Branchenfremder übernimmt die Führung Ferrari findet neuen Chef bei Chiphersteller

Seit gut einem halben Jahr ist John Elkann auf der Suche nach einem neuen Ferrari-Chef. Nun entschied sich der Agnelli-Spross für einen Manager, der weder Luxusgüter- noch Automobilerfahrung hat.
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Ferrari holt sich in einem außergewöhnlichen Schritt einen neuen Chef aus der Chipindustrie. Zum 1. September werde Benedetto Vigna (52) vom französisch-italienischen Konzern ST Microelectronics die Führung übernehmen, teilte der italienische Sportwagenhersteller am Mittwoch mit. Der Italiener leitet bei dem Halbleiterspezialisten die Sparte mit Analogchips und Sensoren, die insbesondere auch in Autos verwendet werden.

Ferrari-Verwaltungsratschef John Elkann (45), ein Spross der bekannten italienischen Auto- und Industriellendynastie Agnelli, sagte, Vigna verfüge über ein großes Verständnis für Technologien, die einen Großteil des Wandels der Branche vorantreiben. Hinzu kämen seine Fähigkeiten in den Bereichen Innovation, Geschäftsaufbau wie auch seine Führungsqualitäten. Im Dezember war der damalige Ferrari-Chef Louis Camilleri (66) aus persönlichen Gründen zurückgetreten. Elkann, der über die Familienholding Exor 22,9 Prozent der Anteile sowie 35,8 Prozent der Stimmrechte an Ferrari hält, hatte kommissarisch die Leitung der wertvollsten Firma in seinem Portfolio übernommen. (Lesen Sie hier  unser Porträt über Elkann und das strahlende Comeback der Agnellis.)

Die Autoindustrie steht in einem tief greifenden Wandel mit dem beschleunigten Übergang von Verbrennungs- zu Elektromotoren. Damit einher geht der Trend zum vernetzten Auto, in dem Software und Computer eine Schlüsselrolle übernehmen. Gleichzeitig wird die Autoindustrie schwer von der Halbleiter-Knappheit getroffen, die auf die hohe Nachfrage nach Computern in der Pandemie zurückgeht. Mehrere Hersteller mussten deswegen die Produktion aussetzen. Ferrari hatte sich zuletzt eine Neuausrichtung verordnet, bietet bereits Hybridmodelle an und will sein erstes Elektro-Fahrzeug 2025 auf den Markt bringen.

Auch angesichts dieser Herausforderungen ist es bisher jedoch ungewöhlich, dass ein Branchenfremder die Führung bei einem etablierten Autobauer übernimmt. So verloren die Ferrari-Aktien  an der Mailänder Börse auch 0,8 Prozent. "Die Ernennung ist höchst unerwartet und spiegelt aus unserer Sicht die Notwendigkeit wider, Ferrari 'neu zu erfinden' und die Schwierigkeit, Kandidaten zu finden, die bereit sind, die Aufgabe zu übernehmen", kommentierte Philippe Houchois von Jefferies.

Vigna war seit Mitte der 90er-Jahre bei ST Microelectronics. Er gehörte unter anderem zu dem Team, das Bewegungssensoren entwickelte, die zum Beispiel im Smartphone erkennen, wie es gehalten wird und ob der Display-Inhalt im Hoch- oder Querformat angezeigt werden muss.

mg/dpa-afx, Reuters