Fernride Start-up für Robo-Lkw wildert bei Autokonzernen

Fernride verspricht eine Abkürzung beim autonomen Fahren und will Trucks wie im Konsolenspiel aus der Ferne steuern. Das Start-up wittert ein Milliardengeschäft. Nun kommen Topleute von BMW und Argo AI.
Ferngesteuert: Das Start-up Fernride lenkt Lkw aus dem Büro, über den Bildschirm

Ferngesteuert: Das Start-up Fernride lenkt Lkw aus dem Büro, über den Bildschirm

Foto: Konstantin Kraemer

Lkw-Fahrer sind Mangelware. Laut Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) fehlten allein in Deutschland im Frühjahr 2022 rund 80.000 Trucker. Jährlich würde die Lücke um 15.000 weitere anwachsen. Ein Problem, das das Start-up Fernride in ein Geschäftsmodell umwandeln will.

Die Ausgründung der TU München setzt auf Teleoperation. Ähnlich wie bei Renn-Simulatoren können Menschen so vom Bürostuhl einen Lkw per Gaspedal und Lenkrad steuern. Kameras und Sensoren an den Fahrzeugen scannen die Umgebung. Die entsprechenden Daten werden über das Mobilfunknetz gestreamt und auf Bildschirmen als 3D-Modell visualisiert. Das alles geschieht nach Angaben des Start-ups in weniger als 100 Millisekunden.

Im ersten Schritt will Fernride damit die Logistik auf den Betriebsgeländen von Unternehmen effizienter gestalten. Laut Hendrik Kramer (27), der das Start-up 2019 gemeinsam mit Jean-Michael Georg (34) und Maximilian Fisser (34) gegründet hat, gibt es allein in Europa 100.000 Trucks, die ausschließlich auf Firmengebieten unterwegs sind. Das Marktpotenzial allein dieses Segments beziffert Kramer auf rund fünf Milliarden Euro.

Erste Pilotprojekte liefen bereits mit DB Schenker, jüngst gab Fernride auch eine Zusammenarbeit mit Volkswagen in deren Stammwerk Wolfsburg bekannt. Nähere Details dazu wollte Kramer im Gespräch noch nicht verraten. Ende März wurde zudem bekannt, dass die Münchner Teil eines Konsortiums mit Konzernen wie MAN, Bosch, Leoni und Knorr-Bremse sind. Bis Mitte des laufenden Jahrzehnts wollen die Partner autonome Lkw auf Autobahnen bringen.

Vorerst liegt der Fokus bei Fernride aber klar auf der Teleoperation. "Die Industrie tut sich beim autonomen Fahren bislang schwer. Wir haben einen Ansatz, mit dem sich schnell Geld verdienen lässt und sehen uns in der Pole-Position", gibt sich Kramer selbstbewusst. Die Idee scheint nicht nur Kooperationspartner, sondern auch Personal von namhaften Playern anzuziehen. Mitte April gab das Start-up bekannt, mit Holger Mandel (54) einen ehemaligen MAN-, Volvo- und Caterpillar-Topmanager als Investor und Board-Member gewonnen zu haben.

Ex-Führungskräfte von Audi und BMW heuern an

Nun konnte Fernride auch zwei operative Spitzenleute verpflichten, den Kontakt hatten unter anderem die Investoren hergestellt. Bereits seit 1. April ist Thomas Bock (39) als Chief Operating Officer an Bord. Er war zuvor bei Argo AI für die Operations in Europa verantwortlich. Die US-Amerikaner spielen unter anderem in den Autonomie-Plänen von Volkswagen eine zentrale Rolle. Zuvor hatte Bock bereits eine Management-Karriere bei Audi eingeschlagen.

Im Mai ist zudem Martin Isik (42) zu dem Start-up gestoßen. Auch er kommt aus der Konzernwelt: Zuletzt war Isik bei BMW als Vice President für die digitale Produktstrategie und die Geschäftsentwicklung rund um das autonome Fahren verantwortlich. Erfahrung sammelte er zudem mehrere Jahre bei der UBS Investment Bank. Bei Fernride arbeitet er künftig als Chief Commercial Officer und Chief Financial Officer in Personalunion.

Die klare Ausrichtung bei Fernride habe sie überzeugt, erklärten Bock und Isik im Gespräch mit manager magazin unisono. "Es gibt beim autonomen Fahren eine derart große Variation an möglichen Geschäftsmodellen, dass es Vielen schwerfällt, einen Fokus zu finden", so Bock. Der Fernride-Ansatz, zunächst auf Teleoperation und erst dann gezielt auf Automatisierung zu setzen, sei "aus meiner Sicht viel schneller zielführend als das, was viele große Player am Markt machen", sagte auch der frühere BMW-Manager Isik. "Man braucht nicht überall 100 Prozent Autonomie. An den letzten Prozenten scheitern viele und versenken dabei Milliarden." Persönlich hoffen sie nun auf mehr Freiheit und echte Start-up-Kultur. Bock: "Irgendwann habe ich mich im Konzern eingeengt gefühlt, ein bisschen wie in einer Eiswürfelbox."

Für 2022 hat das Start-up noch viel vor. Erste Projekte auch außerhalb Deutschlands stehen auf dem Plan. Laut Isik sei es nun wichtig zu beweisen, "dass Kunden bereit sind, für unser Produkt zu bezahlen". Gewinne freilich sind noch nicht in Sicht. "Es geht jetzt noch nicht um Rentabilität. Das kommt im zweiten Schritt."

Daneben sieht sich das Unternehmen nach weiteren strategischen Partnern um. Die Zahl der Mitarbeiter soll sich dabei von aktuell 50 noch im laufenden Jahr verdoppeln. Und auch eine weitere Finanzierungsrunde wollen die Münchner bis Jahresende abschließen. Im Sommer 2021 hatte Fernride 7,1 Millionen Euro eingesammelt, insgesamt ist das Start-up bislang mit mehr als 10 Millionen Euro finanziert. Zu den Investoren zählen beispielsweise 10x, Promus Ventures, Speedinvest und Blablacar-CTO Olivier Bonnet.