"Ahnungslos" vs. "wie das antike Griechenland" Rolls-Royce und Aston Martin bekriegen sich wegen Luxus-E-Auto

Stein des Anstoßes Aston Martins Elektroauto-Konzept Lagonda sorgt für wütende Reaktionen bei Rolls-Royce

Stein des Anstoßes Aston Martins Elektroauto-Konzept Lagonda sorgt für wütende Reaktionen bei Rolls-Royce

Foto: DPA
Fotostrecke

Automobile Visionen: Zukunft der Oberklasse

Foto: TMN

Tadellose Manieren, stets akkurate Kleidung, wohlgesetzt-selbstsichere Worte: Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös verströmt bei öffentlichen Auftritten gerne jene gelassene Erhabenheit, die sich die britische BMW-Tochter Rolls-Royce als markentypisch auserkoren hat.

Doch unlängst ließ Müller-Ötvös plötzlich alle noble Zurückhaltung fahren. In scharfen Worten giftete der 57-jährige gebürtige Düsseldorfer gegen einen weiteren britischen Luxusautohersteller: Den Sportwagenspezialisten Aston Martin. "Keine Ahnung" hätte die Kollegen von superreichen Kunden, erklärte Müller-Ötvös gegenüber der Financial Times (FT; ¿) .

Der Grund für Müller-Ötvös' Ausbruch war Aston Martins jüngster Coup: In Genf präsentierten die Briten ein Konzept für eine viertürige Elektro-Limousine mit dem traditionsreichen Namen Lagonda. Damit haben die Briten Großes vor: Bereits 2021 sollen die ersten Lagonda-Modelle in Serie gehen - als rein elektrisch angetriebene, direkte Konkurrenz zu Rolls-Royce. Die Lagonda-Fahrzeuge sollen auf 640 Kilometer Reichweite mit einer Batterieladung kommen. "Sie soll andere Leute als die Traditionalisten ansprechen - etwa jene, die etwas höherwertiges als einen Tesla wollen", stichelte Aston-Martin-Chef Andy Palmer bewusst gegen Rolls.

Aston Martins Chefdesigner, der lange bei Rolls-Royce gearbeitet hatte, setzte noch einen drauf. Er verglich die Marke Rolls-Royce mit dem "antiken Griechenland". Rolls-Royce sei ein "unperfektes Gesamtpaket für Luxus", urteilte er gegenüber der britischen Fachzeitschrift Autocar.

Kampf um die Deutungshoheit bei E-Mobilen für Superreiche

"Höchst unprofessionell" seien diese Bemerkungen, richtete Müller-Ötvös daraufhin via FT aus. Zwar seien die Beziehungen zwischen den drei britischen Luxusautomarken Rolls-Royce, Bentley und Aston Martin immer "freundschaftlich" gewesen. Doch Müller-Ötvös wertet den jüngsten Aston-Martin-Vorstoß wohl als eine Art automobile Kriegserklärung.

Fotostrecke

Ist das die Zukunft der Auto-Luxusklasse?: Robo-Rolls-Royce - so könnte die fahrerlose Luxus-Zukunft aussehen

Foto: Rolls-Royce

Nur Stunden nach den Ansagen der Konkurrenz veröffentlichte Rolls-Royce eine Pressemitteilung zum seinen eigenen Elektroauto-Pläne. Vor zwei Jahren hatten die Briten bereits eine aufsehenerregende Elektroauto-Studie vorgestellt - den 103 EX, ein selbstfahrendes Ultraluxus-Gefährt. Damit habe man bereits die "Tagesordnung für die Luxusmobilität festgelegt", tönt Rolls-Royce darin. Seither sei klargeworden, dass auch andere Automarken "unsere Vision anerkennen" - und zwar so weit, "dass sie die meisten Aspekte übernehmen, abgesehen von den visionärsten und radikalsten".

Rolls-Royce bezichtigt Aston Martin also indirekt des Ideenklaus - und Müller-Ötvös legte in der FT noch nach . Aston Martin "versteht überhaupt nicht unser Segment, sie verstehen auch überhaupt nicht unsere Kunden. Sie sind in einer völlig anderen Liga bei den Preisen, sie haben wirklich keine Ahnung davon, was im oberen, oberen Segment vorgeht", empörte sich Müller-Ötvös. "Es tut mir leid, dass ich das so direkt sagen muss".

Harte Bandagen bei Deutungshoheit bei Elektroauto-Visionen

Der heftige Streit die Deutungshoheit bei Luxus-Elektroautos kommt nicht von ungefähr. Denn auch Nischenmarken in den obersten Segmenten müssen überzeugende Antworten finden auf die Umwälzungen im Automobilbau, auf die zunehmende Elektrifizierung der Antriebe, der abnehmenden Beliebtheit von Limousinen und neuer Formen des Autoteilens und des Autobesitzes.

Porsche, Maserati und auch Bentley verdienen bereits viel Geld mit ihren Geländewagen - und haben für die Zukunft bereits Hybrid- und Elektroautos angekündigt. Rolls-Royce werkt noch an seinem ersten SUV - ebenso wie Aston Martin. Punkto Elektroantriebe hat Rolls jedoch einen Vorteil gegenüber Aston Martin: Als BMW-Tochter hat Rolls-Royce sowohl Zugriff auf reichliche finanziellen Ressourcen und Konzerntechnik, um den Übergang zum E-Auto-Zeitalter überzeugend hinzubekommen.

Bei Aston Martin sieht das auf den ersten Blick nicht ganz so einfach aus. Die britische Sportwagenmarke hat sich gerade erst von einem jahrelangen Tief erholt und schrieb 2017 erstmals wieder Gewinne. Zudem hat sie keinen finanzstarken Autokonzern im Hintergrund: Sie gehört der italienischen Investorengruppe Investindustrial und dem kuwaitischen Investitionsfonds Dar. Immerhin kooperiert Aston Martin aber mit Daimler bei Motoren und Technologie. Diese Zusammenarbeit könnten die Briten wohl auch auf Batteriesysteme und elektrische Antriebsstränge ausweiten.

Lagonda-Vorstoß als Börsengangs-Vorbereitung?

Die Kampfansage von Aston Richtung Rolls dürfte aber noch einen anderen Hintergrund haben: Aston Martin erwägt seit einiger Zeit einen Börsengang. Dazu passt auch die Aussicht auf eine neue Nobel-Elektroautomarke, mutmaßt nicht nur Rolls-Royce-Chef Müller-Ötvös. "Das kling nach einer Börsengangs-Fantasiestory", meint er.

Gegenüber der FT  äußern sich auch Aktienanalysten ähnlich. Die Marke Lagonda werde wohl den Wert des Unternehmens in den Augen potenzieller Investoren steigern, meint etwa Philippe Houchois von der Investmentbank Jefferies.

Und ein Kenner der Werbebranche mutmaßt, dass die Kampfansage von Aston Martin Richtung Rolls-Royce ein globales Markenaustesten sei. Da ging Aston Martin zuletzt ungewöhnliche Wege. Die Briten haben ihren bereits auch für ein U-Boot hergegeben - oder für eine Luxusimmobilie in Miami.

Aston Martin meine wohl, meint der Branchenkenner, dass ihr Markenname zugkräftiger sei als der von Rolls-Royce. Zwar habe Rolls-Royce eine enorme Markenstärke. Doch unantastbar sei diese nicht.

Das erklärt wohl auch die nicht gerade gelassene Reaktion von Müller-Ötvös auf den Vorstoß der Konkurrenz - die ja angeblich keine ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.