US-Konzern mehr als 100 Milliarden wert Warum Ford die Fantasien der Investoren anregt

Konzernchef Jim Farley propagiert eine aggressive Elektrostrategie. Er verkauft zwar weniger als andere Traditionskonzerne, hat aber gute Modelle. Und seine Story verfängt.
200.000 Vorbestellungen: Der elektrische F-150 Lightning (links) entwickelt sich für Ford-Chef Jim Farley (rechts) zum Erfolgsmodell

200.000 Vorbestellungen: Der elektrische F-150 Lightning (links) entwickelt sich für Ford-Chef Jim Farley (rechts) zum Erfolgsmodell

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REBECCA COOK / REUTERS

Der Marktwert des fast schon abgeschriebenen US-Autobauers Ford hat am Donnerstag erstmals wieder die Schwelle von 100 Milliarden US-Dollar überschritten. So wertvoll war der Konzern nur in einer kurzen Phase ab Ende der 90er Jahre. Vor allem im vergangenen Jahrzehnt war es dann stetig abwärts gegangen, Ford schien ähnlich wie Dauerrivale General Motors den Umschwung ins Elektrozeitalter verpasst zu haben. Doch seit im Oktober 2020 Jim Farley (59) den CEO-Posten übernommen hat, geht es aufwärts.

Der frühere Produktionschef – erklärter Bewunderer von Tesla-Chef Elon Musk (50) – verfolgt wie inzwischen fast alle Autobosse eine aggressive Elektrifizierungsstrategie. Verglichen mit anderen Traditionskonzernen verkauft Ford noch nicht einmal besonders viele Elektroautos – und doch scheint besonders Farley die Fantasien der Investoren zu beflügeln. Seit seinem Amtsantritt stieg der Aktienkurs um rund 270 Prozent.

"Die Anziehungskraft von Fords Elektroauto-Story an der Börse überrascht uns weiterhin", schrieb der Morgan-Stanley-Analyst Adam Jonas am Donnerstag. Auch Volkswagen-Chef Herbert Diess (63), GM-Chefin Mary Barra (60) oder Daimler-Boss Ola Källenius (52) versuchen, die Investoren von ihrer Transformationsstrategie zu überzeugen, teilweise mit ebenfalls beachtlichen Kurssteigerungen. Doch so gut wie Farley gelingt es ihnen nicht. Woran liegt das?

Ford hat viele schwere Jahre hinter sich. Schon der von Boeing gekommene CEO Alan Mulally (76) sollte den Konzern ab 2006 wiederbeleben. Zwar konnte er in der Finanzkrise 2008 anders als die großen US-Rivalen GM und Chrysler einer Insolvenz entgehen, die Transformation leitete er aber nicht ein. Genauso wenig wie seine Nachfolger Mark Fields (60) oder Jim Hackett (66), der ab 2017 vergeblich für ein überzeugendes Comeback sorgen sollte. Farley schuf ein neues Momentum – auch über sein Dauerfeuer auf Twitter.

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Ford solle einmal der größte Elektroautobauer der Welt werden, verkündete er selbstbewusst im November. Bis 2023 soll der Konzern 600.000 reine Elektroautos pro Jahr bauen, eine Verdopplung der bisherigen Ziele. Genaue Zahlen für 2021 legt Ford erst Anfang Februar vor – aber der Weg an die Weltspitze dürfte noch weit sein. Zum Vergleich: Tesla produzierte bereits 2021 mehr als 936.000 Autos, und Volkswagen konnte den konzernweiten Absatz reiner Elektroautos auf 453.000 verdoppeln.

Farleys bestes Argument sind die Modelle, die schon seine Vorgänger entwickeln ließen. Mit dem Elektro-Mustang Mach E und dem elektrischen Pick-up F-150 Lightning hat er zwei attraktive Wagen, die sowohl den Geschmack der Kundschaft als auch die Fantasie der Anleger treffen. "Während gerade viele Hersteller eine ganze Reihe von Elektroautos entwickeln und verkaufen, hat Ford mit dem Mustang Mach-E ein Produkt auf den Markt gebracht, das als echter Rivale für Teslas Model Y gilt", so Analyst Jonas. Insgesamt gut 27.000 Mal verkaufte sich der Wagen 2021 in den USA – was Ford (weit abgeschlagen hinter Tesla) zum zweitgrößten E-Autobauer im Land machte.

Zum Verkaufsschlager dürfte sich 2022 vor allem der F-150 Lightning entwickeln, der erst ab diesem Frühjahr ausgeliefert wird. Seit nunmehr 40 Jahren in Folge ist die Verbrenner-Variante des Pick-ups das meistverkaufte Auto der USA. Das bei Handwerkern beliebte Modell wird nun als E-Auto mit einer Reichweite von rund 370 Kilometern auf den Markt kommen – in der billigsten Version für weniger als 40.000 Dollar.

Laut Farley gibt es 200.000 Vorbestellungen. Erst Anfang dieser Woche erklärte er, die Produktionskapazität nochmals von 80.000 auf nun 150.000 Modelle pro Jahr zu erhöhen. An der Börse löste das den jüngsten Kurssprung aus.

Für den F-150 hat Ford keine neue Elektroplattform entworfen, sondern die bestehende umgerüstet. Das mag technisch zwar Nachteile haben – aber es ermöglichte eine hohe Geschwindigkeit. Während Rivale GM mit seinen angekündigten Elektro-Pick-ups noch Zeit braucht und selbst Tesla offenbar den Start des Cybertruck auf inzwischen 2023 verschoben hat, ist Ford bereits da.

Ein weiterer Faktor, der den Ford-Kurs zuletzt getrieben haben dürfte, ist die Beteiligung am US-Newcomer Rivian. In einem geheimen Bieterwettstreit hatte Ford einst den Rivalen GM als Partner ausgestochen – und hält heute 12 Prozent der Rivian-Anteile. Durch den sagenhaften Börsenkurs der reinen E-Auto-Firma, die 2021 gerade 920 Autos ausgeliefert hat, ist allein dieses Aktienpaket mehr als 8,5 Milliarden Dollar wert.

Gestützt wird der Kurs durch die aktuellen Geschäftszahlen. In den ersten drei Quartalen 2021 setzte Ford 98,5 Milliarden Dollar um. Die Ebit-Marge lag bei 9 Prozent. Für das vierte Quartal liegen noch keine Zahlen vor. Aber in den USA sei man der bestverkaufende Autokonzern gewesen, erklärte Ford. Während die Branche um 3 Prozent geschrumpft sei, habe man um knapp 27 Prozent zulegen können. Das vierte Quartal könne über den allgemeinen Erwartungen gelegen habe, sagt auch Analyst Emmanuel Rosner von der Deutschen Bank.

Um Kurs zu halten, hat Farley die größten Investitionen der Unternehmensgeschichte angekündigt. Bis 2030 sollen insgesamt 30 Milliarden Dollar ein die Elektrostrategie fließen, inklusive der Batterieentwicklung. In den US-Staaten Tennessee und Kentucky sollen neue Werke entstehen.

Das ist viel Geld – doch im Branchenvergleich überschaubar. So rechnet Volkswagen mit solchen Summen allein für die geplanten Gigafabriken; insgesamt gaben die VW-Aufseher im Dezember bis 2026 rund 90 Milliarden Euro für Investitionen in die Elektrifizierung und Digitalisierung frei. Und Daimler will laut Beschluss vom Dezember bis 2026 rund 60 Milliarden Euro in die Zukunft investieren. Ein Vielfaches.

Sie seien ja selbst von ihren Erfolgen überrascht, hat Ford-Chef Jim Farley neulich im Interview mit einem amerikanischen Fachmagazin erklärt. Aber offenbar verfängt seine Geschichte.

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