Widerspruch zum Selfmade-Image Das Staatshilfe-Imperium des Elon Musk

Patriotischer Auftritt: Elon Musk verkündet Raketenpläne seiner Firma SpaceX 2011

Patriotischer Auftritt: Elon Musk verkündet Raketenpläne seiner Firma SpaceX 2011

Foto: Brendan Smialowski/ Getty Images

Elon Musk hat viele Fans. Rund 100 von ihnen planen für Mitte Juni sogar eine Demo in Berlin. Der Autokorso aus Limousinen des Tesla-Modells S soll Bundeskanzlerin Angela Merkel vor ihrer Rede auf einem Kongress zur Elektromobilität darauf hinweisen, "dass 100 Prozent elektrische Mobilität auch auf der Langstrecke ohne Subventionen heute schon möglich ist".

Diese Botschaft liegt auch Tesla-Chef Musk am Herzen. So sehr, dass der Visionär und Tausendsassa sich seit dem Wochenende mehrfach  öffentlich meldete , um zu beteuern, dass Staatshilfe in seinem unternehmerischen Kalkül keine große Rolle spiele. "Hätte ich es auf Subventionen abgesehen, wäre ich in die Öl- und Gasindustrie gegangen", sagte er der "Los Angeles Times". Dort sei "1000-mal" so viel zu holen wie im Geschäft mit Erneuerbaren Energien, bezog er sich auf eine IWF-Statistik über sämtliche Energiesubventionen weltweit.

Die Zeitung aus seiner Heimatstadt hatte es zuvor gewagt, die Beihilfen zusammenzählen, die Musks Firmen Tesla , SpaceX und Solarcity bisher zugutekamen. Die "LA Times" kam so  auf eine Summe von 4,9 Milliarden Dollar:

  • allein 1,3 Milliarden Beihilfe des Bundesstaats Nevada für den Bau der Giga-Batteriefabrik, gewährt nach einem bizarren Subventions-Wettbewerb, in dem Musk verschiedene Standorte gegeneinander antreten ließ
  • ebenfalls eine Milliardensumme an Baukosten und Steuerrabatt vom Staat New York für die nächste Gigafabrik, mit der Solarcity bisher aus Asien bezogene Solarzellen im großen Stil selbst fertigen will - und dem Staat einen Dollar pro Jahr Miete zahlen
  • vergleichsweise bescheidene 20 Millionen Dollar aus Texas für den Bau eines Raketenstartplatzes von SpaceX
  • Staatliche Starthilfekredite von jeweils einer halben Milliarde Dollar für Solarcity und Tesla (letzterer längst getilgt)
  • geschätzte 1,5 Milliarden Dollar, die Solarcity über die staatlichen Beihilfen und Steuerrabatte für die Käufer von Solarmodulen zugutekommen
  • ähnliche Absatzhilfen von mehr als 300 Millionen Dollar für Elektroautos, vor allem in den USA, aber auch in Ländern wie Norwegen (nicht in Deutschland, wo Tesla sich bislang schwertut)
  • auch für das neueste Geschäftsfeld der Batterien als Stromspeicher für Hausbesitzer oder Firmen bereits gewährte 126 Millionen Dollar Beihilfe von Kalifornien

Die wirklich wichtige Staatshilfe steht gar nicht auf der Rechnung

Nicht enthalten ist beispielsweise die günstige Arbeitskraft von Gefängnisinsassen, mit der Solarcity den deutschen Wettbewerber Solarworld  für einen Staatsauftrag in Oregon ausstach - Teil eines Politskandals , der den dortigen langjährigen Gouverneur das Amt kostete.

Nicht als Subvention wertet die "LA Times" auch die rund 5,5 Milliarden Dollar Staatsaufträge von Nasa und US-Luftwaffe an SpaceX, obwohl diese Behördenentscheidungen durchaus das Überleben der Firmen gerettet zu haben scheinen. Der jüngst erschienenen Musk-Biografie ist zu entnehmen, wie erleichtert der mit hohem Risiko agierende Unternehmer zu Weihnachten 2008 war, als die Nasa überraschend 1,6 Milliarden Dollar für SpaceX gewährte - nachdem sie Musk kurz zuvor erlaubt hatte, zur Rettung von Tesla Geld von SpaceX zu leihen.

Für den Durchbruch zum Erfolg sorgte neben den eigenen technischen und Marketing-Leistungen vor allem der dann gewährte Staatskredit, der zusammen mit einer Beteiligung von Daimler die Sicherheit bot, um andere private Investoren zu dem inzwischen trotz anhaltender Verluste an der Börse  mit 30 Milliarden Dollar bewerteten Unternehmen zu locken.

An den Zahlen der "LA Times" nimmt Musk keinen Anstoß, wohl aber an der Interpretation. Die staatlichen Beiträge seinen "hilfreich, aber nicht notwendig", um seinen Geschäftserfolg zu beschleunigen.

Die Zeitung dagegen zitiert den (an der Börse gegen Tesla wettenden) Hedgefondsmanager Mark Spiegel: "Ohne Staatshilfe gäbe es keines der drei Unternehmen." Und den Jefferies-Analysten Dan Dolev, der große Stücke auf Tesla und Musk hält, doch sagt: "Er geht definitiv da hin, wo es Staatsgeld gibt. Das ist eine großartige Strategie, aber irgendwann nabelt die Regierung dich ab."

Sowohl Musk als auch Dolev sind optimistisch, dass die Firmen rechtzeitig profitabel sein werden, um das Auslaufen von Subventionen zu verkraften - und auch alle anderen Probleme auszuräumen.

Tesla als "Verlierer"? Da geht es ums Ego

Doch die Aufregung wäre längst nicht so groß, wenn es nur um die richtige Unternehmensstrategie ginge. In den politisch polarisierten USA ist Industriepolitik auch eine Frage des Glaubensbekenntnisses. Der ultrakonservative Radio-Talker Rush Limbaugh griff die Meldung auf und pöbelte  über "sozialistische Kumpanei" für "Obamas New-Age-Zeug": "Wenn du mir fünf Milliarden Dollar gibst und damit irgendwas machen lässt, garantiere ich dir, dass ich auch eine Menge Leute glauben machen kann, ich sei ein Genie."

Das erinnert an den Präsidentschaftswahlkampf 2012, als der republikanische Kandidat Mitt Romney Tesla als "Verlierer" bezeichnete, in einem Satz mit den Pleitefirmen Solyndra und (Musks Intimfeind) Fisker, die vom selben - insgesamt erfolgreichen - staatlichen Kreditprogramm gefördert wurden.

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Exklusive Privatbilder des Tesla-Chefs: Die wichtigsten Stationen in Elon Musks Leben

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PATRICK T. FALLON/ REUTERS

Da geht es ums Ego, und das von Musk bietet ziemlich viel Angriffsfläche. Wie andere Silicon-Valley-Milliardäre auch, betont er oft, wie sehr er selbst für seinen Reichtum gesorgt habe. Mehrere Tweets folgen dem Tenor, "null Staatsgeld" sei für seinen Erfolg verantwortlich. Musk stellt sich politisch als Mann der Mitte dar, gesellschaftspolitisch liberal aber fiskalisch konservativ.

Da passt auch die frohe Botschaft der angesagten Ökonomin Mariana Mazzucato schlecht. Ihr zufolge sind alle großen Innovationen und unternehmerischen Erfolgsgeschichten wie Apple  oder Google  Ergebnisse staatlicher Interventionen. Der Staat, der ohnehin die halbe Wirtschaft ausmacht (in den USA 37 Prozent), sei der ultimative Risikoinvestor.

So ließe sich die Musk-Story gut erklären. Aber dann hätte Musk persönlich eine nicht ganz so große Rolle darin.

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