Samstag, 21. September 2019

Zum Tod von Ferdinand Piëch Motoriker der Macht

Ferdinand Piëch: Die heutige Volkswagen AG ist zum größten Teil sein Werk

Es war der 11. Mai 2009, in einem noblen Restaurant auf Sardinien saß eine größere Runde zusammen und diskutierte. Der damalige Volkswagen-Chef Martin Winterkorn war dabei, Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg; eine Reihe von Journalisten lauschte, die an diesem Tag eigentlich auf die Insel geflogen war, um den neuen VW Polo zu testen. Das Wort aber hatte ein anderer: Ferdinand Piëch, Aufsichtsratsvorsitzender der AG und gleichzeitig Großaktionär des Sportwagenherstellers Porsche, die zentrale Figur in der Übernahmeschlacht eben jener Unternehmen.

Die näherte sich gerade ihrem Ende. Ob Porsche-Chef Wendelin Wiedeking noch sein Vertrauen habe, wurde Piëch gefragt.

"Zur Zeit noch", antwortete der.

"Nein, das 'noch' können Sie streichen", fügte er dann an; und das kühle, fast schon genießerische Grinsen verriet allen: Wiedekings Zeit als Porsche-Chef war abgelaufen.

Piëch, sonst eher verschwiegen in der Öffentlichkeit und ein Meister des kurzen Satzes, redete auffällig viel an jenem Abend. Und er versprühte das Bewusstsein eines großen Sieges.

Gut zwei Monate später musste Wiedeking zurücktreten.

Piëch formte VW zum größten Autokonzern der Welt

Zehn Jahre ist das jetzt her; und vielleicht waren jene Monate Anfang 2009 Ferdinand Piëchs größter Erfolg. Der vierjährige Kampf war entschieden; Volkswagen übernahm die kleine Porsche AG. Bezahlte dafür so viel Geld, dass viele das für verrückt hielten. Der eigentliche Gewinner aber hieß: Ferdinand Piëch.

Er hatte bei Porsche im Aufsichtsrat gesessen, die Attacke auf Volkswagen als Mitglied der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch mitgetragen. Er war aber auch Aufsichtsratschef der Volkswagen AG, der galt sein eigentliches Interesse - und für die leistete er Widerstand gegen den Übernahmeversuch.

Am Ende hatte Ferdinand Piëch die Porsche AG bei Volkswagen eingemeindet, er regierte damit in der Folge auch Porsche; und seine Familie war mit gut 50 Prozent der Stimmrechte fortan die bestimmende Macht eines Automobilkonzerns, der inzwischen der größte der Welt ist.

Die Volkswagen AG des Jahres 2019 ist zum großen Teil das Werk Ferdinand Piëchs. Noch heute wird jeder Chef und Möchtegernchef dort mit dem Patriarchen und seinem Zögling Martin Winterkorn verglichen. Die neue Generation schneidet dabei in der Regel nicht gut ab.

Als Piëch 1993 den Vorstandsvorsitz des Konzerns übernahm, bilanzierte er für sein erstes Jahr knapp 40 Milliarden Euro Umsatz und rund eine Milliarde Euro Verlust; Volkswagen, das waren VW, Audi, Seat und Skoda.

Als er den Aufsichtsratsvorsitz im April 2015 niederlegte und Volkswagen verließ, setzte das Unternehmen 202 Milliarden Euro um, verdiente operativ 12,7 Milliarden Euro - und Piëch hatte ein Imperium geschaffen, das Mobilität vom Motorrad bis zum Schwerlaster verkaufte und sogar Schiffsmotoren produzierte.

Piëch genoss Respekt, war aber auch gefürchtet

manager magazin hat Ferdinand Piëch 2011 zum Manager der ersten 40 Jahre unseres Bestehens gekürt. Piëch habe "Industriegeschichte geschrieben und die deutsche Automobilbranche umgestaltet wie kein Zweiter", haben wir unsere Entscheidung damals begründet. Das gilt weiter.

Bei Piëch ging immer noch ein bisschen mehr. Als er gegen den Willen der meisten Mächtigen in Wolfsburg die Lkw eingemeindet hatte, als Scania und MAN zu Volkswagen gehörten, kam auch noch der italienische Motorradhersteller Ducati dazu. Weil Piëch das so wollte. Weil er Ducati-Fan war. Und weil Martin Winterkorn es dann auch so ausführte.

Ferdinand Piëch war Autokrat, nicht Demokrat. Er leistete sich auch Extravaganzen.

Die Mitarbeiter hatten Angst vor ihm. Sie hatten gesehen, wie er Gegenspieler in Reihe abservierte, nicht nur Wiedeking.

Herbert Demel wollte bei Audi aufräumen? Er musste gehen.

Bernd Pischetsrieder wurde als Vorstandsvorsitzender bei Volkswagen unbequem? Winterkorn löste ihn ab.

Aber die Belegschaft hatte - bei aller Furcht vor dem Mann an der Spitze - auch das Gefühl, das Richtige zu tun. Die Volkswagen AG ist keine klassische Kapitalgesellschaft. Sie ist gleichermaßen Familien- wie Staatsunternehmen (durch die Beteiligung Niedersachsens); die mächtigen Arbeitnehmer lassen den Konzern zum Teil fast schon wie eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wirken. Ferdinand Piëch hat diese Struktur so gespielt wie kein anderer, mit den Arbeitnehmern hat er Pakte geschlossen wie die 28,8-Stunden-Woche und die Auto 5000 GmbH, in der 5000 Mitarbeiter zunächst weniger verdienten als nach VW-Tarif vorgeschrieben. Auch so sorgte er dafür, dass Volkswagen vor allem eins war: sein Unternehmen. Und dabei sehr erfolgreich.

Der Machtkampf mit Martin Winterkorn führte zum Bruch mit VW

Skandale perlten an ihm ab. Als die Staatsanwaltschaft 2005 wegen einer Korruptionsaffäre gegen Personalvorstand Peter Hartz und den damaligen Betriebsratschef Klaus Volkert ermittelte und diese schließlich auch verurteilt wurden, blieb Piëch außen vor. Ihm konnte keine Beteiligung nachgewiesen werden. Und als im September 2015 der Dieselskandal aufflog und Vorstandschef Winterkorn abtreten musste, war Piëch schon nicht mehr im Unternehmen. Er hatte im April einen Machtkampf gegen Winterkorn verloren, verkaufte in der Folge sogar seine Anteile an seinen Bruder Hans-Michel Piëch und den Rest der Familie.

Es war der komplette Bruch. Als der Aufsichtsrat Ferdinand Piëch nicht mehr wollte, wollte der auch nicht mehr. Später belastete er bei der Staatsanwaltschaft sogar Winterkorn und einige Volkswagen-Aufsichtsräte, sie hätten früher von den Dieselvorwürfen gewusst als sie zugeben. Diese bestreiten das.

Ferdinand Piëch war ein klassischer Ingenieur. Für ihn stand - neben der Macht - die Technik an erster Stelle, nicht der Profit.

Als er Ende 2013 erstmals einen Tesla fuhr und dessen rasante Beschleunigung erlebte, ließ er Winterkorn stramm stehen ("Warum haben wir das nicht?"). Anschließend gab er den Anstoß zu dem Projekt, aus dem Porsches Elektroerstling Taycan wurde, der kommende Woche vorgestellt wird.

Die neue Mobilität dagegen, Carsharing etwa? Nein, da bevorzuge er doch das eigene Paar Schuhe, sagte Piëch 2010; "die Schweißfüße von einem anderen brauche ich nicht".

Technik first, manchmal fehlt das heute in der Autoindustrie.


Lesen Sie auch:
Ferdinand Piëch - Sein Leben in Bildern
Vier Frauen, zwölf Kinder - Patchwork à la Piëch


Ferdinand Piëch hinterlässt den größten Autokonzern der Welt. Und ausgerechnet die Porsche AG, jener Teil, den er 2009 im diplomatischen Hin und Her zu Volkswagen holte und vor dem Kollaps bewahrte, ist heute der wertvollste Teil dieses Konzerns.

Ferdinand Piëch ist am Sonntag im Alter von 82 Jahren gestorben.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung