Elektromobilität mit Startschwierigkeiten Die unterschätzte Gefahr für die deutschen Autokonzerne

Elektroautos haben auf deutschen Straßen weiter Seltenheitswert. Die heimischen Autokonzerne müssen das Thema stärker an sich reißen. Sonst verlieren sie international den Anschluss.
Von Jan Traenckner
Audi A3 e-tron: Ein Geschenk, keine Bürde

Audi A3 e-tron: Ein Geschenk, keine Bürde

Foto: Audi

Was ist eigentlich mit dem E-Auto in Deutschland los? Auch im Jahr fünf der Nationalen Plattform Elektromobilität dümpeln die Zulassungszahlen auf homöopathischem Niveau. Nur rund 24.000 sogenannte "Plug-in-Autos" fahren aktuell auf deutschen Straßen. Schon 2020 sollen es eine Million sein; so haben es sich Politik und Autohersteller vorgenommen. Der Weg ist noch sehr, sehr weit.

Zwar bieten die Automobilkonzerne erste E-Autos aus deutscher Produktion an. Doch die neuen Modelle scheinen kaum einen deutschen Autofahrer zu interessieren. Und wer doch einen Elektro-Golf, einen e-Smart oder einen BMW i3 bestellen will, der muss mitunter trotz der niedrigen Verkaufszahlen länger als ein halbes Jahr warten. Hunderte Millionen Euro Fördergelder, investiert in sogenannte Schaufenster, bleiben ohne messbaren Erfolg. Der Kampf um die beste Batterietechnologie ist vorerst gewonnen - von den asiatischen Herstellern. Die deutsche Forschung und Industrie konzentriert sich auf die nächste Batteriegeneration, wann immer die auch kommen mag.

Sind Sie schon mal i3 gefahren? Haben Sie am Steuer eines Audi A3 e-tron oder eines Golf GTE gesessen? Diese Autos sind ein Geschenk und keine Bürde. Es ist ein echtes Privileg, eines dieser Hightech-Modelle fahren zu dürfen. Sie bieten höchste Ingenieurskunst, und vermitteln im Vergleich mit konventionellen Autos echten Luxus des Neuen und Besseren. Schnell bekommt man als Fahrer den Eindruck: Das ist die Zukunft! Das Gefühl, geräuschlos und ohne Abgase durch das heimische Wohnviertel zu gleiten, ist unbezahlbar.

Die Technik ist da - man muss sie sich nur leisten wollen

Plug-in-Automobile bieten ihren Fahrern ein ökologisches Premium-Erlebnis. Ein 400 PS starker Porsche Panamera Plug-in verbraucht bei sparsamer Fahrweise nur rund sechs Liter Benzin pro 100 Kilometer, ein Opel Ampera weniger als zwei, ein BMW i3 gar kein Benzin. Die Technik ist da. Man muss sie sich nur leisten wollen. Neben einem guten Budget braucht es auch einen heimischen Stellplatz nebst Ladestation.

Und da beginnt das wirkliche Problem der Elektromobilität in Deutschland. Es gelingt den Autoherstellern nicht, das Premiumpotenzial der Elektroautos in Verkaufszahlen zu wandeln. Marktstudien zeigen deutlich, dass gerade im Autoland Deutschland jenseits von kleinlichen, rein ökonomischen Vergleichen zwischen der Neuen neuen und der alten Technik um die 150.000 Plug-in-Autos pro Jahr gekauft werden könnten. In Wirklichkeit findet sich derzeit nur eine sehr kleine Gruppe von Super-Enthusiasten, die bereit ist, das Wagnis der Elektromobilität zu gehen.

Wie könnte es auch im Technik- und Autoland Deutschland gelingen, das vorhandene Potential für Elektromobilität zu erschließen?

Das E-Auto muss zum neuen SUV werden

Am Anfang steht wohl das ehrliche Eingeständnis, dass E-Autos zunächst Premium-Produkte sind. Sie werden noch für längere Zeit deutlich teurer sein als das Fahren mit Benzin oder Diesel. Auch Kaufprämien würden daran vorerst nur wenig ändern. Die Kunden müssen kaufen, weil sie begeistert sind. Nicht weil das Auto billig ist. Das bedeutet aber auch: Bevor die Elektromobilität zum Massenphänomen wird, muss sie den Weg vieler Innovationen gehen. Sie muss als Premiumprodukt überzeugen. Sie muss Emotionen wecken statt nur rational zu überzeugen.

Dass das in Deutschland möglich ist, beweist insbesondere die Autoindustrie immer wieder. Wie viele SUV und Allrad-Autos werden trotz ordentlicher Aufpreise gekauft, ohne je im Gelände eingesetzt zu werden. Warum sollte ähnliches nicht auch mit dem Hightech-Produkt Elektroauto gelingen?

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Das Geheimnis einer erfolgreichen Stimulierung der E-Mobilität in Deutschland könnte in einer geschickten Mischung aus Privilegien einerseits und Premiumvermarktung andererseits liegen, um die Autokäufer wirklich aus ihrer persönlichen Komfortzone zu locken. Die neue VW-Kampagne für den Golf GTE, "das neue Schnell", geht genau in die richtige Richtung. Volkswagen zeigt visionäre Highspeed-Geräte, ausgestattet zum Teil mit Raketenantrieben, und dann den ähnlich rasant aufdrehenden Plug-in-Golf. Die Botschaft: Fahrspaß mit 1,5 Litern Durchschnittsverbrauch ist möglich.

Viele Staaten, in denen der Verkauf von E-Autos deutlich besser läuft als in Deutschland, greifen auf Subventionen und/oder drastische Verteuerung der Benzin- und Diesel-Mobilität zurück. In Deutschland können wir beide Instrumente nur sehr begrenzt einsetzen. Erstens dürfte es der Bevölkerung kaum vermittelbar sein, warum Premiumprodukte subventioniert werden sollen, die der Mehrheit auch inklusive einer Kaufprämie zu teuer sein dürften. Zweitens gibt es politisch kaum unpopulärere Forderungen als die nach einem höheren Benzin- und Dieselpreis.

Die Verengung der Diskussion auf rein ökonomische Gesichtspunkte und Subventionen springt viel zu kurz. Schaut man sich die heutigen Käuferschichten von E-Autos etwa in den USA genauer an, so stellt man fest, dass der Preis in den meisten Fällen nicht das wesentliche Argument für oder gegen den Kauf eines Plug-in-Modells ist. Vielmehr scheint ein ganzer Korb eher emotionaler Faktoren (Umwelt, Patriotismus, Technologie-Interesse, etc.) in Verbindung mit einigen echten Privilegien die Käufer zu überzeugen. Genau diese Kombination macht nicht zuletzt auch den Erfolg des Tesla S aus.

Intelligente Privilegien statt simpler Prämien

In Deutschland muss die öffentliche Diskussion in eine ähnliche Richtung gelenkt werden. Die Besitzer von Elektroautos müssen als Motivatoren und Vordenker gelten, als Vorbilder und Innovatoren. Der Staat muss dabei helfen; nicht mit simplen Prämien, sondern mit intelligenten Privilegien: Sonderparkplätze in Innenstädten, Steuerermäßigungen, eine flächendeckende, öffentlich finanzierte Schnellladeinfrastruktur. Solche Schritte mögen zunächst vor allem einer elitären Gruppe dienen. Am Ende aber helfen sie der Allgemeinheit. Weil erst diese Gruppe den Weg für das E-Auto für Jedermann bereitet und damit die individuelle Mobilität der Zukunft ermöglicht.

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Die Nationale Plattform Elektromobilität will Deutschland zum "Leitmarkt für Elektromobilität" machen. Daraus wird vorerst nichts werden; und wenn das so bliebe, könnte dies langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Autoindustrie gefährden. Der Elektroantrieb ist die einzige vernünftige Technologie für die individuelle Mobilität der Zukunft. Wer, wie die deutschen Autokonzerne, an der Spitze der Branche bleiben will, muss elektrisch vorne fahren; das gilt insbesondere für den Heimatmarkt. Bleibt die Nachfrage hierzulande weiterhin so niedrig, riskiert Deutschland seine führende Position in einer der wichtigsten Industrien.

Deutschland braucht jetzt dringend eine ehrliche und echte "Kampagne 2.0". Sie muss die deutschen Autofahrer vom E-Auto überzeugen und sie zum Kauf motivieren, sie wegführen vom rationalen, nur ökonomisch getriebenen Kaufentscheid. Die Kampagne muss weg von der "Bürde der Veränderung" hin zu "es sich leisten wollen, weil es gut ist und Spaß macht" führen. Deutschland sollte es "sich leisten können", die neue, bessere Technik auszuprobieren. Es muss "cool" und schick sein, ein Elektroauto zu fahren.

Das Potenzial zum Umdenken ist riesig. Allerdings muss sich jeder aus seiner ganz persönlichen Komfortzone bewegen. Wir alle müssen die neue Technik genießen wollen, wir müssen stolz darauf sein, ein Elektroauto zu fahren, wir müssen auch dazu bereit sein, dafür einige Tausend Euro zusätzlich zu bezahlen. Letztlich werden wir Autofahrer diesen Teil der Energiewende ohnehin zum großen Teil finanzieren müssen. Je schneller das geschieht, desto besser.

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