Mehr Produktionspausen wegen Halbleiterkrise Chipmangel kostet Autobauer Milliarden Euro

Seit Monaten kämpft die Autobranche mit Lieferschwierigkeiten bei Computerchips, die Fabrikpausen mehren sich. Wie teuer das wird, zeigt eine Studie. Viele haben einen folgenschweren Strategiefehler begangen.
Leiterplatte in einer Fabrik: Wegen des weltweiten Chipmangels könnten in diesem Jahr 3,9 Millionen Fahrzeuge weniger produziert werden als vorgesehen, heißt es in einer Studie

Leiterplatte in einer Fabrik: Wegen des weltweiten Chipmangels könnten in diesem Jahr 3,9 Millionen Fahrzeuge weniger produziert werden als vorgesehen, heißt es in einer Studie

Foto: John Minchillo / AP

"Hart und stark" sei die Autobranche vom weltweiten Halbleitermangel betroffen, sagte Stellantis-CEO Carlos Tavares vergangenen Mittwoch. "Je länger die Krise andauert, desto härter wird es sein, das gegenwärtige Geschäftsmodell der Branche beizubehalten", meinte der CEO der nun fusionierten Autobauer Fiat-Chrysler und PSA.

Längst treffen die Autohersteller die Lieferschwierigkeiten dort, wo es ihnen am meisten wehtut: Direkt in den Werken. Das dürfte für die Branche teuer werden: Aufgrund des Chipmangels würden 2021 weltweit rund 3,9 Millionen Fahrzeuge weniger produziert, schätzt die Beratungsfirma Alix Partners. Das entspreche einem Wert nicht produzierter Fahrzeuge von rund 110 Milliarden US-Dollar (91 Milliarden Euro) - fast doppelt so viel wie von der Unternehmensberatung noch Ende Januar geschätzt.

Die Autobauer reagieren auf die Engpässe, indem sie ihre Werke zeitweise stilllegen – oder es mit ungewöhnlichen Lösungen versuchen. Die Marke Peugeot etwa, die wie Opel zu PSA und nun zu Stellantis gehört, baut ab Ende Mai vorübergehend im Kompaktwagen 308 kein digitale Anzeigentafeln mehr ein – sondern analoge Zeiger-Tachometer. Im ersten Quartal konnten bei Stellantis 190.000 Fahrzeuge wegen fehlender Teile nicht gebaut werden, hieß es kürzlich.

VW im "Krisenmodus", Daimler schützt margenstärkste Modelle

Daimler setzte Mitte Mai die E-Klasse-Produktion in Sindelfingen für einige Tage aus, davor standen die Bänder in Rastatt und in Ungarn kurzfristig still. Die Schwaben verteilen die knappen Bauteile offenbar auf ihre margenträchtigsten Modelle: "Wir schaffen es, die Produktionslinien zu unterstützen, die derzeit enorm wichtig sind", erklärte Mercedes-Produktionschef Jörg Burzer vor kurzem. So läuft etwa die Produktion der S-Klasse und des EQS ohne Einschränkungen weiter, auch im US-Werk in Tuscaloosa werden SUVs ohne Stillstände weitergebaut.

Der Volkswagen-Konzern hat wegen des Chipmangels in den vergangenen Wochen mehrfach die Produktionsbänder anhalten und Kurzarbeit anmelden müssen. Man sei wegen des Halbleitermangels im "Krisenmodus", erklärte Volkswagen-CEO Herbert Diess vor kurzem. Sein Konzern rechnet deshalb mit rund 100.000 Fahrzeugen, die im ersten Quartal wegen fehlender Halbleiter nicht gebaut werden konnten. Die Auswirkungen könnten im zweiten Quartal noch deutlicher zutage treten, hieß es kürzlich aus Wolfsburg.

Selbiges gilt auch für die internationale Konkurrenz der deutschen Autobauer: Bei Ford, General Motors, den Stellantis-Markentöchtern, Hyundai oder Honda stehen immer wieder mal in einzelnen Werken Bänder still. Der US-Autoriese Ford kalkuliert dieses Jahr Belastungen von rund 2,5 Milliarden US-Dollar für die Knappheit bei den Chips ein.

Autobauer kämpfen mit strategischem Fehler zu Beginn der Corona-Pandemie

Der Bedarf nach Chips wächst schon seit Jahren kräftig, neue Fabriken lassen sich aber nicht so schnell bauen und in Betrieb nehmen. Die steigende Nachfrage nach Elektroautos, in denen nochmal mehr Halbleiter zum Einsatz kommen, treibt die Chip-Bestellmengen der Autohersteller nach oben. Aber auch in anderen Branchen geht der Halbleiter-Bedarf kräftig nach oben: In der Unterhaltungselektronik etwa, die in der Corona-Pandemie boomte. Aber auch bei der Steuerungselektronik, die Windräder, Solaranlagen oder Smart-Grid-Lösungen benötigen. Und zusätzlich haben Kryptominer größere Halbleitermengen zusammengekauft, um Digitalwährungen zu schürfen.

Die Autobranche hat zudem einen strategischen Fehler begangen: Zu Beginn der Corona-Pandemie stornierten viele Autobauer ihre Bestellungen bei den Chipproduzenten, weil sie einen kräftigen Nachfrageeinbruch fürchteten. Als Autohersteller im zweiten Halbjahr die Halbleiter-Bestellungen wieder erhöhen wollten, war es zu spät: Die großen Chip-Auftragsfertiger hatten vielfach andere Aufträge vorgezogen – etwa für Grafikkarten oder für Spielekonsolen, die aktuell reißenden Absatz finden.

Das zeigte auch, wie wenig Marktmacht die Autohersteller bei den Halbleiter-Fertigungsriesen wie TSMC  besitzen. Insgesamt entfällt gerade einmal ein Zehntel des weltweiten Chip-Marktes auf die globale Autobranche. TSMC machte im vergangenen Jahr 51 Prozent seiner Umsätze mit der Auftragsfertigung von Smartphone-Halbleitern. Nur 3 Prozent des TSMC-Umsatzes stammten aus der Automobilindustrie, wie eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zeigt.

Trotzdem rechnen die meisten Autobauer wie VW und Daimler in der zweiten Jahreshälfte mit Besserung an der Halbleiterfront. Vorüber ist die Krise deshalb noch längst nicht. Noch weit über das Jahr 2021 werde der Halbleitermangel die Autobranche beschäftigten, meinen etwa die Roland-Berger-Berater. Die Nachfrage der Autobranche nach Computerchips werde sich bis 2025 durch die Elektrifizierung und Weiterentwicklung des autonomen Fahrens massiv erhöhen.

Deshalb raten die Consultants Autobauern dazu, mittelfristig eigene Sourcing-Teams für Elektronikkomponenten aufzubauen und Bauteile stärker zu standardisieren. Zudem sollten die Autobauer bei Halbleitern ihr bisheriges Just-in-Time-Fertigungsmodell überdenken und größere Pufferlager für Teile aufbauen, heißt es in einer Roland-Berger-Studie von Mitte April. Ob Autohersteller bereit sind, ihr bisheriges Fertigungsmodell mit Bauteil-Anlieferung in Echtzeit umzukrempeln – das muss sich aber erst noch zeigen.

wed