch dürfen selbstfahrende Autos jedoch nur mit Sondergenehmigungen auf die Straßen. John Gapp, GMs Chef für globale Fahrzeugsicherheit, dämpfte die Euphorie wohl auch deshalb ein wenig. "Die Sensorentechnologie ist noch nicht so weit, dass sich ein Fahrer komplett zurückziehen kann", sagte er. Dieser Automatisierungsgrad könne jedoch erreicht werden, schob er noch nach.

Mehr Sicherheit im Straßenverkehr soll eine weitere Neuerung bringen, die Barra gestern ankündigte. Ebenfalls ab 2017 will GM eine Technik für die Kommunikation zwischen Autos einführen. So sollen die Wagen Informationen über ihre genaue Position, ihre Geschwindigkeit und ihre Fahrtrichtung austauschen können, um Staus und Unfälle zu verhindern.

Aber auch dabei gilt: GMs Konkurrenten arbeiten längst an ähnlichen Kommunikationssystemen und treiben auch die dafür notwendigen Rahmenbedingungen voran. In Europa haben sich zwei Gremien bereits auf die dafür vorgesehenen Funkfrequenzen und Datenformate geeinigt, erste vernetzte Fahrzeuge werden bereits für 2015 erwartet.

Dass GM-Chefin Barra ihren Konzern nun als Trendsetter bei Sicherheitstechnologien ins Licht rücken will, hat auch strategische Gründe. Denn in den vergangenen Monaten hatte GM in erster Linie mit Rückrufaktionen Schlagzeilen gemacht. Insgesamt hat der Konzern mehr als 15 Millionen Autos wegen verschiedener Defekte in die Werkstätten gerufen. Im August legten die Verkäufe von GM in den USA um 2,8 Prozent zu, während der US-Automarkt insgesamt um 5,1 Prozent wuchs.

Barra zeigte sich bei ihrem Auftritt in Detroit dennoch überzeugt, dass die Kunden ihrem Unternehmen noch vertrauen. Die Annahme, Autokäufer seien in Bezug auf die Sicherheit von GM-Fahrzeugen skeptischer geworden, wies Barra zurück.

mit Material von afp/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.