Samstag, 24. August 2019

Flotten-Pooling umgeht CO2-Strafen der EU Wie Fiat einen schmutzigen CO2-Deal mit Tesla einfädelt

Schmutzig kann er: Ein Offroad-Fahrzeug der Fiat-Chrysler-Marke Jeep bei einer Flussdurchquerung

Maserati, Ferrari, Alfa Romeo - der Fiat Chrysler-Konzern (FCA Börsen-Chart zeigen) hat einige Automarken im Programm, die für PS-starke Fahrzeuge stehen. Besonders sparsam oder gar emissionsarm waren diese Fabrikate noch nie. Doch sie sorgen sie für automobilen Glanz unter der Massenware des Konzerns: Den Limousinen von Chrysler, den Klein- und Mittelklassewagen von Fiat, den Straßenabenteuer verheißenden Jeep-SUVs oder den martialischen Pickup-Trucks der Marke Ram.

Allerdings hat FCA gerade bei seinen Volumenmarken ein veritables Motorenproblem: Viele der von Fiat, Chrysler und Jeep verwendeten Aggregate stoßen vergleichsweise viel CO2 aus. Wegen klammer Finanzen hat Fiat weniger als die Konkurrenz in die Entwicklung abgasarmer Verbrennungsmotoren oder die Elektrifizierung seiner Flotte investiert. Und das droht sich bald zu rächen. Ab 2021 gelten in der EU strengere Flottengrenzwerte für den CO2-Ausstoß. Fiat ist laut einer Untersuchung von PA Consulting der Autokonzern, der noch am weitesten von der Einhaltung der strengeren Grenzwerte entfernt ist. Dem Konzern drohen dadurch Strafzahlungen in Milliardenhöhe.

Wie Fiat mit Hilfe von Tesla um hohe Strafzahlungen herumkommen will

Nun hat der italo-amerikanische Autobauer einen legalen, aber eher unschönen Trick gefunden, den drohenden Bußgeldern auszuweichen. Fiat Chrysler wird dem US-Elektroautobauer Tesla hunderte Millionen Euro zahlen, berichtete die Wirtschaftszeitung "Financial Times" (FT) am Wochenende. Als Gegenleistung kann Fiat die CO2-freien Tesla-Elektroautos in seine Neuwagenflotte einrechnen. Damit wird der durchschnittliche CO2-Ausstoß der gesamten FCA-Neuwagenflotte ab 2021 unterhalb des Grenzwertes liegen, den die EU für den Autohersteller vorgegeben hat. In drei Jahren, so sehen es EU-Regeln vor, dürfen Neuwagen im Schnitt nicht mehr als 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen.

Von FCA und Tesla gibt es dazu keinen offiziellen Kommentar. Es ist ein Deal, der so ähnlich funktioniert wie beim Handel mit CO2-Zertifikaten: Mit dem Tesla-Deal erwirbt FCA sozusagen Verschmutzungsrechte. Das ist wohl günstiger und vor allem weniger imagebelastend, als Strafen zu zahlen. Laut FT könnten FCA ohne den Deal ab 2021 bis zu zwei Milliarden Dollar Strafe pro Jahr in der EU drohen.

Rechtlich ist das "Pooling" von Automarken in der EU erlaubt

FCA liegt bei den Anstrengungen zur CO2-Reduktion weit zurück, wie eine Studie von PA Consulting zeigt. Laut dieser muss es FCA bis 2021 schaffen, den durchschnittlichen CO2-Ausstoß seiner Neuwagenflotte um 6,7 Gramm pro Kilometer zu senken. Das ist der größte Abstand zum Sollwert unter den 13 in der Studie untersuchten Autokonzernen. Fiat Chrysler steht - wie andere Hersteller - wegen der schärferen Abgasvorschriften unter Druck. Im Gegensatz zu einigen Konkurrenten hat FCA aber kaum Elektroautos und Hybridwagen im Angebot.

Rechtlich ist Fiats Vorgehen einwandfrei. Den EU-Regeln zufolge können Autohersteller mehrere Marken bei der Berechnung des CO2-Flottenwerts zusammenrechnen. Damit könnte etwa die Kleinwagenmarke Smart den CO2-Ausstoß schwerer Mercedes-Fahrzeuge rechnerisch ausbalancieren. Ein solches Pooling ist laut EU eben auch zwischen den Automarken von Konkurrenten erlaubt - bloß hat dies bisher kein Autohersteller gewagt. FCA tut dies nun, wie sich einem Antrag auf der Website der Europäischen Kommission entnehmen lässt. Demnach hat FCA am 25. Februar gemeinsam mit Tesla einen sogenannten "offenen Pool" gebildet.

Es gibt aber noch einen zweiten Fahrzeugpool in der EU, berichtet die FT: Auch Toyota und der japanische Autohersteller Mazda haben einen solchen Pool gebildet. Es gibt dabei jedoch einen wesentlichen Unterschied zum FCA-Tesla-Gespann: Toyota besitzt einen Minderheitsanteil von 5 Prozent an Mazda, die beiden japanischen Autohersteller haben bereits vor Monaten eine engere Zusammenarbeit angekündigt. FCA und Tesla hingegen arbeiten bislang auf keiner Ebene zusammen - außer beim CO2-Ablasshandel.

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