Letzter Fünfjahresplan für Fiat Chrysler Marchionnes Vermächtnis: Fiat Nische!

Grande Finale für Sergio Marchionne: In Kürze stellt der FCA-Chef einen neuen Fünfjahresplan für Fiat Chrysler Automobiles vor. Es wird seine letzte große Weichenstellung. Bevor er im Jahr 2019 das Feld räumt, trimmt Marchionne seinen Konzern Richtung Nische - und schiebt Fiat weiter auf das Abstellgleis.
Fiat Chrysler-Chef Sergio Marchionne bei einer Pressekonferenz im November 2017.

Fiat Chrysler-Chef Sergio Marchionne bei einer Pressekonferenz im November 2017.

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Örtlich wird dieser Termin für Sergio Marchionne eine Rückkehr zu seinen Wurzeln - inhaltlich aber kaum: Am morgigen Freitag wird der 65-jährige Manager auf dem Balocco-Testgelände in der Nähe von Turin einen neuen Fünfjahresplan für Fiat Chrysler Automobiles  (FCA) vorstellen.

Es wird einer der letzten großen Auftritte von Marchionne, der im kommenden Jahr als FCA-Chef abtritt - und das an jenem Ort, an dem er im Jahr 2004 seinen Überlebensstrategie für Fiat vorstellte. Und überlebt hat Fiat unter Marchionnes Fittichen - zumindest formal: Mit dem Zukauf des US-Autobauers Chrysler, Spinoffs und etwas Finanzakrobatik hat der für seine gewagten Sprüche bekannte Automanager einen globalen Autokonzern geschaffen, der durchaus ansehnlich verdient und den Marchionne nun wohl geordnet übergeben will.

Künftig soll FCA noch stärker auf die Nischenmarken in seinem Konglomerat setzen, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Insider berichtet  - und seine einstigen Massenmarkt-Marken Fiat und Chrysler weiter zurückstutzen. So erwägt FCA etwa, den Verkauf von Fiat-Autos in Nordamerika und den USA komplett zu stoppen - und Chrysler fast ausschließlich auf dem US-Markt anzubieten. Dagegen soll die Konzerntochter Jeep global kräftig zulegen, die beiden Fiat-Nobeltöchter Maserati und Alfa Romeo sollen künftig in einer Luxus-Einheit zusammengefasst werden.

Gegenüber Bloomberg wollte sich FCA nicht vorab zu der Marchionne-Präsentation äußern. Dabei hatten Konzerninsider auch schon vor einigen Wochen vorab spannende Details berichtet - die, wenn sie so zutreffen, den italienisch-amerikanischen Autokonzern deutlich verändern dürften. Laut dem Fünfjahresplan für die Jahre 2018-2023 soll FCA wachsen - und zwar vor allem dank seiner Offroad-Marke Jeep und dem Pickup-Spezialisten Ram.

Eine globale Wette auf die Zugkraft von Jeep

Zudem erwägt der Autohersteller, die jüngst wiederbelebte Sportwagenmarke Alfa Romeo und die Luxusmarke Maserati in einer Einheit in den Finanzberichten zusammenzufassen. Das könnten Investoren durchaus als ersten Schritt für einen möglichen Spin-Off der beiden italienischen Nobelmarken sehen.

Marchionne dürfte mit dem Plan sein Vermächtnis bei dem Autokonzern hinterlassen wollen. Denn auf der FCA-Hauptversammlung im April 2019 soll sein Nachfolger gewählt werden.

Auf dem Balocco-Testgelände dürfte er wohl auch rhetorisch einige Siegesrunden drehen. Als Marchionne vor 14 Jahren als Fiat-Chef antrat, hatte er die einst so ikonische Marke nur haarscharf vor dem Bankrott gerettet. Unter seiner Führung hat sich der Wert der nunmehrigen Fiat Chrysler-Gruppe mehr als verzehnfacht.

In seinem letzten Plan spielt Fiat allerdings keine große Rolle mehr - aus dem Volumengeschäft, für das Fiat viele Jahrzehnte lang stand, zieht sich Marchionne weiter zurück. Stattdessen fokussiert er die FCA-Ressourcen lieber auf vielversprechende Nischen - wie etwa auf die US-Offroadmarke Jeep. Diese soll bereits heute für 70 Prozent der FCA-Gewinne sorgen, meinen Analysten. Marchionne will das Verkaufsvolumen von Jeep bis 2022 nochmals verdoppeln - indem er die Präsenz von Jeep in Asien, Brasilien und Europa stärkt und verstärkt Hybrid-Modelle anbietet. Zuletzt verkaufte Jeep weltweit 1,4 Millionen Fahrzeuge.

Marken Fiat und Chrysler werden noch weiter gestutzt

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Aufsetzen will Marchionne dem Bloomberg-Bericht zufolge wohl auch einen eigenen Finanzarm - also eine konzerneigene Bank etwa für Leasingangebote. Bislang hatte FCA dafür mit der spanischen Santander Bank kooperiert. Investoren hoffen wohl auch auf ein klare Worte von Marchionne bezüglich Elektro- und Hybridantrieben. Die hatte Marchionne viele Jahre lang abgelehnt, weil sie ihm zu wenig Profit einbrachten. Zuletzt hat er - wie einige Konkurrenten - da aber seinen Kurs korrigiert und erklärt, bis 2022 acht Modelle mit Plugin-Hybridantrieb auf den Markt zu bringen. Bloß: Allzu konkret waren seine Ansagen dazu bisher nicht. Wie schon vor einigen Monaten bekannt wurde, erwägt FCA auch einen Komplettausstieg aus Dieselmotoreninnerhalb der nächsten fünf Jahre.

Für die namensgebende Marke Fiat hingegen hat der scheidende FCA-Chef nicht mehr allzu viel Verwendung. Schon vor einigen Wochen sickerte durch, dass Marchionne die Fertigung von günstigen Fiat-Modellen aus Italien abziehen und nach Osteuropa verlagern will.

Die Werke in Italien sollen statt dessen künftig teurere Modelle der Konzernmarken Maserati und Alfa Romeo, aber auch Jeep, fertigen. Eine Ausweitung des Fiat-Portfolios plant Marchionne dabei offenbar nicht - die ikonische italienische Marke bleibt wohl auf die Modellreihen 500 und Panda beschränkt. Und künftig sollen Fiats nur mehr in Europa, Brasilien und einigen Schwellenländern verkauft werden.

Aus den USA will Marchionne die Marke Fiat offenbar wieder komplett abziehen - kein Wunder, in den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden in Nordamerika gerade mal 5400 Fiats verkauft. Und laut den Bloomberg-Informanten soll auch in China der Verkauf von Fiat-Modellen gestoppt werden - wegen des ausbleibenden Absatzerfolgs.

Legt Marchionne mal Krawatte an?

Und die Marke Chrysler hat Marchionne in den vergangenen Jahren ohnedies auf gerade mal zwei Modelle in den USA reduziert - einen Minivan und eine Limousine. Die Forcierung des SUV-Angebots über die Marke Jeep zahlte sich finanziell zuletzt mehr als aus: Die margenträchtigeren Geländegänger und Pickup-Trucks der Marke Ram bescherten FCA zuletzt eine Gewinnmarge, die deutlich über der des Rivalen Ford lag. In diesem Jahr will Marchionne punkto Profitabilität auch noch am Rivalen General Motors vorbeiziehen.

Und all das könnte dazu führen, dass der bekennende Pullover-Fan Marchionne seine letzte große Präsentation in einem für ihn ungewöhnlichen Outfit hält: Angetan mit einer Krawatte. Er soll einst geschworen haben, eine solche Halsbinde umzulegen, wenn Fiat frei von industrieller Nettoverschuldung sei. Dieses Ziel dürfte er erreicht haben.

Andere Ansagen hat Marchionne dagegen gebrochen. Die Sportwagenmarke Alfa Romeo, so kündigte Marchionne vor vier Jahren, sollte bis 2018 auf jährlich 400.000 verkaufte Fahrzeuge kommen und acht neue Modelle vorstellen. Bislang hat FCA gerade mal zwei neue Alfas auf die Straße gebracht.