Montag, 9. Dezember 2019

Ikonen der Wirtschaft Elon Musk und die Ökonomie der Stars

Star der Wirtschaftswelt: Tesla-Chef Elon Musk
Richard Drew / AP
Star der Wirtschaftswelt: Tesla-Chef Elon Musk

Moderne Gesellschaften leben nicht nur von ehrlicher Arbeit, sondern auch von Inspiration. Der Rummel, der sich um Figuren wie Tesla-Gründer Elon Musk abspielt, ist deshalb nicht unbedingt schlecht. Haben wir Deutsche ein Star-Defizit?

Eigentlich haben Stars in der Wirtschaft nichts zu suchen. Unternehmer und Manager sollen ihre Arbeit machen. Und das heißt: nützliche Produkte anbieten, ordentlich bezahlte Jobs schaffen, Mitarbeiter fair behandeln und die Umwelt in Frieden lassen. Für Showmen sollte da kein Platz sein.

Tatsächlich tun sich die Deutschen nicht leicht mit einheimischen Stars, jedenfalls nicht in der Wirtschaft und in der Politik. Dafür bejubeln sie ausländische Ikonen umso frenetischer. Diese Woche war das wieder mal zu beobachten: Dass Tesla-Chef Elon Musk das Berliner Umland als neuen Standort für den Bau und die Entwicklung seiner Stromautos erkoren hat, war die Wirtschafts-Topnews der abgelaufenen Woche.

Stars in Wirtschaft und Politik sind ein verbreitetes Phänomen moderner Gesellschaften. Offenkundig erfüllen Leute wie Musk Bedürfnisse und Bedarfe, die ansonsten unbefriedigt bleiben. Dass es einen Trend zu derlei Personenkult gibt - in der Wirtschaft, mehr noch in der Politik -, ist deshalb nicht unbedingt schlecht. Deutschland allerdings scheint dagegen ziemlich immun zu sein. Haben wir ein Star-Defizit?

Kapitalismus ohne Kapital

In gewisser Weise ist die moderne Wirtschaft auf Stars angewiesen. Denn Wertschöpfung basiert mehr und mehr auf immateriellen Vermögenswerten: auf firmenspezifischem Wissen, Image, Organisationsstrukturen und dergleichen. Im klassischen Kapitalismus hingegen ging es primär um den Auf- und Ausbau von physischem Kapital: Fabriken, Gebäude, Straßen. Diese Vermögensgüter lassen sich relativ leicht finanzieren: Sie dienen Banken und anderen Gläubigern als Sicherheiten, sollte ein Unternehmen pleite gehen. Klassisches physisches Kapital lässt sich beleihen und damit über Kredite finanzieren.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Inzwischen aber sind wir auf dem Weg zu einem "Kapitalismus ohne Kapital", wie die britischen Ökonomen Jonathan Haskel und Stian Westlake in ihrem gleichnamigen Buch darlegen. Und die neuen Formen des "immateriellen" Kapitals lassen sich nicht so einfach finanzieren, weil sie nicht als Sicherheiten verwertbar sind; eine Maschine oder ein Gebäude lassen sich von der Bank weiterverkaufen - Ideen, Wissen oder firmenspezifische Softwarelösungen nur sehr bedingt.

Innovative Unternehmen haben deshalb ein strukturelles Finanzierungsproblem. Es lässt sich lösen, wenn sie Kapitalgeber davon überzeugen können, sich mit Eigenkapital zu beteiligen statt Kredite zu geben. Im Erfolgsfall allerdings können solche Unternehmen sehr wertvoll werden. Apple Börsen-Chart zeigen, die Google-Mutter Alphabet Börsen-Chart zeigen und nun auch Tesla Börsen-Chart zeigen sind viel mehr wert als die physischen Vermögenswerte, die in ihren Bilanzen stehen.

Dass Musks E-Auto-Unternehmen inzwischen zu den wertvollsten Autokonzernen der Welt gehört, obwohl es doch bislang nur ein verlustreicher Zwerg ist unter profitablen Giganten wie Volkswagen Börsen-Chart zeigen, General Motors Börsen-Chart zeigen und Toyota Börsen-Chart zeigen, lässt sich nicht durch physische Vermögenswerte in der Bilanz rechtfertigen. (Nach Analystenberechnungen verbrannte das Unternehmen zeitweise 480 000 US-Dollar - pro Stunde.) Vielmehr hat es der Gründer geschafft, ein neues Geschäftsmodell rund ums Auto zu propagieren und jede Menge Anleger davon zu überzeugen. So konnte Musk viele, viele Milliarden Dollar auf seine gigantische Wette setzen und forsch expandieren, nun auch nach Deutschland.

Starstatus zahlt sich aus. Natürlich kann die Sache schiefgehen. Aber wenn es gut läuft, können eben auch Innovationssprünge dabei herauskommen.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Weise") kommt in seinem aktuellen Jahresgutachten zu dem Ergebnis, dass Deutschland deutlich weniger in immaterielle Produktionsfaktoren investiert als die USA, Frankreich oder Großbritannien. Wir hängen, so gesehen, in der alten Form des Kapitalismus fest, während andere mit großem Tempo in Richtung Zukunft rennen. Ein paar Stars à la Musk würden uns vermutlich ganz guttun.

Risiko des Ruhms

In der Figur des Stars lassen sich verschiedene Probleme moderner Gesellschaften überbrücken. Stars kanalisieren öffentliche Aufmerksamkeit, ein knappes Gut in Zeiten hypermediatisierter Öffentlichkeiten. Sie reduzieren Komplexität in einer Welt, die viele Bürger als überkomplex, undurchschaubar und unsicher empfinden. Komplizierte Fragen lassen sich so auf einzelne Personen projizieren, zu denen man eine emotionale Beziehung eingeht und Vertrauen aufbaut.

Diese Eigenschaften sind nicht nur in der Wirtschaft von Vorteil. Auch in der Politik erleben wir seit den einigen Jahren den Aufstieg von Akteuren, die sich als Stars inszenieren. Es sind nicht nur Populisten wie der Brexiteer Boris Johnson und sein ultralinker Herausforderer Jeremy Corbyn (achten Sie Dienstag auf das Fernsehduell der beiden), sondern auch Zentristen wie Emmanuel Macron in Frankreich oder Opportunisten wie Sebastian Kurz (der die ÖVP kurzerhand in "Liste Sebastian Kurz" umtaufen ließ).

Einem Star bedingungslos zu folgen, kann auch schiefgehen, wie sich dieser Tage an US-Präsident Donald Trump zeigt, der bezeichnender Weise als Realty-TV-Persona ("The Apprentice") bekannt wurde. Nun kommen in den Impeachment-Anhörungen täglich neue haarsträubende Details über sein Amtsverständnis heraus.

Trump löste einen anderen Star, Barack Obama, ab. Dass unter den demokratischen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl kommendes Jahr kein neuer Obama ist, sorgt unter Anhängern der Demokraten - und anderen Trump-Gegnern - für einigen Frust (Donnerstag findet die nächste TV-Debatte der Vorwahlkandidaten statt).

Nicht-Stars, Quasi-Stars und rauchenden Orakel

In Deutschland jedoch ist Startum außerhalb von Sport und Entertainment nicht sonderlich verbreitet. Weder in der Wirtschaft noch in der Politik drängeln sich strahlende Spitzenfiguren im Scheinwerferlicht. Ob das am Angebot (zu wenige schillernde Führungspersönlichkeiten) oder an der Nachfrage (Skepsis beim Publikum) liegt, ist eine offene Frage.

SAP-Gründer Hasso Plattner hätte Starpotenzial gehabt, hält sich aber als öffentliche Figur zurück. Der frühere Daimler-Chef Dieter Zetsche pflegte immerhin ein gewisses Maß an Selbstinszenierung, ebenso Josef Ackermann, der dann aber ohne ökonomische Ehren die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen verlassen musste. Und wer erinnert sich eigentlich noch an Wendelin Wiedeking, Ron Sommer, Jürgen Schrempp, Thomas Middelhoff - Highflyer einer vergangenen Ära.

Wie die Wirtschaft, so ist auch die deutsche Politik eher geprägt vom Typus des ehrlichen Arbeiters als vom strahlenden Hoffnungsträger. Es könnte soweit kommen, dass sich Annegret Kramp-Karrenbauer und Olaf Scholz im nächsten Bundestagswahlkampf als Spitzenkandidaten gegenüberstehen - zwei emotional stark heruntergedimmte Nicht-Stars. Ob so viel Zurückhaltung der Demokratie zuträglich wäre, ist indes fraglich; Wahlkämpfe sollten schließlich Gesellschaften mobilisieren und nicht einschläfern. Sicher, es gibt ein paar Proto-Stars in der deutschen Politik, etwa Robert Habeck von den Grünen (die in Umfragen wieder an Unterstützung verlieren).

Wenn man Stars daran erkennt, dass sie Fans haben, dann ist Friedrich Merz ein Kandidat für diese Rolle (achten Sie auf den CDU-Parteitag Freitag und Samstag). Immerhin sind ihm Teile der Partei über die langen Jahre seiner Parteiabstinenz treu geblieben.

Öffentlichen Figuren hingegen, die einen gewissen Glanz verströmen - wie Ursula von der Leyen oder die neue EZB-Chefin Christine Lagarde - haben hierzulande Schwierigkeiten, eine Anhängerschaft hinter sich zu bringen. Die Deutschen sind immer noch Star-Skeptiker. Was einerseits den Vorteil hat, dass es auch an den politischen Rändern keine Menschenfänger gibt, die über ihre eigene Klientel hinausreichten. Schlechtgelaunte populistische Hetzer (und Hetzerinnen) taugen nicht zu Startum.

Andererseits mangelt es an Inspiratoren: an (im guten Sinne) mitreißenden Persönlichkeiten, die Wirtschaft und Gesellschaft voranbringen könnten.

Immerhin: Wer lange genug dabei ist, hat auch hierzulande Chancen, irgendwann Kult zu werden. Lange Jahre in der Öffentlichkeit lassen manchen Technokraten zum Altstar reifen. Wolfgang Schäuble, Angela Merkel oder Sigmar Gabriel sind auf dem Weg dorthin. Die Rolle, die einst Helmut Schmidt - das rauchende Orakel von Langenhorn -, innehatte, bleibt einstweilen unbesetzt.

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