PSA und Fiat Chrysler gehen zusammen Rosskur nach Megafusion - was auf "Stellantis" zukommt

Nach den Sternen greifen - das soll "Stellantis", der Zusammenschluss von PSA und Fiat Chrysler, schon dem Namen nach. Zuerst steht aber die Lösung irdischer Probleme rund um Überkapazitäten und Corona-Wirren an.
Umbau im laufenden Betrieb: Der neue Stellantis-Chef Carlos Tavares, bislang CEO der Opel-Mutter PSA, muss sich gleich zu Fusionsstart mit großen Überkapazitäten und China-Schwierigkeiten herumschlagen

Umbau im laufenden Betrieb: Der neue Stellantis-Chef Carlos Tavares, bislang CEO der Opel-Mutter PSA, muss sich gleich zu Fusionsstart mit großen Überkapazitäten und China-Schwierigkeiten herumschlagen

Foto: Washington Alves / REUTERS

Das war kaum anders zu erwarten: Die Autobauer Peugeot (PSA) und Fiat Chrysler (FCA) versprechen sich - und ihren Aktionären - eine glanzvolle Zukunft. "Stellantis" - der Name des fusionierten Konzerns - steht für den Wunsch, nach den Sternen zu greifen. Die Aktionäre haben die Megafusion ihrer Konzerne PSA und Fiat Chrysler (FCA) mit überwältigender Mehrheit gebilligt. In getrennten Hauptversammlungen gab es jeweils fast einhundert Prozent Zustimmung, wie die Unternehmen berichteten. Bevor das neue Unternehmen erstrahlen kann, muss es aber eine Rosskur durchstehen - und heil durch die Corona-Krise kommen.

Konzernchef Carlos Tavares (62) muss nach Meinung von Analysten die riesigen Überkapazitäten abbauen, die auf der französischen Opel-Mutter und ihrem italienisch-amerikanischen Partner lasten. Stellantis will zudem auf dem weltgrößten Automarkt China stärker werden, wo beide Autobauer unter Druck stehen. Darüber hinaus müssen die gewaltigen Investitionen gestemmt werden, die der Wechsel in die Digitalisierung und selbstfahrende Autos verschlingt.

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Fusion PSA und Fiat Chrysler: Die 14 Marken des neuen Autoriesen Stellantis

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Das sind nur die größten Bälle, die Tavares in der Luft halten muss. Dass der gebürtige Portugiese in der Lage ist, einen Konzern binnen kurzer Zeit zu sanieren, hat er zunächst bei Peugeot und später bei Opel und deren britischer Schwester Vauxhall bewiesen. Der Rüsselsheimer Autobauer, der unter General Motors zwei Jahrzehnte lang in den roten Zahlen steckte, schrieb nach einem radikalen Sanierungskurs im ersten vollen Jahr nach der Übernahme durch PSA Gewinne.

Dafür wurden Tausende Arbeitsplätze abgebaut , und die deutsche Traditionsmarke wird auf Peugeot-Technik umgestellt. Viele Opelaner sind über Tavares' Patentrezepte nicht gerade glücklich . Doch Tavares war damit durchaus erfolgreich - und dürfte seine bisherige Strategie wohl auch auf FCA anwenden.

Bei dem Zusammenschluss profitieren die Partner davon, dass die Kosten sinken, je mehr Fahrzeuge sich eine Architektur teilen. Das ist im Kern auch das Prinzip, auf dem der Erfolg von Volkswagen mit seinen zwölf Marken basiert. Tavares wird sogar 14 Marken leiten - von Peugeot, Citroen, Opel und DS über Fiat, Jeep, Dodge und Ram bis zum Luxussportwagenbauer Maserati. Der Termin für den Zusammenschluss mit dem italienisch-amerikanischen Hersteller FCA solle sehr bald mitgeteilt werden, sagte Tavares bei dem Aktionärstreffen seines Unternehmens. Konkreter wurde er nicht. Bisher war davon die Rede gewesen, den milliardenschweren Deal bis Ende März abzuschließen.

Zusammen landen PSA und FCA nach Daten zum Zeitpunkt der Ankündigung ihres Zusammenschlusses Ende 2019 mit einem weltweiten Absatz von 8,7 Millionen Fahrzeugen, 170 Milliarden Euro Umsatz und 410.000 Beschäftigten auf Rang vier unter den großen Autobauern. Nur Volkswagen, die französisch-japanische Allianz aus Renault, Nissan und Mitsubishi sowie Toyota sind größer.

Die Haupt-Aktionäre von PSA mit doppeltem Stimmrecht, darunter die Gründerfamilie Peugeot, der chinesische Partner Dongfeng und der französische Staat, gaben auf einer außerordentlichen Hauptversammlung am Montag grünes Licht für die mehr als 50 Milliarden Dollar schwere Fusion mit FCA. Danach stimmten die anderen PSA-Eigner auf einem ebenfalls online abgehaltenen Treffen zu. Auch die FCA-Anteilseigner stimmten am Nachmittag mit fast einhundert Prozent Zustimmung dem Zusammenschluss der Autokonzerne zu. 

"Stellantis wird einer der weltweit führenden Fahrzeughersteller sein", sagte FCA-Verwaltungsratsvorsitzender John Elkann (44). Noch wichtiger sei, dass ein Unternehmen mit der Größe, den Ressourcen, der Vielfalt und dem Know-how entstehe, "um erfolgreich die Möglichkeiten einer neuen Ära zu ergreifen". Der 44-Jährige soll im neuen Verbund Verwaltungsratschef bleiben - er ist Enkel des legendären Fiat-Patriarchen Giovanni "Gianni" Agnelli (1921-2003).

Tavares bestätigte frühere Aussagen, wonach es jährlich Synergien im Umfang von fünf Milliarden Euro geben soll. Vor dem Ausbruch der Corona-Krise mit dramatischen Auswirkungen auf die Autobranche hatte er versichert, es sollten keine Werke geschlossen werden. Der bisherige Fiat Chrysler-CEO Mike Manley (56) wird künftig Stellantis' Nordamerika-Geschäft leiten - und erläuterte seinen Aktionären nun die Synergien etwas genauer: 40 Prozent der Synergieeffekte sollen von dem Zusammenlegen von Plattformen, Motoren und Getrieben kommen. Weitere 35 Prozent der Einsparungen entfallen auf einen gemeinsamen Einkauf besonders von Elektroantriebs- und High-Tech-Komponenten. Rund 7 Prozent sollen durch Vereinfachungen bei Marketing und Verwaltung stammen. Der Rest von der Optimierung weiterer Bereiche wie etwa Logistik, Lieferketten, Qualitätssicherung und dem Teileverkauf.

Wie alle globalen Autohersteller wird Stellantis in den kommenden Jahren viele Milliarden ausgeben, um das Fahrzeugangebot für das Elektroauto-Zeitalter, digitale Dienste und selbstfahrende Fahrzeuge umzustellen. Das Geld für die Investitionen und die anstehende Restrukturierung kann Tavares durch Einsparungen und den Mittelzufluss aus den margenstarken Geländewagen der Marke Jeep und den Pick-ups von Ram in den USA aufbringen, meinen Analysten.

Große Fabriks-Überkapazitäten gleich zu Beginn

Nach Schätzungen der Beratungsfirma von LMC könnte Stellantis weltweit Fabriken mit einer Gesamtkapazität schließen, die in der Größenordnung der Jahresproduktion von Ford (zuletzt gut fünf Millionen Einheiten) liegt. Trotzdem könnte der Konzern die Produktion mit den verbleibenden Werken steigern. Mit einer Gesamtkapazität aller Werke von aktuell mehr als 13 Millionen Fahrzeugen könnten PSA und FCA zusammengerechnet rund sieben Millionen Fahrzeuge mehr herstellen als zuletzt produziert wurden. Die Fabriken beider Konzerne waren im vergangenen Jahr wegen der Corona-Krise nicht einmal zur Hälfte ausgelastet. Selbst in einem Boomjahr wie 2016 hatte die kombinierte Gruppe laut Daten von LMC rechnerisch eine Überkapazität von fast vier Millionen Fahrzeugen.

PSA und FCA haben erklärt, dass der gemeinsame Konzern seine kombinierten jährlichen Kosten um fünf Milliarden Euro senken könne und dabei ohne Werksschließungen auskomme. Analysten rechnen jedoch damit, dass einige Fabriken dichtgemacht werden. So gilt das Opel-Werk im britischen Ellesmere Port schon länger als gefährdet. Das gilt auch für den Standort von Fiat in Kragujevac in Serbien. Dagegen dürften Fabriken in Italien und Frankreich verschont bleiben, glauben Experten. "PSA und FCA werden beteuern, dass Stellantis global ist und nicht französisch oder italienisch, aber ihre Regierungen werden sie daran erinnern, dass sie eine Nationalität haben", sagte Philippe Houchois von der Investmentbank Jefferies.

Ob sich Tavares auch von Marken trennen wird, bleibt abzuwarten. An Jeep und Ram dürfte Stellantis nach Meinung von Analysten festhalten, ebenso an den Volumenmarken Peugeot und Fiat. Andere, wie etwa Lancia oder Chrysler, sind eher regional von Bedeutung. Tavares habe aber immer bewiesen, dass er in der Lage sei, alle Marken in seinem Portfolio zu bewerten, sagt Marco Santino von der Beratungsfirma Oliver Wyman. "Im Gegensatz zu anderen Managern in der Vergangenheit." 

wed/Reuters
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