Steigende Autopreise Gebrauchtwagen teils teurer als Neuwagen

Egal, ob neu oder gebraucht - die Preise für Autos bleiben hoch. Ein Grund ist die hohe Nachfrage bei einem verringertem Angebot. Experten sprechen von "verrückten" Zuständen.

Autokäufer bekommen die Folgen der vergangenen zwei Jahre schmerzhaft zu spüren. "Gebrauchtwagen sind derzeit so teuer wie noch nie – auch im Verhältnis zu ihren Neupreisen", sagt Martin Weiss vom Marktbeobachter DAT. "Die Verteuerung liegt oft bei 5 bis 15 Prozent. In Einzelfällen kann es auch deutlich mehr sein. Es ist schon verrückt, was man da sieht."

Die Deutsche Automobil Treuhand DAT beobachtet seit 90 Jahren die Gebrauchtwagenpreise in Deutschland. Nüchterne Zahlen und Daten sind ihr täglich Brot. Wenn man dort von "verrückt" spricht, muss die Lage außergewöhnlich sein.

Treiber der Entwicklung sind – wieder einmal – Coronakrise und Chipmangel. Doch auf dem Gebrauchtwagenmarkt schlagen sie in doppelter Weise zu: Zum einen greifen wegen langer Lieferzeiten vermehrt Neuwagenkunden am Ende doch zum Gebrauchten, zum anderen ist das Angebot deutlich dünner als sonst.

Weniger Angebot bei steigender Nachfrage

Nach ADAC-Informationen  zogen die Preise für Gebrauchtwagen über alle Klassen im abgelaufenen Jahr im Schnitt um 10 Prozent an – bei einem gleichzeitigen Rückgang des Angebots von 11 Prozent. Dabei fiel das Angebot für Kleinwagen um rund 20 Prozent geringer aus als 2020, in der Kompaktklasse kamen rund 15 Prozent weniger Gebrauchte auf den Markt, bei Vans und Kleinbussen waren es rund 22 Prozent weniger Fahrzeuge.

"Es sind einfach sehr viel weniger Autos in den Markt gekommen", sagt Thomas Peckruhn, Vizepräsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). "Schon das zweite Jahr hintereinander fehlen Neuzulassungen von Dienstwagen, Tageszulassungen, Mietwagen, die normalerweise relativ schnell als junge Gebrauchte in den Markt kommen", erklärt er den Mechanismus. Die Folge: "Momentan haben wir weniger Gebrauchtwagen als Kunden."

Junge Gebrauchte mitunter teurer als der gleiche Neuwagen

Auch Peckruhn sieht einen deutlichen Preisanstieg bei Gebrauchten, schätzt ihn mit 5 bis 10 Prozent etwas niedriger ein als DAT. "Momentan ist nicht die Zeit für Gebrauchtwagenschnäppchen", sagt er. Allerdings komme es stark auf die Ausstattung an. "Teilweise gibt es bei sehr gefragten Fahrzeugen zurzeit sogar Fälle, wo junge Gebrauchte mehr kosten als ein entsprechender Neuwagen, der aber nur mit langer Lieferzeit verfügbar wäre."

Dabei sind auch Neuwagen teurer geworden. "Wir kommen aus einer Zeit der Fahrzeugüberproduktion in eine Zeit des Fahrzeugmangels. Das lässt die Preise steigen – auch bei Neuwagen gibt es derzeit weniger Rabatt", sagt DAT-Experte Weiss. Und Peckruhn betont: "Auch Neuwagen sind durch die Halbleiterkrise teilweise noch immer knapp. In manchen Monaten hat der Handel nur halb sie viele Fahrzeuge bekommen wie normal."

Eine schnelle Entspannung ist daher nicht in Sicht. Schon allein, weil die fehlenden Neuwagen von heute in Zukunft auf dem Gebrauchtmarkt fehlen werden. "Die hohen Gebrauchtwagenpreise werden wir auch 2022 haben", sagt Peckruhn. Auch Weiss rechnet frühestens 2023 mit dem Beginn einer Normalisierung auf dem Markt.

Preise für gebrauchte Elektroautos unter Druck

Allerdings sind nicht alle Bereiche des Gebrauchtwagensektors gleichermaßen betroffen. "Bei Elektroautos sehen wir diese Steigerungen nicht – hier sind die Gebrauchtwagenpreise weiterhin unter Druck", sagt Weiss. "Das liegt einerseits an der hohen Förderung für Neuwagen, andererseits daran, dass die Technik sich weiterentwickelt hat und die Kunden eher das Gefühl haben, ein veraltetes Produkt zu kaufen." Auf dem Gebrauchtwagenmarkt sind E-Autos allerdings noch immer ein Nischenprodukt.

Auch Plug-in-Hybride haben sich nicht so stark verteuert. Ganz anders dagegen der Diesel – diese Fahrzeuge würden deutlich teurer verkauft als in den ersten Jahren nach dem Dieselskandal, sagt Weiss. "Auch weil von ihnen seitdem immer weniger Fahrzeuge in den Markt gekommen sind."

Die hohen Spritpreise spielen auf dem Gebrauchtwagenmarkt dagegen kaum eine Rolle, wie Weiss erklärt. "Aktuell sehen wir nicht, dass wegen der hohen Spritpreise besonders sparsame Gebrauchtwagen stärker nachgefragt wären."

rei/dpa-afx
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