Fusionspläne von FCA und Renault im Check Autohochzeit Renault-Fiat - was sie brächte, was fehlen würde

Logo von Fiat und Renault auf zwei Kühlergrills

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Diese Fusion könnte die Karten in der globalen Autobranche neu mischen: Der italienisch-amerikanische Autohersteller Fiat Chrysler Automobiles (FCA) will sich mit dem französischen Fahrzeugbauer Renault zusammenschließen. Auf knapp 33 Milliarden Euro käme die gemeinsame Marktkapitalisierung beider Autohersteller. Mit weltweit verkauften 8,7 Millionen Fahrzeugen (Jahreszahlen von 2018) wäre Renault-FCA der drittgrößte Autoehrsteller nach Volkswagen (10,8 Millionen Fahrzeuge) und Toyota (10,6 Millionen Fahrzeuge).

Doch diese Zahlen sind vergleichsweise bescheiden gerechnet. Denn Renault  ist seit langem in einer Allianz mit dem japanischen Autohersteller Nissan  verbunden. Seit drei Jahren gehört auch der Hersteller Mitsubishi  dazu. In vielen Rankings wird diese Dreierallianz alleine bereits als zweitgrößter Autohersteller der Welt geführt. Stößt nun über die Fusion mit Renault auch FCA  zu der Partnerschaft, entsteht ein Autogigant, der laut den Absatzzahlen für das Gesamtjahr 2018 rechnerisch auf 15,6 Millionen verkaufte Fahrzeuge kommt.

Ein "transformativer Merger" wäre das, erklärt FCA nicht ganz ohne Grund in seiner Pressemitteilung. Das Zusammengehen könnte überdies der zuletzt brachliegenden Dreierallianz von Renault, Nissan und Mitsubishi neues Leben einhauchen. Renault und FCA kämen gemeinsam auf rund 170 Milliarden Euro Umsatz und operative Gewinne von mehr als 10 Milliarden Euro.

Die Eigentumsverhältnisse zwischen FCA und Renault werden ausgeglichen sein - beide Seiten sollen je 50 Prozent halten. Die französische Regierung, die 15 Prozent an Renault hält, hat den Fusionsvorschlag von FCA begrüßt. Renaults Verwaltungsrat studiert die Vertragsbedingungen des Fusionsvorschlags "mit Interesse", wie das Gremium erklärte. Eine Entscheidung werde aber erst "in Tagen oder Wochen" erwartet.

An der Börse sind die Aktienkurse von Renault  und Fiat Chrysler Automobiles  heute nach oben geschnellt. Die Euphorie der Anleger ist groß. Klappt der Merger, entsteht ein ernsthafter Konkurrent für den Volkswagen-Konzern - mit ähnlich vielen Marken, einer starken europäischen Präsenz, einigen hochprofitablen Geschäftsnischen und möglichen Technologievorsprüngen. Der Zusammenschluss verspricht beiden Seiten die Lösung vieler drängender Probleme - stellt die beiden Bindungswilligen allerdings auch vor Hürden. Die Stärken und Schwächen der geplanten Fusion im Check.

Stärke 1: Gute Ergänzung bei Märkten und Modellen

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Der Autohersteller Renault ist unter seinem gestrauchelten Langzeitchef Carlos Ghosn zu einem Massenhersteller mutiert, der das Herstellen günstigerer Fahrzeuge beherrscht: Die Renault-Marke Dacia kann billig richtig gut, die asiatische Autotochter Samsung und die russische Renault-Tochter Lada stehen ebenfalls für günstige, aber nicht eben luxuriöse Automobile. Die Kernmarke Renault kann Klein- und Kompaktwagen besonders gut. In die obere Mittelklasse tastet sich Renault erst jetzt wieder nach längerer Fast-Abwesenheit vor.

Gute Geschäfte macht Renault in Europa und in Schwellenländern, im weltweit zweitgrößten Automarkt USA ist die Marke mit dem Rautenlogo seit Jahrzehnten schon nicht mehr vertreten. In Nordamerika wiederum liegt die große Stärke von FCA: Mehr als 50 Prozent seiner weltweit 4,8 Millionen Neuwagen setzte FCA zuletzt im NAFTA-Gebiet ab. Mehr als 90 Prozent des FCA-Konzerngewinns entfielen zuletzt auf Nordamerika. Besonders die auf Pick-up-Trucks spezialisierte Marke Ram und die Geländewagen von Jeep sorgen seit langem für üppige Gewinne.

Die namensgebende Marke Fiat wiederum ist in Europa ziemlich schwach aufgestellt: Die Modellpalette ist veraltet. Einigermaßen erfolgreich ist bloß der Kleinwagen 500, der schon weit über 10 Jahre in fast unveränderter Form gebaut wird. Die 500er-Derivate 500L und 500X sind zwar deutlich größer als ihr ursprünglicher Namensgeber, aber nicht gerade Beststeller in ihrem Segment. Neu gestartete Modelle wie der Günstig-Kompaktwagen Fiat Tipo müssen sich erst beweisen. Dafür hat Fiat in Lateinamerika einen durchaus starken Stand und punktet dort auch mit vor Ort entwickelten, besonders günstigen Modellen. Solche Wagen könnten das Renault-Angebot in Südamerika durchaus ergänzen.

Stärke 2: FCA bekommt im Eiltempo E-Auto-Kompetenz ...

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Der Verbund aus Fiat und Chrysler hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er die Kunst der Kostenreduktion durchaus beherrscht: Die Pick-ups von Ram etwa bringen hohe Gewinne, weil die Autos technisch nicht allzu aufwendig sind und günstig produziert werden. Eine ähnliche Strategie gilt wohl auch bei der aktuellen Konzern-Renditeperle Jeep: Deren Fahrzeuge glänzen auch nicht unbedingt mit Hochtechnologie und perfekter Vernetzung, sondern mit Robustheit und bulligem Äußeren. Selbst die konzerneigenen Nobelmarken Maserati und Alfa Romeo stehen nicht für technische Avantgarde, sondern für schönes Design.

Einzig die ausgegliederte Tochter Ferrari hat punkto Technik einen hervorragenden Ruf - der sich aber nur schwer auf die übrigen FCA-Premiummarken übertragen lässt. Tatsächlich hat FCA schon seit Jahren ein Technologieproblem, das zuletzt immer deutlicher wurde: Bei Elektroantriebe hat der Konzern bislang fast nichts zu bieten. Ein kürzlicher eingegangener Deal mit Tesla war nicht mehr als ein Ablasshandel zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes - Legal zwar, aber nicht gerade schön.

Renault-Nissan hingegen setzte früh auf Elektroantriebe und war über Jahre hinweg der größte Elektroauto-Produzent weltweit. Der reine Elektrowagen Nissan Leaf etwa ist nun bereits in der zweiten Generation angelangt, während es bei FCA noch nicht mal ein ausschließlich batteriegetriebenes Modell in erster Generation gibt. Von dem Wissen und Können der Franzosen bei Elektroantrieben dürfte FCA wohl schnell profitieren. Im Gegenzug erhält Renault Nachhilfe in einem anderen Bereich …...

Stärke 3: Renault kann SUV- und Pick-up-Schwächen ausmerzen

Die Verkäufe von SUV-Modellen steigen weltweit nach wie vor. Ein Ende des Booms ist bislang nicht in Sicht. Renault hat in den vergangenen Jahren zwar zahlreiche kleinere Modelle in SUV-Optik erfolgreich auf den Markt gebracht. Und mit dem Dacia Duster haben die Franzosen auch einen ziemlich günstigen Pseudo-Offroader im Portfolio.

Allerdings haben sich die Franzosen bei den geländegängigeren Modellen häufig auf das Wissen ihres japanischen Allianzpartners Nissan verlassen, der seit Jahrzehnten geländegängige Pick-ups und SUVs baut. Diese laufen nicht nur in den USA erfolgreich. Auch in Europa verkauft Nissan etwa seinen Kompakt-SUV Qashqai in rauen Mengen. Größere und damit auch margenträchtigere Renault-SUVs sind dagegen rar, und, wie das Modell Koleos zeigt, nicht unbedingt ein Kassenschlager. Da könnte FCA mit seiner Marke Jeep vermutlich schnell Abhilfe schaffen. Die Amerikaner wissen, wie man authentische Offroader baut und damit ordentlich Geld verdient.

Schwäche 1: Komplexes Austarieren von Interessen notwendig

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So sinnvoll der Zusammenschluss von FCA und Renault auf dem Papier und in der Pressemitteilung von FCA auch klingen mag, eine potenzielle Hürde sprechen die Beteiligten bislang kaum an: Der sich abzeichnende Autoriese dürfte sehr schwierig zu führen sein.

Zuletzt kriselte die Allianz zwischen Renault und den japanischen Autoherstellern Nissan und Mitsubishi kräftig : Langzeitchef Ghosn soll eine Verschmelzung der Autokonzerne geplant haben, bevor er wegen Korruptionsvorwürfen inhaftiert wurde. Die Japaner störte schon länger, dass Renault deutlich weniger Autos verkauft als Nissan, in dem Dreierbündnis aber mehr Stimmrechte als Nissan und Mitsubishi hatte. Zwar beteuerten die Japaner immer wieder, an dem Verbund mit Renault festhalten zu wollen - doch zu welchen Konditionen, ist seit langem unklar.

Das Hinzukommen von FCA dürfte die Machtverhältnisse in der Dreierallianz nun kräftig durcheinanderwirbeln. Und das könnte am Ende nicht unbedingt vorteilhaft für die Japaner ausgehen. Deshalb ist es durchaus möglich, dass Nissan und Mitsubishi den Schulterschluss zwischen FCA und Renault gar nicht so gerne sehen - und die Fusion nach Kräften zu torpedieren versuchen. Das Austarieren der Interessenlagen und Mitbestimmungsrechten wird auf jeden Fall sehr kompliziert - und könnte Renault und FCA viel wertvolle Zeit kosten. Zumal aktuell noch völlig unklar ist, wie Kartellbehörden das Zusammengehen bewerten und welche Zugeständnisse notwendig sein könnten.

Schwäche 2: Massentaugliches Premium können weder FCA noch Renault

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John Elkann: Der Fiat-Erbe und sein Masterplan

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Einen klaren Unterschied zum Volkswagen-Konzern wird FCA-Renault aber auf jeden Fall ausweisen. Die Wolfsburger haben mit Porsche eine Marke im Unternehmensverbund, die fast 260.000 Luxusautos jährlich baut und verkauft - mit sehr hohen Margen. Die VW-Tochter Audi liefert jährlich knapp 2 Millionen Premiumfahrzeuge aus. Zuletzt sanken zwar die Marge und der Gewinn der Vier-Ringe-Marke. Jahrelang war Audi allerdings eine echte Gewinnmaschine für den Volkswagen-Konzern.

Der Verbund aus FCA und Renault wird keine Premiummarke im Portfolio haben, die bei Stückzahlen und Gewinnen auch nur annähernd in solche Regionen kommt. Die FCA-Tochter Maserati dümpelte zuletzt bei niedrigeren fünfstelligen Verkaufszahlen. Die wiederbelebte Sportwagentochter Alfa Romeo hielt zuletzt ebenfalls weit unter 100.000 Fahrzeugen. Einzig die Marke Jeep hat echten Massenappeal, zuletzt lag die Marke bei über eine Million Auslieferungen weltweit. An die Margen von Porsche oder Audi reicht die Offroad-Ikone aber dennoch nicht heran.

Und auf Renault-Seite gibt es beim Thema Oberklasse nicht mal bei den Allianz-Partnern richtig Vorzeigbares. Nissans Premiumtochter Infiniti müht sich seit Jahren um den Aufstieg Richtung weltweiter Nobelliga. Erfolgreich ist die Marke bislang nur in Maßen. Denn es braucht Jahrzehnte, um eine Luxusmarke gegen die deutschen Premiumautobauer global zu etablieren.

Schwäche 3: Am weltgrößten Automarkt unter ferner liefen

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Der Boom des weltgrößten Automarktes China ist an FCA überwiegend vorbeigelaufen - mit seinen Massenmarken Fiat und Chrysler ist der Autobauer kaum im Reich der Mitte präsent. Einzig Jeep erzielt in dem Land nennenswerte, also niedrige sechsstellige Absatzzahlen.

Das Zusammengehen mit Renault wird an dieser Achillesverse nichts ändern können. Denn auch Renault ist am weltweit wichtigsten Automarkt so gut wie gar nicht vertreten. Dieses Geschäft überließen die Franzosen in großen Teilen dem Allianzpartner Nissan - und der hat seine China-Absatzziele bis 2023 erst vor kurzem heruntergesetzt.

Zwar schwächelte der chinesische Automarkt zuletzt erstmals seit Jahren. Das Land gilt aber dennoch als wichtigster Automarkt der Welt, im Bereich Elektroautos zunehmend auch als Technologieführer. Renault hat zwar erst vor kurzem ein Günstig-Elektroauto für den chinesischen Markt vorgestellt. Doch zum großen China-Player wird Renault bei einem Zusammengehen mit FCA sicherlich nicht - und das gilt auch umgekehrt.

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