Auto- und Akkuwerk in Brandenburg Sechs Antworten zu Teslas deutschem Riesenwerk

Tesla-"Gigafactory" in Shanghai: Das in 8 Monaten errichtete Werk dient als Vorbild für Teslas deutsche Pläne

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Tesla kommt nach Grünheide: Brandenburgs heikle Geschichte mit Großprojekten

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Er kam persönlich nach Deutschland, nahm das "goldene Lenkrad" für sein Model 3 entgegen und überraschte mit einer Ankündigung: Laut Tesla-Chef Elon Musk baut der US-Elektroautohersteller sein seit Jahren geplantes europäisches Batterie- und Autowerk in Deutschland. Eine europäische "Gigafactory", wie Tesla seine Fabriken ganz unbescheiden bezeichnet, stellt Tesla bereits seit 2017 in Aussicht. Seit langem läuft dazu bereits ein europaweiter Standortwettbewerb. Die Bekanntgabe seiner Standortentscheidung hat Tesla aber mehrfach verschoben, und das auch mit den Anlaufproblemen seiner Model-3-Fertigung begründet.

Nun ist die Entscheidung gefallen - und Tesla  erhält dafür kräftigen Beifall von deutschen Politikern . Manche hoffen gar auf tausende neue Arbeitsplätze in Brandenburg. Dabei sind wichtige Details - etwa zur Größe des Werks und seiner Finanzierung - noch völlig unklar. Die sechs wichtigsten Fragen und Antworten zur Brandenburger Tesla-Fabrik.

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Von Tesla-Seite aus nur sehr wenige. Musks Auftritt bei der Preisverleihung dauerte nur wenige Minuten, zu Details äußerte er sich weder auf der Veranstaltung noch via Twitter. Immerhin den Ort grenzte er klar ein: Die Tesla-Fabrik solle nahe des neuen Berliner Flughafens in Brandenburg stehen - und sie müsse "definitiv schneller fertig" werden als der Airport, scherzte er. Zudem will Tesla  in Berlin auch ein Ingenieurs- und Designzentrum ansiedeln, erklärte Musk auf der Bühne.

Für seine Fabrik wird Tesla laut dem brandenburgischen Wirtschaftsminister Jörg Steinbach ein 300 Hektar großes Gelände in Grünheide nutzen, das vor mehr als einem Jahrzehnt schon mal für ein BMW-Werk im Gespräch war. Anders als bei Teslas erster "Gigafactory" sollen in der deutschen Fabrik nicht nur Batteriezellen, sondern komplette Fahrzeuge gefertigt werden. Laut einem Tweet von Musk soll die deutsche Fabrik mit der Produktion des kompakten Model Y beginnen. Dessen Marktstart ist in den USA für Herbst 2020 vorgesehen, die günstigere "Standard Range"-Basisversion soll ab Anfang 2021 produziert werden.

Laut Steinbach sollen die Bauarbeiten bereits im ersten Quartal 2020 losgehen, Tesla müsse dafür "mit Rekordgeschwindigkeit" Unterlagen einreichen. Produktionsstart des Werks soll bereits 2021 sein. Die Investitionen dafür liegen laut Landesregierung in mehrfacher Milliardenhöhe.

Dass Tesla ein neues Werk sehr schnell hochziehen kann, zeigte das Unternehmen in China: Die Grundsteinlegung für Teslas "Gigafactory" nahe Shanghai erfolgte Anfang Januar dieses Jahres, vor wenigen Tagen ist die Probefertigung der ersten Tesla-Autos in dem Werk angelaufen. Ein solches Bautempo dürfte aber in Deutschland schwieriger sein. Denn Arbeitskräfte sind hierzulande teurer und schlicht nicht in so großer Zahl verfügbar wie in China.

Was genau ist "Giga" an Teslas Fabriken?

Die Bezeichung "Gigafactory" hat Tesla ganz bewusst gewählt - denn schon ihr erstes Batteriewerk, die "Gigafactory 1" in Nevada, sollte alle anderen Lithium-Ionen-Zellproduktionsstätten übertrumpfen. Nicht nur bei der schieren Grundfläche von 540.000 Quadratmetern, sondern auch beim Output von Lithium-Ionen-Zellen: Der soll im Endausbau, der ursprünglich für Ende 2020 vorgesehen war, bei 35 GWh jährlich liegen - genug für 500.000 Elektroauto-Akkupacks pro Jahr. Das allein, so hieß es bei der Vorstellung der Pläne vor fünf Jahren, würde der gesamten weltweiten Lithium-Ionen-Zellenproduktion des Jahres 2013 entsprechen.

Ihre volle vorgesehene Produktionskapazität hat die Gigafactory 1 aber wohl noch nicht erreicht. Es gab auch einige Unstimmigkeiten zwischen Tesla und seinem Zellenherstellungs-Partner Panasonic hinsichtlich der Produktivität der bereits installierten Anlagen. Teslas "Gigafactory 2" genanntes Werk in Buffalo, New York stellt vorwiegend Solarziegel und Photovoltaik-Module her.

Für die neue "Gigafactory 3" in Shanghai hat Tesla bislang nur Zahlen zu den dort vorgesehenen Auto-Produktionskapazitäten genannt: In Phase 1 sollen jährlich 250.000 Fahrzeuge vom Band laufen, in voller Ausbaustufe dann doppelt so viele. Die benötigten Akkus dafür will Tesla selbst im Werk herstellen, hat dafür aber keine Gigawattzahlen genannt.

Weniger "giga" sind Teslas neue Werke bislang allerdings bei der Zahl der Beschäftigten. Die Gigafactory 1 kommt auf rund 6500 Arbeitsplätze nur für die Batteriefertigung, im Shanghaier Batterie- und Autowerk sollen es zwischen 7000 und 8000 Mitarbeiter werden. In Grünheide sollen laut brandenburgischer Landesregierung zunächst rund 3000 Arbeitsplätze entstehen, im Endausbau sollen es bis zu 8000 werden. Tesla will bei Berlin Batteriezellen, Antriebsstränge und bis zu 500.000 Autos pro Jahr fertigen.

Zum Vergleich: Der Stammsitz von Volkswagen in Wolfsburg, eine der größten Autofabriken weltweit, kommt auf 55.400 Mitarbeiter. Nur ein Teil davon ist direkt in der Autoproduktion tätig. Doch in Wolfsburg laufen jährlich rund 800.000 Fahrzeuge von den Bändern. In BMWs Werk in Regensburg arbeiten rund 9000 Mitarbeiter, die im vergangenen Jahr 320.000 Fahrzeuge gebaut haben.

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Aktuell produziert Tesla in seiner Gigafactory 1 tatsächlich einen substanziellen Teil aller weltweit hergestellten Lithium-Ionen-Zellen. Die in Nevada gefertigten Zellen kommen ausschließlich in Tesla-Fahrzeugen zum Einsatz. Deutsche Hersteller kaufen die Zellen für ihre Elektroautos von asiatischen Herstellern zu, vorwiegend von den koreanischen Anbietern LG Chem und Samsung SDI sowie von Chinas CATL.

Die Faustregel, dass Tesla alleine angeblich gut die Hälfte aller weltweit produzierten Zellen herstellt, dürfte sich aber sehr bald ändern. Der Volkswagen-Konzern alleine beziffert seinen jährlichen Batteriezellenbedarf bis 2025 auf jährlich 150 GWh in Europa und auf noch einmal so viel in Asien. Das wären rechnerisch gut neun Gigafactories.

Kein Wunder, dass in ganz Europa nun Batteriezellenfabriken entstehen. Zum einen fördert die deutsche Bundesregierung die Errichtung von Zellenwerken, zwei Verbünde haben sich bereits formiert. Zum anderen bauen asiatische Lithium-Ionen-Zellenspezialisten eigene europäische Werke. Der chinesische Anbieter CATL plant ein großes Zellenwerk im thüringischen Erfurt, das im Endausbau bei 100 GWh Jahreskapazität anlangen könnte. LG Chem baut eine Batteriefabrik im polnischen Breslau auf, die im Endausbau bis zu 70 GWh jährliche Zellen-Produktionskapazität schaffen soll.

Das von ehemaligen Tesla-Managern gegründete Start-Up Northvolt, an dem sich Volkswagen beteiligt hat, will in seinem geplanten schwedischen Werk ab 2023 auf 32 GWh Jahreskapazität kommen. Ganz so riesig bei der Batteriezellenproduktion, wie der Name suggeriert, sind Teslas "Gigafactories" in Zukunft also kaum mehr.

Was lässt sich Tesla das deutsche Werk kosten?

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Teslas Finanzlage schwankte in den vergangenen Monaten gehörig - es gab Zeiten, da sahen Analysten Tesla kurz vor der Pleite wegen der Model 3-Produktionsschwierigkeiten. Was das Werk in Brandenburg kosten soll, ist noch nicht ersichtlich.

Möglicherweise können aber bisherige Investitionen als Orientierungshilfe dienen. Die "Gigafactory 1" in Nevada sollte ursprünglichen Planungen zufolge insgesamt 5 Milliarden Dollar kosten. Teslas Partner Panasonic sollte davon bis zu zwei Milliarden Dollar übernehmen, Tesla wohl drei Milliarden. Berichten zufolge haben die Japaner wohl etwas mehr als die ursprünglich angegebene Summe investiert: Panasonic hat 2016 eine Anleihe über 3,9 Milliarden Dollar begeben, von der das meiste Geld in die Gigafactory-Produktion fließen sollte.

Die Kosten für die Gigafactory 3 in Shanghai, die als Blaupause für das deutsche Werk dienen dürfte, gab Tesla selbst mit rund zwei Milliarden Dollar an. Um das Werk zu finanzieren, hat sich Tesla unter anderem Geld von chinesischen Investoren geliehen. Gut möglich, dass die Kalifornier auch deutsche Banken für ihr Werk anpumpen. Schließlich haben sie ja schon länger geschäftliche Verbindungen nach Deuschland: Im Jahr 2016 hat Tesla den deutschen Produktionsanlagen-Spezialisten Grohmann Automation übernommen - der seither die Model 3-Produktion optimiert.

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Bei seinem Auftritt in Berlin versuchte sich Musk selbst an einer Erklärung: "Jeder weiß, das deutsche Ingenieurskunst herausragend ist", lobte Musk. "Das ist auch ein Mitgrund, warum wir unsere europäische Gigafactory in Deutschland ansiedeln." Vermutlich haben aber wohl noch andere Gründe den Ausschlag gegeben.

Bei seiner ersten Gigafactory erhielt Musk vom Staat Nevada umfassende Steuererleichterungen. Vermutlich haben die Brandenburger Musk ähnliches offeriert. Die hohen Arbeitslöhne in Deutschland dürften für Tesla nicht so stark ins Gewicht fallen. Die Batteriezellenfertigung gilt als vergleichsweise wenig personalintensiv. An seinen Auto-Produktionsstraßen wird Tesla zwar wohl tausende gutbezahlte Beschäftigte benötigen. Doch als Premiumhersteller verlangt Tesla ohnedies höhere Preise für seine Fahrzeuge, da ist er nicht auf die Produktion in einem sehr günstigen Land angewiesen.

Zudem kann Tesla in Deutschland wohl schneller als in Osteuropa ebenso erfahrene wie qualifizierte Arbeitskräfte rekrutieren. Für Teslas US-Angestellte ist eine Auslandsstation in Berlin wohl deutlich attraktiver als in einer Provinzstadt irgendwo im östlichen Europa. Und die Kalifornier hat mit einer Produktion in Berlin auch einen wichtigen Marketingvorteil. Denn künftig werden ihre Model 3 und Model Y für Europa eben "made in Germany" sein. Solchen Autos gestehen Autokäufer von Anfang an einen höhere Qualitätsstandard zu als einem etwa in Rumänien, Serbien oder Ungarn gefertigten Elektroauto.

Was werden die Berliner und Brandenburger davon haben?

Berliner Politiker versprechen sich tausende Jobs von dem Tesla-Werk. Zwischen 6000 und 7000 Arbeitsplätze sollen alleine in der Fabrik in Brandenburg entstehen, erklärte Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Und das von Musk angekündigte Designzentrum in Berlin werde wohl auch "ein paar hundert, wenn nicht gar ein paar tausend" Angestellte haben.

Diese Rechnung kann aber nur stimmen, wenn Tesla in dem Werk tatsächlich hunderttausende Fahrzeuge pro Jahr herstellt. Zwar hat Tesla in seiner Gigafactory 1 tatsächlich Wort gehalten und 6500 Jobs geschaffen. Zuletzt musste das Unternehmen allerdings kräftig sparen und dürfte wohl auch in der Gigafactory einige Leute entlassen haben.

Denn für Produktion von Lithium-Ionen-Zellen werden vergleichsweise wenige Leute benötigt, da sie sich gut automatisieren lässt. So will etwa CATL bei seiner Erfurter Fabrik mit gerade mal 1000 Angestellten auskommen.

Etwas anders sieht das bei der Herstellung ganzer Autos aus. Ursprünglich wollte Musk die Kosten für das Model 3 auch durch den massiven Einsatz von Robotern niedrig halten. Das klappte am Anfang allerdings kaum, weshalb er offenbar ein Stück weit zum traditionellen Herstellungsmodell der Autobranche zurückkehren musste. Und die Autobauer benötigen trotz aller Automation noch immer tausende menschliche Arbeiter in ihren Werken. Insofern könnte die Zahl am Ende durchaus stimmen.

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