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Mitgründer von Chinas E-Auto-Startup FMC "Unter 500 Kilometer Reichweite starten wir nicht"

Das 2016 gegründete chinesische Elektroauto-Startup FMC hat nach Meinung vieler das Zeug dazu, Tesla richtig gefährlich zu werden. Nun gewährt Mitgründer Henrik Wenders Einblicke in seine Pläne. Er erklärt, warum FMC bereits 2020 weltweit startet - und warum die Firma keinen Supersportwagen baut.

Das Unternehmen Future Mobility Corporation (FMC) ist erst wenigen ein Begriff. Doch dem chinesische Elektroauto-Startup trauen viele zu, Tesla im Eiltempo Konkurrenz zu machen. Die FMC-Führungsmannschaft ist handverlesen: Die wichtigsten Entwickler von BMWs Elektromodellen i3 und i8 sind darunter. Der Mann, der Teslas Werk von der Manufaktur zur Autofabrik ausbaute, zählt zum Gründerkreis. Und ein Spitzenmann aus Googles Roboterauto-Projekt wechselte ebenfalls zu FMC. Finanziert wird das Unternehmen unter anderem von dem chinesischen Internetriesen Tencent und dem Apple-Auftragsfertiger Foxconn.

Dennoch will das bislang so geheimnisvolle Unternehmen seinen Marktstart ganz anders aufziehen als die Konkurrenten Faraday Future oder Lucid Motors. Warum das so ist, erklärte FMC-Marketingchef Henrik Wenders gegenüber manager-magazin.de im lauten Umfeld einer Branchenveranstaltung - ganz unprätentiös bei einem Glas Wasser und Filterkaffee aus einer Thermoskanne.

Zur Person
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Henrik Wenders, 44, ist Gründungsmitglied und Marketingchef des chinesischen Elektroauto-Startups Future Mobility Corporation. Er wechselte im Oktober 2016 gemeinsam mit mehreren Ex-BMW-Kollegen zu FMC. Zuvor arbeitete Wenders 14 Jahre lang für BMW, wo er zuletzt das Produktmanagement von BMWs Elektroauto-Sparte i leitete.

manager-magazin.de: Herr Wenders, derzeit schießen Elektroauto-Startups in China mit ganz ähnlichen Rezepten aus dem Boden. Firmen wie Faraday Future oder Lucid Motors haben erfahrene westliche Ingenieure an Bord, auf Automessen zeigen sie Konzeptautos. Ihr Startup Future Mobility Corporation (FMC) hielt sich bisher noch sehr bedeckt, Autos gibt es noch keine zu sehen. Wie wollen sie sich von Ihren Konkurrenten unterscheiden?

Henrik Wenders: Nach 120 Jahren Verbrennungsmotor gibt es aus unserer Sicht aktuell ein historisches Zeitfenster. Auf einmal kann ein Elektroantrieb Reichweiten bieten, die eine Alternative zum klassischen Verbrennungsmotor sein können. Der E-Antrieb ist leichter zu entwickeln als ein herkömmlicher Antrieb. Ein Konzeptauto und ein paar Prototypen sind schnell gebaut. Doch ein Fahrzeug von Beginn an zu entwickeln, das sich industriell und mit hohem Qualitätsniveau in Serie fertigen lässt, das können nur wenige.

mm.de: Ihre Konkurrenten kündigen doch auch längst Milliarden-Investments in eigene Fabriken an.

Wenders: Technologisch kochen wir alle mit dem gleichen Wasser. Wir reden alle über den E-Antrieb, über Konnektivität, über autonomes Fahren auf höherer Stufe. Da wird es keine signifikanten Unterschiede geben zwischen den neuen Spielern, aber auch im Vergleich zu den alten Playern. Doch all das in eine hochqualitative Serienindustrialisierung zu führen, das werden nur wenige Newcomer schaffen. Und nur die werden überleben.

mm.de: Was macht Sie so sicher, dass FMC zu diesen Überlebenden zählen wird?

Wenders: Wir haben von Beginn an auf ein Gründerteam gesetzt, das über die richtigen Kompetenzen verfügt. Jeder weiß genau, wovon er spricht. Zwei Beispiele dazu: Mark Duchesne hat bereits Werke für Toyota konstruiert, auch an der Tesla-Fabrik hat er mitgearbeitet. Jetzt wird er unser Werk bauen. Er hat die Fachkenntnis, eine Autofabrik der nächsten Generation entstehen zu lassen. Wolfram Luchner hat Benutzeroberflächen für Google gestaltet. Er weiß ganz genau, welche Menüführung Menschen bei ihren digitalen Geräten bevorzugen. Er wird für unsere zukünftigen Kunden eine Bedienoberfläche entwickeln, die genau auf solche Anwendungen ausgerichtet ist.

"Entscheidend ist, zur großen Elektroauto-Party das richtige Fahrzeug zu haben"

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mm.de: Einige Ihrer Mitbewerber zeigen schon erste Prototypen. Sind sie nicht spät dran?

Wenders: Es reicht aus unserer Sicht nicht, zuerst ein Fahrzeug zu konstruieren und sich erst später zu überlegen, wo es gebaut wird. Die Fragen nach Investoren, nach Standort, nach Entwicklung sind strategische Grundsatzfragen, die man von Beginn an gleichzeitig im Blick haben sollte. Geld zu organisieren ist nicht das große Problem, wenn sie das mit Kompetenz und einer klaren strategischen Planung angehen. Diese positive Erfahrung haben wir im Rahmen unserer Gründungsphase bereits gemacht.

mm.de: Ihren Geldgebern ist ein baldiger Marktstart vermutlich lieber als eine lange Nachdenk- und Planungsphase. Wieviel Druck bekommen sie von Investorenseite, dass es schnell gehen muss?

Wenders: Solche Diskussionen haben wir nicht. Das liegt aber auch an unserer Konstellation. Unsere Investoren vertrauen uns, dass wir wissen, wovon wir sprechen. Wir machen uns den Druck selbst. Denn das Zeitfenster ist relativ kurz. Ab Ende 2018 und in den Jahren 2019 bis 2021 werden sehr viele Elektroauto-Modelle auf den Markt kommen. Entscheidend ist, dass man dann zur Elektroauto-Party mit dem richtigen Fahrzeug am Start ist.

mm.de: Mit welcher Art von Auto wollen sie Anfang des kommenden Jahrzehnts loslegen?

Wenders: Wir bauen nicht nur ein Auto für China, wir wollen von vorne herein den Weltmarkt angehen. Wenn wir uns einen Start in Europa und den USA vornehmen, müssen wir eben 2020 am Start sein. Zu dem Zeitpunkt sollte dann auch die nächste Batterie- und Zellgeneration verfügbar sein. Der nächste Sprung in punkto Reichweite wird in unserem Fahrzeug dann selbstverständlich integriert sein. Diese Reichweiten sollten den Kunden dann den Wechsel vom Verbrennungsmotor hin zum elektrischen Antrieb leichter machen.

mm.de: Können Sie ein paar Eckdaten für ihre künftigen Fahrzeuge nennen?

Wenders: Über unsere Modellpolitik möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sprechen. Dazu stellen wir noch Genaueres in diesem Jahr vor. Doch wir machen den Aufwand nicht nur, um ein Automodell zu bauen. Unser Fahrzeug muss auf jeden Fall großserientauglich sein. Unser Ziel ist es, die Autos zu einem Einstiegspreis zwischen 40.000 und 50.000 Dollar anzubieten. Je nach Markt werden wir verschiedene Ausstattungsoptionen zulassen, etwa Allrad- oder Hinterradantrieb. Bei der Reichweite will ich ebenfalls noch keine konkreten Zahlen nennen. Aber unter 500 Kilometern Zyklusreichweite je Akkuladung müssen wir gar nicht an den Start gehen. Das wird der Standard in der von uns angepeilten Preisklasse sein.

Warum FMC keine Beschleunigungs-Vergleichstests gewinnen will

mm.de: Konkurrenten wie Lucid Motors oder Faraday wollen mit Elektroauto-Modellen starten, die gut 100.000 Dollar kosten sollen und enorme Beschleunigung bieten. Da wollen Sie nicht mitziehen?

Wenders: Wir wollen uns im mittleren Preisbereich des "affordable premium" ansiedeln. Alles über 100.000 Dollar ist bereits die Luxuskategorie. Am Ende des Tages zahlt ein Amerikaner nicht mehr als rund 400 Dollar Leasingrate pro Monat für einen Neuwagen in dieser Klasse. Der Markt definiert also den Preis. Nur, wenn wir uns auf dieses Preisniveau konzentrieren, werden wir Marktrelevanz erreichen.

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mm.de: Ein rasanter Elektro-Bolide von FMC steht also nicht zur Diskussion?

Wenders: Wir werden keinen Supersportwagen bauen, um irgendwelche Beschleunigungs-Vergleichstests zu gewinnen. Wir müssen der Welt da draußen nicht noch einmal erklären, wie dynamisch ein Elektroantrieb ist oder dass ein Elektroauto auch viel Luxus bieten kann. Bis 2020 hat das die Welt längst begriffen.

mm.de: Womit wollen Sie ihre Kunden denn dann ködern, wenn es nicht die herausragenden Fahreigenschaften sind?

Wenders: Unser Thema ist nicht der Elektroantrieb. Wir wollen ein Smart Device bauen. Unser Auto wird eine mobile Plattform werden. Es wird perfekt vernetzt sein. Das Auto wird sich bestens in den digitalen Alltag unserer Kunden integrieren.

mm.de: Und was bedeutet das konkreter?

Wenders: Wir verstehen uns nicht als Automobilhersteller, sondern als Hersteller einer mobilen digitalen Plattform. Das ist für uns ein großer Unterschied. Die Funktionalität im Fahrzeug und der Anspruch an den Innenraum ist dann ein anderer. Wenn ihre Marke besonders viel Fahrfreude verspricht, haben sie als Konsequenz eine Fahrer-Cockpit-Orientierung. Für uns ist der Anspruch, dass wir das Leben in einer digitalen Welt auch im Fahrzeuginnenraum fortführen können. Dann muss ich das allerdings strategisch anders aufziehen. Wenn sich ein Kunde ohnedies schon an Amazons Sprachsteuerung Alexa gewöhnt hat und darüber einkauft, warum sollten wir das dann nicht in unseren Fahrzeugen integrieren? Dann erlebt der Kunde auch keinen Bruch zu seinem Wohnzimmer mehr.

"Ab 2023 wollen wir in unserer Fabrik mit Vollauslastung fahren"

mm.de: Vor kurzem hat FMC den Bau einer Fabrik angekündigt. Wie groß wird diese?

Wenders: Wir haben mit der Regierung von Nanjing ein "Memorandum of Understanding" unterzeichnet. Die Bauarbeiten sollen noch in diesem Jahr beginnen. Das Investitionsvolumen umfasst 1,6 Milliarden Dollar, die Fabrik liegt in der Nähe von Shanghai. Es gibt bereits fünf Autowerke in der Region, aber eben noch keines für reine Elektroautos. Wir kümmern uns bereits jetzt darum, obwohl wir noch nicht einmal ein Auto vorgestellt haben. Die Fabrik wird eine Kapazität von 300.000 Autos pro Jahr haben, wir werden auch ausschließlich dort produzieren. Im Jahr 2023 wollen wir mit Vollauslastung fahren.

mm.de: Der Bau von Fabriken und die Fahrzeugentwicklung verschlingen viel Kapital. Haben Sie nicht Angst, dass ihren Investoren das Geld ausgehen könnte, wie es etwa bei Faraday Future der Fall ist?

Wenders: Wir haben Investoren an der Seite, mit denen wir strategisch wachsen können. Wir wollen kein Unternehmen sein, das nur einem Investor als Privatperson gehört. Wenn es dem nicht mehr gut geht, steckt auch das Startup in der Zwickmühle. Unsere Geldgeber haben Interesse daran, dass hier ein eigenes Unternehmen entsteht und nicht eine Tochtergesellschaft. Wir haben Finanzinvestoren an Bord die erwarten, dass auch das Management selbst am Unternehmen beteiligt ist.

mm.de: Warum das?

Wenders: Dem Management-Team gehört ein wesentlicher Anteil der Aktienanteile. Das gibt uns zum einen ein gutes Gefühl. Wir wissen, dass wir unsere Zeit und Kompetenz in etwas investieren, dass die Chance auf einen einzigartigen Return on Investment hat. Es ist zum anderen aber auch ein großer Anreiz dafür, die Leute an Bord zu halten. Bei manch anderen läuft auf der Reise das halbe Managementteam davon. Wir ziehen das von Anfang an mit dem gleichen Kompetenzteam durch.