Mit Models, Boxern und Formel-1-Stars Wettrennen auf 100 km/h schnellen Elektrorollern

Ex-Box-Weltmeister Anthony Joshua hat ein Team, Formel-1-Pilot Nico Hülkenberg auch. Am kommenden Wochenende beginnt in London eine Rennserie für eScooter. Was sich die Initiatoren dabei gedacht haben.
Rennen im Stehen: Szene eines E-Scooter-Rennens

Rennen im Stehen: Szene eines E-Scooter-Rennens

Foto: PR

Mit bis zu 100 Stundenkilometern auf einem E-Scooter über eine Rennstrecke brettern. Klingt verrückt, ist es sicher auch – und darum vielleicht ein Spektakel, mit dem sich Geld verdienen lässt. An diesem Samstag (14. Mai) steigt in London jedenfalls das erste Rennen der neuen "eSkootr Championship" (eSC). Zehn Teams mit jeweils drei Piloten sollen dabei eine Meisterschaft ausfahren. Das zweite Rennen soll Ende Mai in Sion stattfinden, die genauen Austragungsorte der weiteren vier Stationen in Italien, Spanien, Frankreich und den USA sind noch nicht bekannt.

Die Idee entwickelten Hrag Sarkissian (35) und Khalil Beschir (39), zwei Geschäftsleute und Motorsport-Enthusiasten, bereits im Jahr 2019. Konkreter wurde es wenig später, als die beiden Ex-Formel-1-Piloten Alexander Wurz (48) und Lucas Di Grassi (37) als Investoren dazustießen. Nun folgt die Umsetzung. COO Beschir sagt: "Wir gründen nicht nur eine Rennserie, sondern einen neuen Sport." Natürlich verknüpft mit einem hehren Anspruch: "Was der Motorsport für Autos auf der Straße geschaffen hat, wollen wir mit E-Scootern erreichen. Mehr Sicherheit, bessere Infrastruktur, mehr Nachhaltigkeit – das ist unser Ziel."

Die Gründer wollen der Meisterschaft Festival-Charakter verleihen. In London werden die Piloten noch in einer überschaubaren Location auf einem Privatgelände an den Start gehen. Rund 2500 Zuschauer erwartet Beschir, ein Ticket kostet 10 Pfund (knapp 12 Euro). Zwei Wochen später soll die Rennstrecke in Sion aber bereits durch Teile der Stadt führen und bis zu 10.000 Besucher anlocken. Auf noch deutlich größeres Interesse hoffen die Organisatoren an den Bildschirmen. Mit Sendeanstalten in Europa, den USA und Asien haben sie bereits Deals eingefädelt, darunter unter anderem die BBC und Fox Sport. Im ersten Jahr hofft Beschir auf nicht weniger als 380 Millionen Zuschauer. Größter Geldgeber ist bislang Tamar Capital – hinter der Co-Gründer Sarkissian selbst steht. Genaue Summen sind nicht bekannt.

Um die Serie bekannt zu machen, haben die Initiatoren einige namhafte Team-Besitzer anlocken können. Beispielsweise haben sich Ex-Boxweltmeister Anthony Joshua (32) und Formel-1-Pilot Nico Hülkenberg (34) eingekauft. Für den Glamour-Faktor sorgen auch manche der Profi-Rennfahrer. Jordan Rand (28) ist beispielsweise im Hauptberuf Model, Billy Morgan (33) gewann bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang eine Bronzemedaille als Snowboarder. Vor allem auf den Social-Media-Plattformen dürfte das für ein wenig Aufmerksamkeit sorgen.

Nico Hülkenberg sieht eine "Business-Gelegenheit"

Wie viel ihn der Einstieg in die Meisterschaft gekostet hat, verriet Hülkenberg im Gespräch mit dem manager magazin nicht. Zu seiner Motivation sagte er: "Motorsport und Racing sind meine Passion, mit dem Einstieg in diese Rennserie verändert sich in diesem Fall aber mein Blickwinkel ein Stück weit. Als Teambesitzer betrachte ich nun auch die Business-Gelegenheit hinter dem Projekt." Die Hoffnung: Wenn sich nur genügend Zuschauer für die Rennen interessieren, wird auch ein attraktives Vermarktungsumfeld entstehen. Selbst fahren wird Hülkenberg nicht, in sein Team steckt er aber große Erwartungen. "Es ist ein Wettkampf und dabei will man immer erfolgreich sein. Meine Ambition ist klar, dass mein Team die anderen schlägt."

Neben Tickets wollen die Beschir und die anderen Gründer künftig auch abgespeckte Versionen der Renn-Scooter verkaufen. "Wir wollen Mikromobilität voranbringen und für alle Menschen zugänglich machen." Bislang sind die Höchstgeschwindigkeiten der Roller im Straßenverkehr allerdings gedrosselt – in Deutschland auf maximal 20 km/h.

Bleibt die Frage der Sicherheit. "Wie in anderen Rennserien werden Unfälle passieren – da muss man realistisch bleiben", räumt Beschir ein. "Aber wir sind fest überzeugt, dass keiner davon fatal sein wird. Mit Anthony Davidson haben wir beispielsweise den Entwickler des Halo-Systems in der Formel 1 an Bord. Auch unser Co-Gründer Alexander Wurz steht für Sicherheit im Motorsport." Die Piloten werden Schutzkleidung tragen, zudem sollen die Rennstrecken mit speziellen Sicherheitsvorrichtungen ausgestattet werden.

Als einen der wichtigsten Märkte bezeichnet der COO: Deutschland. Für ein Rennen hierzulande hat es bislang aber noch nicht gereicht. "Wir sind mit mehreren deutschen Städten im Gespräch. Mit Köln hätte es fast schon in diesem Jahr funktioniert." Woran es letztlich scheiterte, verriet Khalil Beschir nicht. Gut vorstellbar aber, dass man in Köln nicht schon wieder Aufsehen mit E-Scootern erregen wollte; im Sommer 2021 stand dort nach zahlreichen Bürgerbeschwerden für kurze Zeit gar ein Verbot der Tretroller im Raum.