Continental-Chef "Es ist möglich, dass wir betriebsbedingt kündigen müssen"

Nach dem "schwächsten Quartal der Autoindustrie seit 1945" macht Conti-Chef Degenhart wenig Hoffnung auf Besserung.
Continental-Chef Elmar Degenhart blickt auf der Online-Hauptversammlung eher mit Skepsis in die Zukunft. Im Zuge des Konzernumbaus und der Neuausrichtung des Autozulieferers will er jährlich 500 Millionen Euro einsparen.

Continental-Chef Elmar Degenhart blickt auf der Online-Hauptversammlung eher mit Skepsis in die Zukunft. Im Zuge des Konzernumbaus und der Neuausrichtung des Autozulieferers will er jährlich 500 Millionen Euro einsparen.

Foto: Marcus Prell/ Continental

Fallende Umsätze, rückläufige Profitabilität: Schon 2019 war ein sehr angespanntes Jahr für den Autozulieferer Continental. Die Corona-Krise hat dem Konzern laut Chef Elmar Degenhart (61) nun "zusätzliche Rückschläge beschert". Das abgelaufene zweite Quartal werde "das historisch schwächste der Autoindustrie seit 1945" sein, auch das laufende dritte Quartal werde "schwierig", sagte Degenhart am Dienstag auf der digitalen Hauptversammlung seines Unternehmens.

Zwar würden wieder mehr Autos gebaut, es seien wohl mehr Erlöse zu erwarten. Aber der Umsatz werde "deutlich unter dem im dritten Quartal 2019 liegen". Genauere Prognosen für das Gesamtjahr 2020 seien noch nicht möglich, betonte Degenhart am Dienstag. Der Vorstandsvorsitzende schätzt, dass die Produktion bei Pkw und leichten Nutzfahrzeuge weltweit von etwa 89 Millionen im Vorjahr auf etwa 70 Millionen im laufenden Jahr einbrechen wird. Conti bekommt dies als Reifenhersteller und Zulieferer unmittelbar zu spüren, will und muss gegensteuern.

Dass Conti seinen ohnehin bestehenden Sparkurs im Zuge der Krise noch einmal verschärfen will, hatte sich bereits vor einem Monat angedeutet. Dass Konzernchef Elmar Degenhart (61) auf der Online-Hauptversammlung ein eher graues Bild von der Zukunft zeichnen würde, konnten Interessierte schon vor wenigen Tagen nachlesen, denn der Conti-Chef hatte seine Rede bereits vorab  veröffentlicht.

Investitionen runter, Kosten senken - Conti will jährlich 500 Millionen Euro einsparen

Zum Gegensteuern sollen auch die Aktionäre ihren Teil beitragen. So schlägt Continental für das abgelaufenen Geschäftsjahr eine Dividende von drei Euro vor, das sind 1,75 Euro weniger als im Vorjahr. Um für ausreichend Liquidität zu sorgen, will der Zulieferer seine Investitionen gegenüber dem Vorjahr um ein Fünftel senken. Zugleich werde der seit 2019 laufende Umbau fortgesetzt - Degenhart will so jährlich bis zu 500 Millionen Euro einsparen.

Dazu hat der Aufsichtsrat die Schließung zweier Werke beschlossen. Es geht um die Standorte in Rubi (Spanien) und Nogales (Mexiko), wie der Dax -Konzern in Hannover mitteilte. In Spanien sei die Suche nach Investoren bisher ergebnislos geblieben, die dortige Produktion von Anzeige- und Bedientechnik soll schrittweise bis 2021 auslaufen oder an andere Standorte in Europa verlagert werden. Für die 740 Beschäftigten sei mit den Arbeitnehmern eine Vereinbarung getroffen worden. Im mexikanischen Nogales wird die Fertigung von Vernetzungstechnik und Antriebskomponenten bis voraussichtlich 2024 auslaufen und teilweise auf andere Standorte in der Region verteilt. Bisher sind dort 2000 Mitarbeiter beschäftigt. Erhöhter Kostendruck mache es notwendig, Produktion in der Region zusammenzulegen, hieß es.

Zudem will Continental ab 2024 die Produktion und Entwicklung von Hochdruckpumpen für Benzin- und Dieselmotoren in Deutschland einstellen. Ab diesem Zeitpunkt werde das Unternehmen in den USA auch die Produktion von Injektoren für Benzinmotoren aufgeben, in Westeuropa werde das ab 2028 der Fall sein. In Deutschland sei die Produktion von Anzeige- und Bedienelementen "nicht mehr wettbewerbsfähig" - Continental will sie laut Degenhart bis Ende 2025 aufgeben. Zudem werde der Konzern in den USA und Westeuropa zwei Standorte für hydraulische Bremssysteme schließen.

"Den Bereich Automotive Technologies haben wir neu aufgestellt. Sein Elektronikanteil ist der höchste in der Industrie", hob Degenhart während der Hauptversammlung weiter hervor. Die Agenda bis 2029 zeigt: Continental will das Geschäft mit der Elektromobilität stärken und zugleich die Produktion von Komponenten für Verbrennungsmotoren weiter abbauen.

Betriebsbedingte Kündigungen für Degenhart "nur das letzte Mittel"

Im Zuge des laufenden Umbaus hat Continental bis jetzt 3000 Arbeitsplätze "weltweit verändert", insgesamt dürften nach früheren Planungen bis 2029 mindestens 20.000 der insgesamt 240.000 weltweiten Jobs von den Veränderungen betroffen sein. Dass der Konzernchef von "veränderten" Arbeitsplätzen spricht und nicht konkret von "Stellenabbau", dürfte Betriebsräte und Gewerkschaften nicht wirklich beruhigen.

Denn 2000 Menschen haben im Zuge des im vergangenen Jahr in Gang gesetzten Programms das Unternehmen bis jetzt verlassen. Und Degenhart machte am Dienstag zugleich auch klar: "Es ist möglich, dass wir betriebsbedingt kündigen müssen. Aber: Das ist für uns nur das letzte Mittel." Das Programm "Transformation 2019-2029" laufe weiter. Die Krise ändere nichts daran, so Degenhart.

Die Reaktion der Vize-Vorsitzenden der IG Metall, Christiane Benner, ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Die Vize-Aufsichtsratschefin von Continental forderte von Degenhart eine Strategie ein, die Beschäftigung bestmöglich sichere. "Der Dreisatz, aus einem Umsatzrückgang einen entsprechenden Personalabbau zu berechnen, ist definitiv zu kurz gesprungen", sagte Benner laut der Nachrichtenagentur Reuters.

rei
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