Erzkapitalist statt visionärer "Iron Man" Wie die Corona-Krise Elon Musk entzaubert

Tesla-Chef Elon Musk bei einer Veranstaltung am 9. März 2020

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Unlängst hat Tesla-Chef Elon Musk mal wieder einen rausgehauen - auf seinem Lieblings-Kampfmedium Twitter , natürlich: "Wenn irgendwer verhaftet wird, dann bitte ich darum, dass es nur ich bin", schrieb der 48-jährige Milliardär und Multiunternehmer am Montag. In dem Tweet  kündigte er an, dass Tesla sein Hauptwerk in Fremont ab sofort wieder hochfahren wolle - gegen die ausdrücklichen Auflagen der kalifornischen Behörden, die erst ab kommenden Montag die strengen Corona-Beschränkungen etwas lockern wollen.

Musk erhielt für seine Rebellenpose zwar via Twitter Unterstützung von US-Präsident Donald Trump, bei dem er sich dafür - auch das ein Novum - artig per öffentlicher Kurznachricht bedankte. Selbst US-Finanzminister Steven Mnuchin sprang Musk in einem TV-Interview bei. Tesla sei einer der größten Arbeitgeber und Hersteller in Kalifornien. Kalifornien solle die Lösung der Gesundheitsaspekte priorisieren, damit Tesla "schnell und sicher" sein Werk wieder öffnen könne, diktierte Mnuchin dem Fernsehsender CNBC in die Kameras.

Alleine, die Appelle verfingen nicht. Denn die kalifornischen Behörden, die mit der Trump-Administration ohnedies wegen der Lockerung der Verbrauchsvorgaben für Verbrennerautos im Clinch liegen, schalteten auf stur. Ab kommender Woche, teilte das Gesundheitsamt im Bezirk Alameda County trocken mit, dürfe Tesla die Produktion erst hochfahren, in dieser Woche seien gerade mal vorbereitende Maßnahmen dafür erlaubt.

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Musk verteidigte sein Vorpreschen zwar damit, dass Tesla  von einem kalifornischen Beamten seiner Meinung nach benachteiligt wurde - trotz umfassender Planung für Mindestabstände und Hygienemaßnahmen. Doch das neue Startdatum 18. Mai ist alles andere als eine Ausnahme: An diesen Tag fahren auch die Autoriesen General Motors  und Fiat Chrysler  ihre Werke wieder vorsichtig hoch - wie sie es im übrigen schon vor Wochen mit den Behörden vereinbart haben.

Zuckerbrot und Peitsche für die Angestellten

Musk hat sich mit seiner trotziges-Kind-Haltung samt seiner Drohungen, den Tesla-Hauptsitz von Kalifornien nach Texas oder Nevada zu verlagern, also eine ziemlich eindeutige Klatsche eingefangen. Eine Sonderbehandlung gibt es für ihn nicht.

Leiden müssen darunter aber auch die Tesla-Mitarbeiter. Wie der Guardian berichtet , teilte Tesla zwar seinen Mitarbeitern via E-Mail mit, dass sie nicht zur Arbeit kommen müssen, wenn sie sich "damit nicht wohl fühlen". Zugleich stellte Tesla aber auch klar: Wer sich dafür entscheide, sich nicht zur Arbeit zurückzumelden, könnte seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld "eliminieren oder herabsetzen". Das sei aber abhängig von der Arbeitsagentur des jeweiligen Bundesstaates.

Das fassen Mitarbeiter laut dem Guardian nicht ganz unzutreffend als "Einschüchterungs- und Bedrohungstaktiken" auf. Einen Preis für den besten Arbeitgeber gewinnt Musk mit diesem Vorgehen damit sicherlich nicht.


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Investoren dürften dennoch - trotz des aktuell hohen Aktienkurses - aufmerken. Zumal Musk sich auch in der Vergangenheit bereits mit Behörden anlegte und dabei nicht als Sieger vom Platz ging.

Sein monatelanger Streit mit der US-Börsenaufsicht SEC um den Doch-nicht-Rückzug von der Börse, den er via Twitter verkündete, mündete in einer persönlichen Strafzahlung von 20 Millionen Dollar. Ende 2018 musste Musk auch seinen Posten im Tesla-Verwaltungsrat aufgeben. Zudem bekam er auch einen Aufpasser für seinen Twitter-Account aufgebrummt, damit er künftig nichts Kursbewegendes mehr posten kann. Allzu effektiv scheint die Kontrolle aber nicht zu sein, wie sich nun mal wieder zeigt.

Logarithmus-Liebhaber - und Coronavirus-Gefahren-Kleinredner

Und dann sind da noch seine Einlassungen zur Coronavirus-Pandemie bei Twitter. Noch im Februar 2018 stellte sich Musk via Kurznachricht als großer Welten- und Mathematikversteher dar. "Love Logarithms", twitterte er einst.

Seit der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus sind logarithmische Kurven fast schon Allgemeingut. Bloß Musk ignorierte das Offensichtliche öffentlich und lange, um das Tesla-Hauptwerk in Fremont möglichst lange offenhalten zu können.

Noch am 6. März etwa twitterte Musk, dass die "Coronavirus-Panik dämlich ist". In einem Tweet von Dienstagmorgen, dem 17.03., stellte Musk dann fest, dass die Gefahr einer Panik seiner Meinung nach bei Weitem die Gefahren einer Coronavirus-Infektion übertreffe. "Wenn wir übermäßig viele medizinische Ressourcen für Corona aufwenden, geschieht das zu Lasten der Behandlung anderer Krankheiten", schlussfolgerte Musk.

Visionärer Unternehmer - oder doch Kapitalist alter Prägung?

Zudem legte er seinen Followern noch Links zu künftigen möglichen Behandlungsmöglichkeiten von Covid19-Infektionen nahe. Später pries er Medikamente zur Behandlung von Covid19-Lungenerkrankungen an, deren Wirkung längst noch nicht erwiesen ist.

Mit dem Kleinreden der Coronavirus-Gefahren gelang es Musk zwar, sein Werk in Fremont ein paar Tage länger als andere Autobauer im US-Shutdown offenzuhalten. Und jetzt kann er immerhin ein paar Tage früher Vorbereitungen für das Wiederanfahren treffen.

Allerdings: Sein auch von ihm selbst gepflegter Nimbus des Visionärs und Vorbild für "Tony Stark", der genialen Hauptfigur der Actionfilmreihe "Iron Man", zerbröckelt so zusehends.

Musk wird sich bald den Vorwurf anhören müssen, dass er ein beinharter Firmenboss sei, der sich um die Gesundheit und das Wohlergehen seiner Mitarbeiter in Krisenzeiten nur bedingt sorgt.

Ein großer Teil von Teslas Verkaufserfolg beruht auch darauf, dass Musk selbst immer wieder erklärt, mit seinen Autos die Wende zu nachhaltiger Mobilität einzuleiten - und das weltweit. Ob ihm diese Weltverbesserer-Attitüde von seinen Kunden künftig noch so abgenommen wird, muss sich noch weisen.

Denn in der Corona-Krise wirkt Musk nicht mehr wie eine visionäre Lichtgestalt - sondern wie ein skrupelloser Kapitalist vom ganz, ganz alten Schlag.

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