Was ein Technologie-Wechsel für den Ölpreis bedeutet "Elektroautos ängstigen Saudi-Arabien zu Tode"

Arbeiter von Saudi Aramco: Börsengang aus Angst vor Elektroautos?

Arbeiter von Saudi Aramco: Börsengang aus Angst vor Elektroautos?

Foto: © Ali Jarekji / Reuters/ REUTERS
Fotostrecke

Elektromobilität: Deutsche Autobauer erhöhen das Tempo für ihre Tesla-Fighter

Foto: Tesla

Wenn sich ein Wirtschaftszweig in den USA derzeit nicht beklagen kann, ist es die Tankstellenbranche. Angesichts immer noch niedriger Spritpreise treten die Amerikaner sorglos wie selten aufs Gaspedal. Auch der Boom von Geländewagen und SUVs trägt dazu bei, dass der Benzinverbrauch Rekordniveau erreicht hat .

Umso bemerkenswerter erscheint, dass die Zapfsäulen-Gilde offenbar um ihre eigene Zukunft fürchtet - und vor allem mit welcher Begründung: Ausgerechnet die bisher eher schwer verkäuflichen Elektroautos sollen das Geschäftsmodell ins Wanken bringen.

"Wenn Tesla das Model 3 wirklich bringt, sind Autos mit Verbrennungsmotor Geschichte", zitierte das "Wall Street Journal" zuletzt den Chef des Tankstellenverbandes, Mike Fox. "Sie sind dann wie Pferd und Kutsche."

Der normalerweise eher Elektroauto-kritischen Zeitung dient Fox als Kronzeuge für einen Artikel mit dem Titel "Warum Elektroautos schneller hier sein werden als Sie denken" . Autor Christopher Mims argumentiert darin, Batteriefahrzeuge verbesserten sich technisch in rasantem Tempo. Ihr Durchbruch stehe deshalb bevor.

"Diese Sache hat das Potenzial richtig abzuheben"

Aha, mal wieder also, könnten langjährige Beobachter der Branche spotten. Wer in den Archiven stöbert, findet derartige Prognosen auch schon vor sechs, sieben Jahren. Kaum eine Unternehmensberatung, die während der damaligen Auto-Krise nicht die Stromer-Revolution prophezeit hätte. Tatsächlich blieb der durchschlagende Erfolg der Batterieautos seither aus.

Der Einwurf des Tankstellen-Funktionärs zeigt allerdings, dass viele Beteiligte einen Vormarsch der Elektroautos heute sehr viel konkreter durchdenken als 2008 oder 2009. Der entscheidende Unterschied: Fast alle Hersteller haben reichweitenstarke Batterie-Autos in der Entwicklung oder gar schon bei den Händlern.

Aus diesem Grund interessieren sich inzwischen auch Rohstoffexperten stärker für Elektroautos. "Diese Sache hat das Potenzial richtig abzuheben", sagte unlängst Öl-Analyst Michael Wojciechowski vom Beratungshaus Wood Mackenzie gegenüber der "Financial Times" . "Jeder beobachtet das."

Wie Tankstellenbetreiber in Norwegen auf die Elektroauto-Schwemme reagieren

Fotostrecke

Verbrenner mit Verfallsdatum: Diese Staaten wollen Diesel und Benziner abschaffen

Foto: DPA

Einen Schritt weiter geht Energiefachmann Vikas Dwivedi von der australischen Macquarie-Gruppe. Top-Ölproduzent Saudi-Arabien würden Elektroautos inzwischen "zu Tode ängstigen". Die Fahrzeuge seien "ein massiver Feind". Die Führung des Landes sei derart besorgt, "dass diese Entwicklung ein Grund für den Börsengang des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco war".

Derartige Stimmen sind immer noch die Ausnahme. Und tatsächlich erscheint das Bedrohungspotenzial von Batteriewagen für die Ölindustrie überschaubar, selbst wenn sich die Technik schnell durchsetzt.

Gemäß einer Berechnung der Internationalen Energie-Agentur (IEA) müssten weltweit 50 bis 100 Millionen Elektroautos auf den Straßen unterwegs sein, um die Ölnachfrage um gut ein Prozent zu drücken. Derzeit ziehen aber erst 1,2 Millionen Wagen ihre Kraft aus einem Akku, den der Fahrer an der Steckdose auflädt.

Einen größeren Effekt dürften elektrische Busse und Lastwagen haben, wie sie in China zu Tausenden zugelassen und entwickelt werden. Das könnte auch den Ölpreis unter Druck setzen, der oft schon aufgrund kleiner Schwankungen bei Angebot oder Nachfrage deutlich die Richtung wechselt.

Stromer-Absatz steigt schnell

Immerhin steigt der Stromer-Absatz rasant. Knapp eine Million weitere Elektro-Pkw könnten allein in diesem Jahr hinzukommen, schätzen Fachleute. Besonders in China wächst der Markt dank staatlicher Hilfe rasant. Vor sieben Jahren fuhren weltweit gerade einmal 6000 Autos elektrisch.

Aus Sicht deutscher Tankstellenbetreiber droht von Elektroautos bis auf weiteres kaum Konkurrenz, zumal sich diese trotz Förderprämie nur schleppend verkaufen. Als "Blick in die Glaskugel" bewertet der Geschäftsführer des Bundesverbandes freie Tankstellen, Stephan Zieger, eine Diskussion um sinkende Benzinverkäufe wegen der Stromer.

Zwar stimme es, dass der Benzinabsatz tendenziell rückläufig sei. Als Hauptgrund nennt der Funktionär allerdings effizientere Autos und den wachsenden Anteil sparsamer Diesel-Fahrzeuge in der Gesamtflotte. US-Kollege Fox nutze das "Wunschdenken" rund um Elektroautos möglicherweise, um bessere Langfrist-Verträge mit den Mineralöl-Lieferanten auszuhandeln.

Freie Tankstellen in Deutschland wollen Ladesäulen bauen

Gleichwohl wollten sich die freien Tankstellen am Aufbau eines Elektro-Schnellladenetzes beteiligen, sagt Zieger gegenüber manager-magazin.de. "Wir wollen mitmachen und stellen Flächen dafür zur Verfügung". Die Bundesregierung plant den Aufbau von 5000 derartiger Ladepunkte . Ohne Subventionen ist ein derartiges Engagement nach Ziegers Worten allerdings nicht wirtschaftlich zu betreiben.

Bereits zu spüren bekommen Tankstellenbetreiber den Umbruch in Norwegen. Dort sind gut 30 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge Elektroautos. An der Gesamtflotte beträgt der Anteil immerhin 3 Prozent.

In etwa diesem Maße sei der Spritverbrauch gesunken, schätzt Petter Haugneland von der Norwegian Electric Vehicle Association. "Langfristig wird es einen enormen Effekt auf den Benzinverbrauch haben, wenn weiterhin so viele Elektroautos zugelassen werden", sagte Haugneland gegenüber manager-magazin.de. Ab dem Jahr 2025 will Norwegen nach Möglichkeit gar keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr zulassen.

Tankstellenketten wie Cirkle K (ehemals Statoil) und Shell haben bereits Konsequenzen gezogen. Eine wachsende Zahl von Tankstellen haben sie inzwischen mit Schnellladesäulen ausgestattet - und bei der Gelegenheit den Namen geändert. Statt von "Bensinstasjon" sprechen die Anbieter jetzt von "Energistasjon".

"Wir können unsere Augen schließen und hoffen, dass Elektroautos wieder verschwinden", sagt Cirkle-K-Manager Anders Kleve Svela gegenüber manager-magazin.de. "Oder wir bieten die Art von Energie an, die Elektroautos brauchen."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.