Keine Schonfrist für Marchionne-Nachfolger Manley Warum sich der neue Fiat Chrysler-Chef sofort bewähren muss

Der neue Fiat Chrysler-Chef Mike Manley: Bewährungsprobe gleich in der ersten Arbeitswoche.

Der neue Fiat Chrysler-Chef Mike Manley: Bewährungsprobe gleich in der ersten Arbeitswoche.

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Geplant war ein geordneter Übergang. Doch so etwas wie eine Schonfrist bekommt Mike Manley, seit Samstag neuer Chef des Autoherstellers Fiat Chrysler Automobiles (Kurswerte anzeigen) (FCA ), nun nicht. Diesen Mittwoch präsentiert der 54-jährige gebürtige Brite bereits die FCA-Quartalsresultate. Dem bisherigen Chef der FCA-Marken Jeep und Ram bleiben also ein paar Tage, um seinen ersten großen Auftritt als Konzernchef vorzubereiten.

Bei seiner ersten Bewährungsprobe muss er Investoren erklären, wie er FCA in die Zukunft führen und wie weit er womöglich von den Plänen seines Vorgängers Sergio Marchionne abweichen will. Marchionne trat aus gesundheitlichen Gründen überraschend am Wochenende als FCA-Chef zurück, aktuell liegt er in einer Intensivstation in Zürich. Sein Zustand soll Berichten zufolge "unumkehrbar" sein, angeblich liegt Marchionne im Koma. Ursprünglich wollte Marchionne bis Frühjahr 2019 FCA-Chef bleiben - nun hat seine Erkrankung eine geordnete Übergabe vereitelt.

Analysten gehen davon aus, dass sich der neue Fiat-Chrysler-Chef zunächst an Marchionnes Strategie orientieren kann. Längerfristig sei die Zukunft des weltweit siebtgrößten Autobauers jedoch unsicher. "Manley weiß, dass sein Hauptaugenmerk auf der Ausführung liegt und dass er bereits eine Strategie hat, auf die sein Team eingeschworen ist", sagte George Galliers, Analyst bei Evercore ISI.

FCA erklärte am Wochenende, dass Manley die im Juni präsentierte Strategie Marchionnes fortsetzen wolle, auch ohne einen Zusammenschluss mit einem Konkurrenten wettbewerbsfähig zu bleiben. Mit einem Fünfjahresplan wollte Marchionne die Produktion von SUVs ausbauen, in Elektroautos investieren und den Betriebsgewinn bis 2022 verdoppeln. Der Plan sah auch ehrgeizige Ziele für die Marke Jeep vor, die sich längst zur Gewinnmaschine des Konzerns mit hohen Margen entwickelt hat.

Künftig trockener Humor statt Gefühlsausbrüche?

Das ist zu großen Teilen der Verdienst von Manley. Der studierte Ingenieur und Betriebswirt stieg vor 18 Jahren bei dem Autohersteller ein, der damals noch DaimlerChrysler hieß. Zuvor hatte Manley unter anderem als Autohändler gearbeitet. Seit 2009 führte er die Marke Jeep, seit 2015 auch die FCA-Tochter Ram, die in den USA gute Geschäfte mit ihren Pickups und leichte Nutzfahrzeugen macht.

Unter Manleys Führung vervierfachte Jeep seine weltweiten Verkaufszahlen auf zuletzt 1,4 Millionen Fahrzeuge. Manley gilt als ehrgeizig - und scheut sich auch nicht vor klaren Ansagen. Bei FCA werde Jeep "die am stärksten wachsende Marke sein, Punktum", erklärte er etwa auf einer Automesse vor einigen Jahren. Diese Ankündigung hielt er zum Großteil.

Dabei tritt der Manager aber zurückhaltender auf als sein Vorgänger Marchionne, der nicht nur öffentlich zu klaren Ansagen neigte. Auch intern soll Marchionne teils sehr temperamentvoll aufgetreten sein, mit Wutanfällen und herzlichen Umarmungen für Manager. Von Manley sind solche Gefühlsausbrüche bislang weniger bekannt - der Mann gilt eher als kühler Stratege mit trockenem Humor. "Er ist keiner, der ein Riesen-Ego hat", meint die Analystin Rebecca Lindland vom Kelley Blue Book. "Deshalb wird er ein guter Unternehmensführer sein."

Diese Baustellen hat Manley langfristig vor sich

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Öffentlich trat Manley aber gerne etwas legerer auf, häufig ohne Krawatte und mit leicht zerzausten Haaren. Dieser gepflegt-unangepasste Stil harmonierte gut mit der Outdoor-Marke Jeep - und dem ebenfalls eher unkonventionellen Auftreten Marchionnes, der fast immer im Pullover und ohne Krawatte auftrat.

Ein einziges Mal machte Marchionne dabei eine Ausnahme: Im Juni, als FCA schuldenfrei war, legte selbst Marchionne den Schlips an. Es war sein letzter großer Triumph als FCA-Chef. Marchionne ist es in zwei Jahrzehnten gelungen, zwei angeschlagene Autohersteller zu einem Autokonglomerat zu vereinen, das zu den weltweit größten zählt. Manley übernimmt ein Unternehmen, das in der finanziell besten Verfassung seit Jahrzehnten ist: Im ersten Quartal dieses Jahres überholte FCA Ford bei den Gewinnen und kam bereits nahe an General Motors heran.

Der Nachteil durch den überraschenden Wechsel an der Spitze sollte sich zumindest in den nächsten zwölf Monaten in Grenzen halten, meinen Analysten deshalb. Langfristig könnten die Sorgen aber zunehmen.

Auf Marchionnes Basis aufzubauen, birgt für Manley einige Herausforderungen. So hat FCA bisher viel weniger als die Wettbewerber in Elektroautos investiert. Diesen Rückstand gilt es nun aufzuholen. Zugleich werden die Abgasregeln weltweit strenger, der Wettbewerb bei SUVs verschärft sich - und FCA stehen möglicherweise auch noch Strafen in den USA wegen angeblicher Abgastricksereien ins Haus. Im weltgrößten Automarkt China hinkt FCA weiter hinterher, in Europa steigen Fiats Margen nur langsam an. Und der US-Automarkt, der aktuell für drei Viertel des FCA-Gewinne sorgt, dürfte bald schrumpfen.

FCAs Volumenmarken dümpeln vor sich hin

Es liegen also eine Menge Baustellen vor Manley, der gleichzeitig aber auch noch den FCA-Gewinn bis 2022 verdoppeln soll. Die wichtigste Rolle wird dabei die Marke Jeep übernehmen: So soll künftig jedes fünfte verkaufte FCA-Fahrzeug von Jeep stammen, erklärte Manley vor kurzem. In Europa will die Outdoor-Marke ihren eher bescheidenen Marktanteil erhöhen, die Gewinne und Umsätze sollen dabei auch steigen.

Insgesamt 9 Milliarden Dollar will FCA bis 2022 in Elektroautos investieren, und auch noch eine neue Einheit aufbauen, die die Finanzierung von Robotertaxi-Flotten übernimmt. Zudem muss sich Manley etwas einfallen lassen, um einige Marken im Konzern aufzupolieren. Die von Marchionne seit Jahren betriebene Wiederbelebung der Marke Alfa Romeo etwa kommt nicht so richtig vom Fleck. Die beiden namensgebenden Massenmarken von FCA, Fiat und Chrysler, sind in den vergangenen Jahren stetig geschrumpft.

"FCA muss seine Volumenmarken auf die Spur bringen und wieder attraktiv machen, bevor es zu spät ist", meint etwa Felipe Munoz vom Autodaten-Spezialisten Jato. "Manley ist der richtige für diesen Job". Und auch die anderen Puzzlesteine von Marchionnes Fünfjahresplan muss Manley nun Stück für Stück umsetzen.

Bei einer CEO-Eigenschaft ist Manley noch ein unbeschriebenes Blatt

Das trauen ihm Beobachter durchaus zu. Kollegen beschreiben Manley als ernst und sehr harten Arbeiter, auf dessen Wort man sich verlassen kann. Er gilt als guter Zuhörer - aber auch als ungeduldig mit Leuten, die seine Erwartungen nicht erfüllen. Allerdings wird und muss er FCA wohl mit anderen Maßnahmen führen als sein Vorgänge. Marchionne hat Fiat Chrysler in einem Befehls- und Kontrollstil mit konstanten Brandbekämpfungsmaßnahmen geführt. Da gebe es keine Bedienungsanleitung, der man folgen könne, warnt ein Analyst.

Ein paar kleine Veränderungen an Marchionnes Plan wird Manley wohl vornehmen, glauben Beobachter - einfach nur deshalb, um dem Unternehmen seinen Stempel aufzudrücken. Doch bei einer für einen Autoboss wichtigen Eigenschaft ist Manley bislang noch ein unbeschriebenes Blatt: Bei der Frage nämlich, wie gut er mit Politikern umgehen kann und wie geschickt er harte Unternehmensentscheidungen verkauft.

Investoren fürchten unsicheren Zeiten

Marchionne manövrierte gekonnt durch die politischen Untiefen seines Geschäfts. So verlagerte er in den vergangenen Jahren die Fertigung von Fiat-Modellen Schritt für Schritt aus dem Stammland Italien. Das gelang ihm ohne Aufschrei der Gewerkschaften. Und mit US-Präsident Donald Trump fand Marchionne ein relativ gutes Auslangen. So feierte Trump FCA dafür, die Fertigung von Ram-Pickups nach Michigan zu verlagern - auch wenn FCA sich schon Jahre davor dazu entschieden hatte.

"Ein CEO muss politisch sein, er muss in schwierigen Situationen die Kanten glätten", sagte ein Analyst gegenüber der Financial Times. "Wir wissen nicht ob Manley diese Fähigkeit hat".

Mit seiner persönlich lockeren und menschlichen Art schuf Marchionne bei FCA zudem ein Klima der Loyalität. Wie weit das Manley gelingt, muss sich noch weisen. Der plötzliche Chefwechsel sorgt bereits jetzt für Unruhe unter den Führungkräften. Der langjährige Marchionne-Weggefährte Alfredo Alfredo Altavilla verlässt FCA, wie der Konzern heute mitteilte. Altavilla arbeitete seit 1990 bei Fiat, zuletzt leitete er FCAs Europageschäft. Er galt als Top-Kandidat für die Marchionne-Nachfolge. Doch er ging leer aus und räumt nun seinen Posten.

Investoren fürchten offenbar, dass FCA unsichere Zeiten bevorstehen. Die FCA-Aktie verlor am Morgen an der Mailänder Börse zeitweise mehr als fünf Prozent. Zuletzt lag die Aktie aber nur mehr etwas mehr als zwei Prozent im Minus.

mit Material von Reuters und ap