Angriff auf Europa Elektroroller-Anbieter Bolt will 2021 mit 100 Millionen Euro alle überholen

Nachdem das Berliner Start-up Tier gerade 250 Millionen Dollar einsammelte, bläst nun auch der von Daimler unterstützte Rivale Bolt zum Angriff. Dabei sind die wilden Zeiten im E-Scooter-Geschäft vorbei.
Schnellspurig: Bolt-Gründer und CEO Markus Villig.

Schnellspurig: Bolt-Gründer und CEO Markus Villig.

Foto: Bolt

Der vom Daimler-Konzern unterstützte Mobilitätsanbieter Bolt kündigt eine Elektroroller-Offensive an. Das Start-up aus Estland werde 2021 mehr als 100 Millionen Euro investieren, um der größte E-Scooter-Vermieter in Europa zu werden. Der Rivale von Uber und dem Berliner Start-up Tier Mobility erklärte, er wolle im nächsten Jahr 130.000 Roller in mehr als 100 Städte bringen und damit aggressiv auf dem ganzen Kontinent expandieren. "Es gibt so viel Raum für Wachstum", sagte Markus Villig (26), der junge Vorstandschef und Mitgründer, in einem Interview mit Reuters.

Bolt bezeichnet sich selbst bereits heute als "führende Mobilitätsplattform" Europas. Gestartet war das Unternehmen 2013 als Uber-Konkurrent unter dem Namen Taxify und bietet insbesondere Mitfahrdienste (Ride Hailing) an. Im Zuge der Corona-Krise war dieses Geschäft um 80 Prozent eingebrochen und hat noch immer nicht die alte Stärke erreicht. Als reine Krisenreaktion will Villig seine Offensive allerdings nicht verstehen.

Nach dem Boom der Elektroroller Anfang 2019 schien das vermeintliche Zukunftsgeschäft nicht mehr als ein Hype  einiger Investoren gewesen zu sein. Besonders aggressive US-Anbieter wie Bird oder eine Einheit von Uber zogen sich aus dem umkämpften europäischen Markt wieder zurück.  Diese Lücke versuchen nun die übrigen Anbieter zu füllen. Erst Anfang der Woche meldete das Berliner Start-up Tier, satte 250 Millionen Dollar von Geldgebern rund um den umstrittenen Tech-Investor Softbank eingesammelt zu haben, um das Geschäft (aktuell: 60.000 Roller in 80 Städten) auszuweiten.

Bolt war 2018 in das Geschäft mit elektrischen Leihrollern und -fahrrädern eingestiegen. Inzwischen werden sie in 45 Städten verliehen, vor allem in Skandinavien und Osteuropa. In Deutschland ist Bolt bislang nicht aktiv. Im Zuge der Expansion will das Unternehmen 2021 nun in Deutschland, Großbritannien, Italien, Belgien, Spanien und der Schweiz starten. Allerdings sind die wilden Zeiten, in denen die Anbieter ihre Roller guerillaartig einfach über die Straßen verteilen konnten, vorbei. Paris etwa – einer der interessantesten Märkte Europas – hat in diesem Jahr Lizenzen an nur noch drei Anbieter vergeben (Bolt ist nicht darunter), in Großbritannien gelten strenge Auflagen.

"In den meisten Städten" könne Bolt seine E-Roller auch heute schon profitabel betreiben, erklärte das Unternehmen auf Anfrage des manager magazins. Und Gründer Villig sagt: Bolt profitiere von seinem etablierten Ride-Hailing-Geschäft, wenn es mit E-Scooter-Firmen wie Tier konkurriere, da man die über 30 Millionen Benutzer direkt ansprechen und von Kostensynergien in Marketing und Vertrieb profitieren könne. Effekte, die anderen Anbietern nicht verborgen geblieben sind: Tier-Roller sind etwa in die App der Autovermieter von Sixt integriert.

Im Mai beschaffte Bolt sich 100 Millionen Euro von der Investmentfirma Naya Capital Management über ein Darlehen, das in Anteile umgewandelt werden kann. Das Unternehmen ist dadurch mit 1,7 Milliarden Euro bewertet – etwa doppelt so hoch wie Tier. 2018 waren auch der Daimler-Konzern und der chinesische Anbieter Didi Chuxing als Investoren an Bord gekommen; Daimler hatte die damalige Finanzierungsrunde über 175 Millionen Dollar sogar angeführt.

lhy/Reuters
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