Konglomerat in Geldnot Evergrandes geplatzter Traum von der Elektroautomacht

Ex-BMW-Manager Carsten Breitfeld hängt mit Faraday Future drin, ebenso das alte Saab-Werk als Produktionsstätte für das Start-up Sono Motors: Mit dem Schuldenreich des chinesischen Immobilienriesen Evergrande geraten auch globale Pläne mit Elektroautos ins Wanken.
Lang erwartet: Automodell FF91 der Evergrande-Beteiligung Faraday Future auf der Messe CES in Las Vegas 2017

Lang erwartet: Automodell FF91 der Evergrande-Beteiligung Faraday Future auf der Messe CES in Las Vegas 2017

Foto: Jae C. Hong/ AP

Christian von Koenigsegg (49) ist rechtzeitig abgesprungen. Der schwedische Konstrukteur von Supersportwagen hat dem Partner NEVS Anfang September dessen Anteilsmehrheit am Gemeinschaftsunternehmen Meneko abgekauft, die 2019 noch 150 Millionen eingebracht hatte. Jetzt kann Koenigsegg den 1700-PS-Hybriden Gemera selbst bauen, nur ohne die geplanten Komponenten aus dem ehemaligen Saab-Werk Trollhättan, das NEVS gehört.

NEVS ist seit Juli 2020 eine 100-prozentige Tochter der in Hongkong börsennotierten Evergrande New Energy Vehicle Group, und dieser wiederum droht ein Kollateralschaden in der Krise des chinesischen Immobiliengiganten Evergrande. "Bloomberg" berichtet  von ausgefallenen Gehaltszahlungen. Unbezahlte Lieferanten zögen aus den Autofabrikprojekten von Evergrande in Shanghai und Guangzhou wieder ab.

Das Unternehmen selbst warnt vor einem Liquiditätsengpass. Ohne frisches Kapital dürfte es nichts werden mit dem Start der Serienproduktion, der eigentlich für September geplant war und nun auf das Jahresende verschoben wurde. Firmengründer Hui Ka Yan (62) verfolgt wie immer große Ambitionen: 2023 – inzwischen stillschweigend verschoben auf 2025 – sollen eine Million Elektroautos gebaut werden, doppelt so viele wie zuletzt von Marktführer Tesla, 2035 schon fünf Millionen. Ziel: die "größte und mächtigste Neue-Energien-Automobilgruppe der Welt", natürlich zum Wohl Chinas und der Menschheit.

Börsenwert um 97 Prozent geschmolzen

Seit Monaten wuchsen die Spekulationen, Evergrande könne die Autotochter zur Rettung aus seiner Geldnot versilbern. Noch im April war Evergrande Auto an der Hongkonger Börse 87 Milliarden Dollar wert, mehr als etablierte Autokonzerne wie Ford und viermal so viel wie der Mutterkonzern Evergrande selbst. Namhafte Investoren wie Tencent, Sequoia Capital, Didi Chuxing oder der Private-Equity-Fonds Yunfeng von Alibaba-Gründer Jack Ma (57) beteiligten sich. Ma ließ Hui Ka Yan im Sommer 2020 auf einer Privatparty für sein Autoprojekt werben.

Im August meldete Evergrande, mit Investoren über den Verkauf von Anteilen am Autogeschäft zu sprechen. Als Interessenten wurden der ins Autogeschäft expandierende Smartphone-Konzern Xiaomi sowie Nio und Xpeng gehandelt, die beide schon real verkaufte Elektroautos vorweisen können.

Doch nun ist die Frage, ob Evergrande im Autogeschäft überhaupt noch Wert heben kann. Im ersten Halbjahr 2021 verdoppelte sich der gemeldete Verlust auf 4,8 Milliarden Yuan (640 Millionen Euro). Der Aktienkurs  ist noch stärker abgeschmiert als der von Evergrande insgesamt, seit dem Rekordhoch im April beläuft sich das Minus auf 97 Prozent.

Autowerk als Vorwand für billiges Bauland?

Es sieht so aus, als würde der große Traum von der Elektroautomacht platzen. Als Herzstück ist die Marke Hengchi gedacht, die auf der Automesse Shanghai in diesem Jahr gleich 9 von 14 geplanten neuen Modellen präsentierte – aber alles so genannte Mock-ups, also funktionsuntüchtige Attrappen.

Zwei Werke in China sind mehr oder weniger auf die Produktion vorbereitet, aber an weiteren Standorten fanden Reporter von den angekündigten Milliardeninvestitionen nur leere Stahlhüllen. Das "Wall Street Journal"  legt nahe, die Elektroautopläne seien als Vorwand genutzt worden, um billiger an Bauland zu kommen. Die Stadt Nantong beispielsweise habe Wohngrundstücke unter der Bedingung versteigert, dass die Bieter Milliarden in lokale Elektroautoproduktion investierten. Danach war nur Evergrande qualifiziert und konnte riesige Flächen zum Mindestpreis ergattern.

Eine Portion Opportunismus dürfte auf jeden Fall im Spiel sein. Unter dem Namen New Energy Vehicle tritt die Evergrande-Tochter erst seit Juli 2020 auf, zuvor hieß sie Evergrande Health. Als Krankenhausbetreiber und Vermittler von Gesundheitsdiensten verdient das Unternehmen bis heute Geld. Aber Elektroautos schienen die bessere Börsenstory darzustellen.

Hoffnungswert Sono aus München

Seit 2019 hat Evergrande sich Beteiligungen aus der Branche zusammengekauft, außerhalb Chinas sind auch große Namen darunter: etwa das bereits erwähnte chinesisch-schwedische NEVS-Projekt, aus dem sich Gründer Kai Johan Jiang inzwischen zurückgezogen hat, und das auch die Saab-Markenrechte verlor. Die alte Saab-Fabrik Trollhättan hat NEVS aber immer noch, wenn auch mit jüngst auf 350 Leute beinahe halbierter Belegschaft.

Nach dem Ausstieg von Koenigsegg bleibt als Zukunftshoffnung eine Rolle als Auftragsfertiger für das Münchener Start-up Sono Motors. Dessen Kleinwagen Sion begeistert viele in der Elektroautoszene. Aber ob er tatsächlich ab 2023 in Serienproduktion gehen kann, hängt nun am Fortschritt in Trollhättan. Sono und NEVS beteuern immer wieder, der Plan zum Vorserienstart im kommenden Jahr gelte unverändert. Vielleicht klappt es ja ohne Evergrande – NEVS-Chef Stefan Tilk sprach vorige Woche im schwedischen Radio von Gesprächen mit europäischen und amerikanischen Interessenten.

Neue Wendung der Faraday-Future-Geschichte

Noch mehr steht auf dem Spiel mit der US-Firma Faraday Future, vom früheren BMW-i8-Entwickler Carsten Breitfeld (58) geführt und im Juli an die Börse gegangen. Seitdem ist die Marktkapitalisierung moderat gesunken, auf immerhin noch 3,3 Milliarden Dollar. Ein Fünftel davon gehört Evergrande. Im ersten Halbjahr 2022 soll die Produktion des seit sieben Jahren angekündigten Modells FF91 in Kalifornien anlaufen, im kleineren Maßstab als ursprünglich mit neuer Fabrik in Nevada angedacht.

Als Tesla-Jäger kann Breitfelds Firma sich aber immer noch sehen, wenn auch mit riesigem Rückstand. Das ist die wohl das stärkste Verkaufsargument für Evergrande, wenngleich ein Ausstieg aus Faraday Future zum jetzigen Kurs ein Verlustgeschäft wäre.

Die Ironie der Geschichte: Evergrande war 2017 für zwei Milliarden Dollar als Retter in der Geldnot bei Faraday Future eingestiegen, dessen Gründer Jia Yueting bei seinem Umzug aus China einen privaten Schuldenberg hinterließ. Der Großteil des Geldes wurde bei Faraday inzwischen verbrannt, Gründer und Großaktionär zogen gegeneinander vor Gericht. Jetzt ist Jia raus, die Gläubiger sind mit seinem Anteilsverkauf entschädigt und zugleich die Firma wieder flüssig – doch just da steht es schlecht um Evergrande selbst.

Zu Evergrandes Autoreich zählen auch noch Antriebshersteller wie die britische Firma Protean und E-Traction aus den Niederlanden, die beide elektrische Radnabenmotoren entwickeln. Im Berliner Technologiepark Adlershof hält Evergrande die Mehrheit an einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem schwäbischen Autozulieferer Hofer. Von den Firmen Benteler und FEV aus Nordrhein-Westfalen kaufte Evergrande die Rechte am nach eigenen Angaben "weltweit führenden" Design für ein Elektroauto-Fahrgestell.

An der Sportwagenschmiede Koenigsegg behält Evergrande vorerst noch einen 20-prozentigen Anteil. Deren Geschäft ist zwar eher fossil als elektrisch und in der Nische statt im Massenmarkt. Aber den Beteiligungswert von 150 Millionen Euro könnte Evergrande jetzt gut gebrauchen.

ak
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.